Bei der am Donnerstag beginnenden Handball-EM in Norwegen ist Kapitän Markus Baur trotz seiner 37 Jahre der wichtigste Mann für Bundestrainer Brand.
Am 11. Februar, so die Prognose der Ärzte, soll Markus Baurs dritter Nachkomme die Welt erblicken. Würden bei seiner Ehefrau Marion die Wehen früher einsetzen als am 28. Januar, würde Markus Baur sich in ein Flugzeug setzen, auch wenn am 27. Januar das Finale der Handball-Europameisterschaft mit deutscher Beteiligung stattfände. Aber, beruhigt der Weltmeister und Kapitän der Nationalmannschaft, es werde nicht so weit kommen. Die Geburtshelfer sollen dafür sorgen, dass sich Handball und Kind nicht in die Quere kommen.
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Die Ankunft des Nachwuchses ist freilich nur ein Höhepunkt des 37-jährigen Baur im Jahre 2008, die anderen sind sportlicher Natur. Ende vergangenen Jahres hat er seinen Vertrag als Spielertrainer beim Schweizer Klub Pfadi Winterthur nach nur sechs Monaten aufgelöst, um bei seinem früheren Verein TBV Lemgo nach der an diesem Donnerstag beginnenden Europameisterschaft Trainer und Sportdirektor zu werden. Witzbolde veranlasste das zu der Bemerkung, Baur sei nun "der Felix Magath des Handballs". Auch die Olympischen Spiele in China soll der deutsche Regisseur noch mitmachen - als Spieler. Das jedenfalls ist die Idee von Bundestrainer Heiner Brand, der "glaubt und hofft", dass dieser Plan aufgeht, obwohl Baur ja offiziell nach der EM kein Aktiver mehr ist.
Immer die richtige Intuition
Denn Markus Baur ist für Brand noch immer der wichtigste Mann, obwohl er ja längst nicht mehr so viel auf dem Feld steht wie früher. Der Bundestrainer schätzt einerseits, "dass wir seit elf Jahren in der Nationalmannschaft vertrauensvoll zusammenarbeiten". Ein hohes Gut für den konservativen Coach, es wurde unter anderem mit einem Weltmeistertitel (2007), dem Gewinn einer Europameisterschaft (2004) und vor vier Jahren mit der Silbermedaille bei Olympia in Athen belohnt. Vor allem aber weiß Baur außergewöhnlich viel über die Spielkunst. Er hat fast immer die richtige Intuition. Er weiß, wie er seine Mitspieler richtig stellt. Er leitet die Spielvarianten so ein, dass meistens das richtige Ergebnis herauskommt.
Markus Baur redet schon lange wie ein Trainer. Und er macht kein Hehl daraus, dass Brand für ihn das Vorbild ist. "Ich habe", sagt er, "die ganzen Jahre schon beobachtet, wie er Handball spielt, rüberbringt und wie er eine Mannschaft führt." Er stehe "voll dahinter", hinter der Arbeitsweise Brands, und man kann sich vorstellen, dass er 2013 nach Ablauf von Brands Vertrag dessen Nachfolger werden könnte. Noch aber ist er eine Synthese aus Spieler und Trainer. Er hat sie in diesen Tagen hübsch auf den Punkt gebracht: "Bisher können die Mitspieler tun, was ich will. Bald müssen sie tun, was ich will." Das ist in etwa der Unterschied zwischen Kapitän und Coach.
Michael Kraus wird das bald merken, denn der 13 Jahre ältere Baur wird in Lemgo der Trainer seines Spielmacher-Schülers sein. Schon jetzt gibt er ihm viele Tipps. Und natürlich denkt Baur auch daran, ob der "Mimi" genannte Kraus ähnlich aufspielen kann wie Anfang 2007, als er bei der WM den Durchbruch im Nationalteam schaffte. "Man darf ihn nicht soviel konfrontieren mit dieser Situation", glaubt Baur. Dann fängt man nämlich an, nachzudenken. Und das wäre in diesem Fall womöglich der falsche Weg für jemanden, der mit seiner lockeren Art nach Meinung vieler WM-Beobachter schon auf dem Weg zum "Handball-Superstar" war.
Mehr Einsätze als Kretzschmar
Kraus und Baur, das wird demnächst noch aus einem anderen Grund eine spezielle Beziehung. Wenn Baur seinen Dienst in Lemgo antritt und das erste Spiel verloren geht, dann werde, da ist er sicher, "die erste Frage sein: Wann spielen Sie wieder?" Er werde es aushalten müssen bis zu den Olympischen Spielen. Denn eines sei auch klar: "Wenn Kraus ausfällt, soll ich dann ohne Mittelmann spielen? Oder sage ich: Ich habe noch einen - mich?" Bis Olympia muss Baur ohnehin so viel für seine Fitness tun, dass er im Prinzip spielen könnte. Was also soll er auf solche Fragen sagen?
In Norwegen aber ist der Kapitän noch Spieler. Er weiß, dass er eine außergewöhnliche Karriere mit zwei Turnieren noch außergewöhnlicher machen kann. Gerade hat er Stefan Kretzschmar mit 220 Länderspiel-Einsätzen überholt. Er hat mit seiner Schweizer Mannschaft in Winterthur den WM-Film "Projekt Gold" angeschaut. Dort wurde auch gezeigt, was für ein großer Teamgeist im deutschen Kader herrschte und dass die Kollegen einmal sehr spät Pizzas orderten, was Brand als "Jugendmentalität" geißelte. "Auch ich habe eine bestellt, Pizza Hawaii", sagt Markus Baur lächelnd.
Viel wichtiger sei doch, dass nach der gewonnenen WM keiner den Kopf verloren und gedacht habe, er müsse sich jetzt in den Mittelpunkt stellen. Das sei "ein Charakterzug der Mannschaft", und es gilt auch für ihn selbst. Dabei ist es gar nicht so einfach. Nie zuvor hatte ein Handball-Spiel bislang den Fußball im Fernsehen geschlagen - bis zu jenem Tag, als das Endspiel Deutschland gegen Polen (29:24) mit mehr als 16 Millionen die Sportart Nummer eins auf Rang zwei bei den Einschaltquoten des Jahres 2007 verwies. Nun aber kommt schon das nächste "Projekt Gold". Und Markus Baur sagt: "Wir wollen versuchen, dass es wieder klappt." Eine kernigere Aussage ist weder bei Brand noch bei seinem Kapitän hervorzulocken.
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...wenn nicht alle gefühlten zwei Monate eine internationale Welt-, Europa- oder sonstige Meisterschaft ausgetragen werden würde. Da denkt man sich, "kann ich auch ruhig mal verpassen, in ein paar Wochen ist ja bestimmt wieder was los"... Inflationär, das.