Handball Umstrittene Armbinde

Probelauf für die EM in Polen: Tobias Karlsson bei einem Test des schwedischen Handball-Teams am 5. Januar dieses Jahres in Malmö - mit Kapitänsbinde in Regenbogenfarben.

(Foto: Bildbyran/imago)

Schwedens Kapitän will bei der EM ein Zeichen setzen und die Regenbogenfarben am Arm tragen. Die Aufregung bei den Gastgebern im erzkonservativen Polen ist groß. Das deutsche Team lobt die Idee.

Von Joachim Mölter

Irgendwann zwischen Vormittagstraining, Mittagessen und Nachmittags-Nickerchen wollten die deutschen Auswahl-Handballer an diesem Mittwoch noch dringend eine Botschaft loswerden. Sie war an den Kapitän der schwedischen Mannschaft gerichtet, die bei der bevorstehenden Europameisterschaft in Polen (15. bis 31. Januar) ein Vorrundengegner des deutschen Teams ist (Montag, 18. Januar, 18.15 Uhr/ARD). Also zwitscherten sie auf dem schnellsten Weg, nämlich über den Twitter-Kanal des Deutschen Handballbundes (DHB), hinaus: "Daumen hoch, Tobias #Karlsson - eine grandiose Idee und ein wichtiges Zeichen!"

Der beim Bundesligisten SG Flensburg angestellte Kreisläufer Karlsson, 34, hatte zuvor angekündigt, wie bei den jüngsten Vorbereitungsspielen auch bei der EM in Polen mit einer sechsfarbigen Kapitänsbinde auflaufen zu wollen: rot, orange, gelb, grün, blau, violett - die Farben des Regenbogens. Die internationalen Symbolfarben der Lesben- und Schwulenbewegung. Schwedens Kapitän will damit bei dem kontinentalen Turnier ein "starkes Zeichen für Toleranz und Gleichbehandlung aller Menschen" setzen, wie er dem Sport-Informations-Dienst (sid) und der dänisch-deutschen Tageszeitung Flensborg Avis  erklärte.

Im erzkatholischen, erzkonservativen und jüngst noch ein wenig weiter in die rechte politische Ecke gerückte Polen ist Karlssons Vorhaben durchaus brisant. Homophobie, also die soziale und gesellschaftliche Ablehnung von Homosexuellen, ist dort noch immer weit verbreitet. Man darf gespannt sein, wie das polnische Publikum in Wroclaw, dem früheren Breslau, reagiert, wenn Karlsson sein Team am Samstagabend mit der Regenbogenbinde zum EM-Auftakt gegen Slowenien führt.

Sofern er das überhaupt darf. "Ich habe die Nationalmannschafts-Leitung gebeten, zu prüfen, ob es Regularien für Strafen wie Punktabzüge in dieser Sache gibt", sagte der 34-Jährige. Zwar habe der europäische Handballverband EHF signalisiert, dass von seiner Seite aus nichts zu befürchten sei, berichtet der sid. Aber was die örtlichen Organisatoren dazu sagen, weiß man nicht. "Ich trage die Binde so lange, bis mich jemand aufhält", versicherte Karlsson dem sid und der Flensborg Avis, fügte jedoch hinzu: "Meine Bühne ist nicht Polen, sondern die schwedische Nationalmannschaft. Ich hätte die Binde auch in Norwegen oder Frankreich getragen."

Man muss die Regenbogenbinde ja auch nicht ausschließlich als Provokation gegen Polens Politik sehen - auch handballintern kann man sie als Signal interpretieren. Am Rande der Frauen-WM in Dänemark Anfang Dezember beklagten ja die beiden renommierten Funktionärinnen Jutta Ehrmann-Wolf aus Deutschland und Carmen Manchado aus Spanien, sie seien wegen ihrer Homosexualität nicht als Technische Delegierte vom Weltverband IHF nominiert worden; ein Ratsmitglied der IHF habe ihnen das mündlich bestätigt. Weil vom Weltverband und dessen sowieso umstrittenen Präsidenten Hassan Moustafa (Ägypten) keine Reaktion auf den Vorwurf der Diskriminierung kam, haben sich nun die europäischen Spitzenklubs, die im Forum Club Handball (FCH) zusammengeschlossen sind, namens der beiden Frauen an das Internationale Olympische Komitee (IOC) gewandt. Dessen Präsidenten Thomas Bach (Deutschland) erinnerte der Frauen-Chef der FCH, Ernö Kelescenyi (Ungarn), in einem Brief, dass "dieses Verhalten der IHF gegen die olympischen Werte und Prinzipien gerichtet ist". Auch auf dieses Schreiben gab es bislang keine Reaktion von Funktionärsseite.

Dafür melden sich nun die Sportler zu Wort. "Ich finde es gut, dass er das macht, und unterstütze ihn in seiner Meinung", sagt Steffen Weinhold, ehemals Teamkollege von Karlsson in Flensburg. Der jetzt beim THW Kiel tätige Weinhold übernimmt bei der EM die traditionell schwarz-rot-goldene deutsche Kapitänsbinde vom verletzten Uwe Gensheimer. "Ich muss erst mal in die Rolle des Kapitäns reinwachsen", erklärte Weinhold: "Aber wie gesagt: Ich finde es gut, dass er Stellung bezieht." Auch Polens deutscher Nationaltrainer Michael Biegler wird von sid und Flensborg Avis mit aufmunternden Worten für Karlsson zitiert: "Grundsätzlich schätze ich Menschen sehr, die ein klares und offenes Weltbild haben und sich dafür auch einsetzen."

Die Regenbogenbinde ist im Übrigen auch in den polnischen Medien ein Thema. Angesichts des aktuellen Drucks der Politik auf Journalisten kann man sich den Tenor ausmalen.