Handball-EM Verbotener Stoff

"Ich bin traurig": Tobias Karlsson über das Verbot.

(Foto: Bildbyran/Imago)

Unmittelbar vor dem Start der Europameisterschaft in Polen untersagt der europäische Verband das Tragen der Regenbogen-Farben.

Von Joachim Mölter, Wroclaw

Welche Farbe die deutsche Kapitänsbinde hat? "Keine Ahnung", gibt Steffen Weinhold zu, der die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) bei der EM in Polen (bis 31. Januar) anführt, in Vertretung des verletzten Uwe Gens- heimer. Spätestens beim deutschen Auftaktspiel gegen Spanien am Samstagabend (18.30 Uhr/ZDF) wird Weinhold wissen, wie seine Binde aussieht. Aber bunt, gar regenbogenbunt wird sie in keinem Fall sein, das hat der europäische Handball-Verband EHF vor dem Turnierbeginn am Freitag klargestellt: "Die Kapitänsbinde wird als Teil der Spielkleidung einer Mannschaft betrachtet und muss dieser deshalb entsprechen. Sie sollte einfarbig oder in den Farben der jeweiligen Nation sein", hieß es in einem Hinweis, den alle Teams bekamen.

Damit reagierte die EHF auf das Vorhaben des schwedischen Spielführers Tobias Karlsson, der ein quer gestreiftes Armband mit den sechs Regenbogenfarben rot, orange, gelb, grün, blau und violett tragen wollte - das internationale Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung. Karlsson, 34, verheiratet, eine Tochter, war im vorigen Jahr Botschafter der in Stockholm ausgetragenen Euro Games, eine von der European Gay&Lesbian Sport Federation (EGLSF) organisierten, aber auch für Heterosexuelle offenen Veranstaltung. Für Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben wollte Karlsson weiter werben, er trug die Regenbogenfarben auch in den fünf Testspielen vor der EM. "Meine Bühne ist nicht Polen, sondern das schwedische Nationalteam", hatte er versichert: "Ich hätte sie auch in Norwegen oder Frankreich getragen."

Im katholisch geprägten, nach den jüngsten Wahlen politisch nach rechts gerückten Polen kam sein Ansinnen aber offenbar nicht gut an. Die von der EHF verbreitete Erklärung lässt jedenfalls vermuten, dass das Verbot der Regenbogenbinde auf Druck der polnischen Ausrichter erfolgte. Noch am Mittwoch hatte die EHF ja keine Bedenken gegen die bunte Binde geäußert. In den danach folgenden Mitteilungen ist dann von einer Entscheidung des Turnier-Managements die Rede, also der örtlichen EM-Ausrichter. EHF-Präsident Jean Brihault (Frankreich) wird darin so zitiert: "Die Gleichstellung aller Menschen unabhängig von ihrer Rasse, Religion oder sexuellen Orientierung ist in den Statuten des Verbandes beinhaltet. Ungeachtet unserer persönlichen Ansichten ist die EHF als Institution aber nicht in der Lage, solche Zeichen bei Spielen oder Veranstaltungen zu erlauben, einschließlich der EM."

"Eine seltsame Entscheidung", findet Steffen Weinhold, der Kapitän der Deutschen

Bei den Akteuren stößt das Verbot der Regenbogenbinde auf Unverständnis. "Es ist traurig, dass uns die EHF daran hindert, zu zeigen, wie wir zu Offenheit, Mitgefühl und gleichen Werten stehen", ließ der beim Bundesligisten SG Flensburg engagierte Karlsson auf der Homepage des schwedischen Verbandes mitteilen. "Ich weiß nicht, ob diese Regel nachträglich hinzugefügt worden ist, aber es ist eine seltsame Entscheidung", findet DHB-Kapitän Weinhold. Der seit Sommer 2014 für den polnischen Doublegewinner KS Vive Kielce spielende Tobias Reichmann sagt: "Ich weiß nicht, ob das Verbot von polnischer Seite kam oder vom europäischen Verband. Aber ich halte es für ein schlechtes Zeichen, das wirft generell kein gutes Licht auf das Turnier." Zumal Wroclaw, das frühere Breslau, nicht nur Vorrunden-Spielort der Handball-EM mit Schweden, Deutschen, Spaniern und Slowenen ist, sondern neben San Sebastián in diesem Jahr auch Europas Kulturhauptstadt.

In der schwedischen Mannschaft hat die Geschichte natürlich für eine gewisse Unruhe gesorgt. "Wir wollten Tobias als Team unterstützen", sagt ihr Torhüter Mattias Andersson, "es ist schade, dass wir das jetzt nicht können. Aber wir müssen die Entscheidung der EHF akzeptieren." Auf eine Konfrontation wollen sich die Schweden jedenfalls nicht einlassen. "Wir haben Stellung bezogen als schwedische Mannschaft, wo wir bei diesem Thema stehen", sagt ihr Trainer Ola Lindgren: "Wir haben eine Botschaft rausgeschickt und viel Aufmerksamkeit dafür bekommen. Damit ist wenigstens die Diskussion eröffnet."

In einigen Ländern scheint die Botschaft angekommen zu sein, angeblich wollten bei der EM auch der Isländer Gudjon Valur Sigurdsson und der Norweger Bjarte Myrhol nach Karlssons Vorbild ihre Teams mit der Regenbogenbinde anführen. Nur in Polen wird die Botschaft nicht zugestellt.