Handball-EM Trainer Sigurðsson verwandelt deutsche Handballer in Isländer

Dagur Sigurðsson

(Foto: Jens Wolf/dpa)

"Ruhe", "Kopf bewahren": Trainer Dagur Sigurðsson führt das DHB-Team phänomenal durch das Turnier.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Es gibt ja diese berühmte These im Sport, dass eine Mannschaft irgendwann den Charakter ihres Trainers annimmt. Ein weites Spielfeld für Psychologen bietet sich da an, wenn Mourinho wieder eine ausgebuffte Mourinho-Mannschaft erzieht, Guardiola eine neue Tüftler-Truppe ausbildet; interessant war es einst auch zu beobachten, wie es Rehhagel immer wieder gelang, Deutsche wie auch Griechen in eine Otto-Funktionself zu verwandeln.

Im Fußball fällt so eine Metamorphose einer Gruppe öffentlich auf. Im Handball kaum noch, zumal hierzulande dieser einstige Volkssport - seit dem Verschwinden des Heiner-Brand-Schnauzbartes - nur noch mühsam in einigen Spezialprogrammen zu entdecken war. Plötzlich aber versammeln sich immer mehr Millionen vor den Bildschirmen, um immer neue Namen zu lernen.

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Weinhold und Dissinger, die Kieler, waren zumindest den Experten bekannt, aber da diese beiden sich am Sonntag beim 30:29-Thriller gegen die Russen verletzt hatten, mussten für den 25:23-Thriller gegen die Dänen Reservisten namens Häfner und Kühn aus Deutschland aktiviert werden. Debütanten bei einem großen Turnier, die plötzlich in der Spielertraube mit den vielen anderen neuen Gesichtern auftauchten, die sich das Sport-Publikum jetzt einprägen sollte.

Denn so schnell werden sich diese neuen Gesichter, wird sich diese neue Generation nicht verabschieden. Unabhängig davon, wie es im Halbfinale am Freitag gegen Norwegen weiter geht - es ist die jüngste Mannschaft des Turniers.

In den Auszeiten, die das Fernsehen einblendet, ist dann Dagur Sigurðsson, 42, zu entdecken, der Trainer, geboren in Reykjavík. Ein Isländer, der gegen die Dänen bei einem Zwei-Tore-Rückstand wenige Minuten vor Abpfiff - also in jenen Momenten, in denen gemeinhin vor dem Wurf die Hände zittern - in aller Seelenruhe seine Magnetplättchen über die Taktik-Tafel schob. Und der dabei ohne jede äußerlich erkennbare Anspannung Vokabeln wie "Ruhe", "Kopf bewahren", "Konzentration" in seine gestenarme Ansprache streute.

Gut, die deutsche Mannschaft hat davon profitiert, dass der Turnierplan die bis dahin ungeschlagenen Dänen benachteiligte, die drei Spiele in vier Tagen zu absolvieren hatten. Diese Gunst des Augenblicks auch zu nutzen, ist für ein so junges Team eine hohe Kunst. Erkennbar wurde ein variabler Matchplan für einen breiten Kader mit großer Zukunft.

Dies ist eine Trainer-Mannschaft - wer aber hätte gedacht, dass sich so viele Germanen so konsequent in kühle, nervenstarke Isländer verwandeln können?

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