Handball Kiel mit Pizarro

Drei Tore beim Einstand gegen Gummersbach: Kiels neuer Rückraumspieler Blazenko Lackovic.

(Foto: objectivo/imago)

Der kurzfristig engagierte 35-jährige Kroate Lackovic hilft dem THW, die vielen Verletzten zu kompensieren.

Von Jörg Marwedel, Kiel

Es gab für die Nationalspieler viele schöne Momente seit dem Gewinn der Handball-Europameisterschaft. Empfang in Berlin, Ball des Sports, Auftritt im ZDF-Sportstudio. Dazu diverse Talkshows, in denen die Profis Werbung für ihren Sport machen konnten. Die drei Kieler Steffen Weinhold, Christian Dissinger und Rune Dahmke durften sich in das Goldene Buch der Stadt eintragen, kurz hinter Queen Elizabeth II. und Angela Merkel.

Sieg gegen Gummersbach bringt den Anschluss an die Löwen

Und am Mittwochabend, vor der Rückkehr in den Liga-Alltag bei der Partie des Rekordmeisters THW Kiel gegen den einstigen Rekordmeister VfL Gummersbach, gab es in der mit 10 285 Zuschauern ausverkauften Arena noch einmal Geschenke - auch für die VfL-Europameister Carsten Lichtlein, Julius Kühn und Simon Ernst.

Es gab nur ein Problem aus der Perspektive des THW: Weinhold und Dissinger waren in Zivil zugegen. Weinhold hatte sich bei der EM einen Muskelbündelriss, Dissinger eine schwierige Adduktoren-Blessur zugezogen, weshalb die Kieler gewissermaßen die Zeche für diesen Triumph zahlen. Und weil zudem Patrick Wiencek und René Toft-Hansen mit Kreuzbandrissen länger ausfallen, Linksaußen Dahmke (Oberschenkelprobleme) und Rechtsaußen Christian Sprenger (Muskelverhärtung) passen mussten, fehlten den Kielern gleich sechs Stammkräfte. Auch der EM-Zweite Joan Canellas aus Spanien hätte wegen Rückenproblemen eigentlich nicht spielen dürfen. Doch weil Erlend Mamelund nach 36 Minuten die rote Karte sah, musste auch er wieder ran.

Als das Spiel vorüber war, zeigte sich THW-Trainer Alfred Gislason "ehrlich erleichtert". Sein Team hatte 31:26 (14:11) gewonnen und nach Pluspunkten wieder zum Tabellenführer Rhein-Neckar Löwen aufgeschlossen. Zu verdanken hatten die Kieler das im Wesentlichen drei Profis: Dem, so Manager Thorsten Storm, "herausragenden Kapitän" Domagoj Duvnjak mit neun Treffern, Linksaußen Dominik Klein (5) sowie Blazenko Lackovic (3).

Lackovic, dieser bereits 35 Jahre alte Weltmeister und Olympiasieger aus Kroatien, der einst vier Jahre für Flensburg und sechs Jahre für den HSV Hamburg aktiv war, spielte von Beginn an. Eigentlich wollte er in Skopje seine Karriere ausklingen lassen, doch als vor wenigen Tagen der Notruf aus Kiel kam, habe er nur zwei Minuten gebraucht, um zuzusagen. "Die Bundesliga", sagt Lackovic, "ist ein Magnet." Der Zugang spielte, als sei er schon lange Teil des Teams. Und weil der THW sich auch noch beim insolventen HSV bediente und den kroatischen EM-Dritten Ilija Brozovic und den estnischen Rückraumspieler Dener Jaanimaa übernahm, hofft man dort, die Lücken halbwegs geschlossen zu haben.

Und nicht nur deshalb ist Manager Storm wieder zuversichtlicher. Auch die Bundesligaklubs, die nicht international spielen, hätten jüngst beim Treffen am Rande des All Star Games in Nürnberg "Solidarität" gezeigt mit jenen Vereinen, die den Ruf der Liga weltweit voranbringen können, berichtete er. Alle seien dem Nationalmannschafts-Arzt Kurt Steuer gefolgt, der die vielen Verletzungen (auch bei den Rhein-Neckar Löwen fehlen zwei Nationalspieler: die Außen Patrick Groetzki und bis zuletzt Uwe Gensheimer) als Folge des rappelvollen Terminkalenders beklagte. Storm ist inzwischen sicher, dass im Sommer zwei Änderungen beschlossen werden, die es den auch in der Champions League aktiven Topklubs etwas leichter machen. Deren Forderung, künftig 16 statt 14 Spieler bei einem Bundesliga-Spiel einsetzen zu dürfen, um die Belastung für den Einzelnen zu reduzieren, wird wohl durchgehen. "Es geht nicht anders, wenn wir europäisch oben mitspielen wollen", sagte Storm. Die Konkurrenz aus Barcelona, Paris, Veszprem, Kielce oder Skopje habe in der nationalen Liga ein viel leichteres Programm. Dazu soll künftig bei Punktgleichheit nicht mehr das Torverhältnis über die Meisterschaft entscheiden, sondern der direkte Vergleich. Dann müssten die Profis nicht immer in gesundheitsgefährdenden Aktionen auf Torejagd gehen wie 2014. Damals hatte der THW im letzten Spiel mit einem 37:23-Sieg gegen Berlin noch die Löwen (nur 40:35 gegen Gummersbach) abgehängt - um zwei kümmerliche Tore.

Mit Wolff, Santos und Talenten - der THW bastelt am neuen Team

Im Übrigen bastelt der THW am Team für die Saison 2016/2017. Während Klein und Canellas den Klub verlassen, soll Lackovic eine ähnliche Rolle wie der Fußballer Claudio Pizarro bei Werder Bremen übernehmen. Er soll "die jungen Wilden begleiten", so Storm. Neben Nationaltorwart Andreas Wolff, 24, aus Wetzlar und Raul Santos, 23, aus Gummersbach kommen die 19 Jahre alten Talente Nikola Bilyk (Margareten, Österreich) und Lukas Nilsson (Ystad, Schweden). Der THW ist begeistert von diesen Transfers.