Handball-Europameisterschaft Das letzte Aufgebot

Vor dem Duell mit Dänemark um den Einzug ins Halbfinale setzt sich die Verletztenmisere der deutschen Handballer fort: Für Kapitän Weinhold und Rückraumschütze Dissinger ist das Turnier bereits beendet.

Von Joachim Mölter, Wroclaw

Der Handball-Bundestrainer Dagur Sigurdsson hat sich vorgenommen, nie, nie, nie, aber auch niemals über verletzte Spieler zu sprechen. Also solche, die er sowieso nicht einsetzen kann, und die seiner Mannschaft somit nicht helfen können. Das hat er auch bei der Europameisterschaft in Polen bis zum Montag durchgehalten, dann aber kam er nicht mehr darum herum. Denn seine Auswahl hatte das 30:29 (17:16) über Russland am Abend zuvor teuer bezahlt. Kapitän Steffen Weinhold zog sich beim letzten Angriff des Gegners einen Muskelbündelriss in der Leiste zu, als er sich einem Russen in den Weg stellen wollte - sechs bis acht Wochen Pause lautete die erste Diagnose nach der Untersuchung im Krankenhaus. Auch der siebenmalige Torschütze Christian Dissinger erlitt in der Schlussphase eine Adduktorenverletzung, nicht ganz so schlimm wie sein Kieler Klubkollege Weinhold; aber auch für ihn ist das Turnier beendet. "Wir sind in einem guten Rhythmus, haben einen guten Lauf", sagte Sigurdsson, "die Verletzungen werfen uns jetzt zurück, das muss man einfach so sagen."

Trainer Sigurdsson nominiert Kai Häfner aus Hannover und Julius Kühn aus Gummersbach nach

Der Sieg über Russland war bereits der vierte in Serie bei diesem Turnier. In der Hauptrunde hatten sich die Auswahlspieler des Deutschen Handballbundes (DHB) damit in die gewünschte, erhoffte, erträumte Ausgangsposition für das abschließende Gruppenspiel gegen Dänemark am Mittwoch (18.15 Uhr/ARD) gebracht: Dort haben sie es in den eigenen Händen, mit einem Sieg ins Halbfinale einzuziehen. Theoretisch zumindest. Praktisch haben sie ohne ihre beiden wichtigsten Rückraumspieler eher keine Chance mehr gegen die Dänen, das einzige bei dieser EM noch unbesiegte Team.

Sekunden vor dem Abpfiff: Beim Versuch, den Russen Dimitri Schitnikow zu stoppen, zieht sich der deutsche Kapitän Steffen Weinhold einen Muskelbündelriss zu.

(Foto: Camera 4/imago)

"Wir haben praktisch auf jeder Position einen Mann verloren, außer im Tor", rekapitulierte Dagur Sigurdsson in Erinnerung an das 30:30 gegen Dänemark bei der WM vor einem Jahr in Katar. Im Tor stand seinerzeit und steht auch diesmal wieder der Routinier Carsten Lichtlein, 35, der nun wohl die Kapitänsbinde von Weinhold übernehmen wird. Aus der damaligen Anfangsformation auf dem Feld fehlten bei der EM indes von vornherein die Flügelspieler Uwe Gensheimer (Achillessehnenbeschwerden) und Patrick Groetzki (Wadenbeinbruch) sowie Kreisläufer Patrick Wiencek (Kreuzbandriss) und der Halblinke Paul Drux (Schulteroperation). Nun kommt der Halbrechte Weinhold dazu. Der sechste Mann von Katar, Regisseur Martin Strobel, hat bei der EM eine gute, aber keine herausragende Rolle gespielt, er wurde vom wurfgewaltigen Dissinger aus der Anfangsformation verdrängt.

Bob Hanning, der für den Leistungssport zuständige Vizepräsident im DHB, wollte dennoch nicht von einer B-Mannschaft sprechen, die nun gegen einen der größten EM-Favoriten neben Titelverteidiger Frankreich antreten und bestehen muss. "Der Ausdruck 1B-Mannschaft würde mir besser gefallen", sagte Hanning.

Denn wenn die DHB-Auswahl im bisherigen Turnierverlauf eins gezeigt hat, dann war es, "dass wir mit Rückschlägen ganz gut umgegangen sind", wie Carsten Lichtlein findet. Dazu gehört auch, dass immer wieder Spieler in die Bresche springen, mit denen man nicht rechnet, gegen Russland war es zum Beispiel der zuvor nur sporadisch eingesetzte Kreisläufer Erik Schmidt, der sechs Tore zum Erfolg beisteuerte. "Dagur hat ein ziemlich gutes Gefühl dafür, wer gerade in der Lage ist, das Spiel für uns zu machen", sagt Alexander Haase, einer der beiden Assistenztrainer von Sigurdsson.

Adduktorenverletzung, kein EM-Einsatz mehr: Die Ärzte der deutschen Handball- Nationalmannschaft helfen Torjäger Christian Dissinger auf.

(Foto: Camera 4/imago)

Der Isländer hat noch am Sonntagabend zwei Ersatzspieler aus dem erweiterten EM-Kader für Weinhold und Dissinger kommen lassen, den Hannoveraner Kai Häfner sowie den Gummersbacher Julius Kühn; er darf ja im Turnierverlauf dreimal wechseln. "Zum Glück haben wir die beiden schon beim letzten EM-Lehrgang in Berlin dabei gehabt", sagte Sigurdsson. Der Linkshänder Häfner war in den letzten Testspielen gegen Island sogar zum Einsatz gekommen, er kennt die Angriffsspielzüge also aus praktischer Erfahrung. Kühn kennt sie zumindest aus dem Training. "Die Abwehr ist Willenssache, und den Willen hat Julius", sagt Lichtlein über seinen Gummersbacher Vereinskollegen.

Der DHB-Auswahl bleiben zwei Tage, um die Neuen im Training zu integrieren. "Es ist ein Riesenvorteil, dass sie nicht bei Null anfangen", findet Erik Schmidt, der wie die meisten deutschen Spieler einen erstaunlich aufgeräumten Eindruck macht, trotz der Verletzungsausfälle. "Die schränken unsere Möglichkeiten ein", gibt Assistent Haase zu, "aber wir haben gezeigt, dass wir flexibel reagieren können. Ob's dann reicht, wird man sehen."

Erik Schmidt gibt zu bedenken, dass die Neuankömmlinge "ja noch frisch sind, weil sie das Turnier nicht in den Beinen haben". Das sieht auch Kapitän Weinhold so, der trotz seiner Verletzung bei der Auswahl bleiben will: "Ich glaube, dass die Mannschaft das wegstecken kann." Zumal sie erstmals bei dieser EM zwei Tage Pause vor dem nächsten Spiel hat.

In der deutschen Delegation wollen sie sich jedenfalls nicht ausreden lassen, dass sie eine Chance gegen Dänemark haben, so gering sie auch geworden sein mag. "Die haben wir uns erarbeitet und verdient", findet Erik Schmidt. "Wir sind Außenseiter, wir haben nichts zu verlieren", sagt Carsten Lichtlein.

"Wir werden sicher nicht aufgeben", verspricht Dagur Sigurdsson, "sondern kämpfen bis zum Umfallen."