Handball-EM Handball-EM: Sigurdsson fällt immer etwas ein

Dagur Sigurdsson: Mit Plan und trotzdem flexibel

(Foto: Getty Images)
Von Joachim Mölter, Wroclaw

Nach jeder gelungenen Aktion bei der Handball-Europameisterschaft in Polen geht ein Ruck durch die deutsche Mannschaft: Da werden Fäuste geballt, Arme in die Höhe gerissen, Mitspieler abgeklatscht. Die Profis peitschen sich gegenseitig auf, bis in einen Rausch hinein. Nur einer macht da nicht mit - Dagur Sigurdsson, der Bundestrainer.

Der 42 Jahre alte Isländer - geboren in Rejkjavik, U17-Nationalspieler im Fußball, im Handball 251 Einsätze für sein Land, zuletzt Trainer beim Bundesligisten Füchse Berlin - schaut dem Treiben in der Jahrhunderthalle von Wroclaw, dem früheren Breslau, cool von der Seitenlinie aus zu, häufig die Arme vor der Brust verschränkt, wie ein Tourist, der in der historischen Altstadt die Aussicht genießt.

Während alle vom Halbfinale reden, bleibt Sigurdsson ruhig

Die ist ja auch prima für die ersatzgeschwächte Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) nach dem 29:19 (17:9) über Ungarn zum Auftakt der Hauptrunde am Freitagabend. Sigurdssons notgedrungen verjüngtes Team liegt mit nun 4:2 Punkten in der Gruppe II in Lauerstellung hinter den führenden Spaniern und Dänen (je 4:0), die sich am Sonntag im direkten Duell jedoch gegenseitig Punkte abnehmen werden. Im DHB-Kader schauen sie deshalb schon auf das Treffen mit Dänemark am Mittwoch (18.15 Uhr/ARD), von einem Endspiel um die Halbfinal-Teilnahme ist die Rede, gar vom Einzug in die Runde der letzten vier. Doch auch da macht Sigurdsson nicht mit. "Wir feiern hier gar nichts", hat er am Samstagmittag erzählt, "wir kommen einfach ins Hotel und denken an das nächste Spiel."

Das findet ja bereits am Sonntag statt, gegen Russland (18.15 Uhr/ARD). "Darauf müssen wir uns wieder gut vorbereiten. Es ist nicht so, dass man auf Autopilot drücken kann und alles läuft von alleine", sagt Sigurdsson. Er weiß: Wenn seine Mannschaft gegen Russland nicht gewinnt, gibt es danach gegen Dänemark auch kein Endspiel mehr.

"Russland ist richtig stark und kann uns sehr weh tun"

Vor den nach einem mehrjährigen Tief langsam wieder erstarkenden Russen hat Dagur Sigurdsson eine Menge Respekt. "Das wird ein anderes Spiel als gegen Ungarn", glaubt er. "Russland ist richtig stark und kann uns sehr weh tun. Es ist die gleiche Situation wie im letzten Jahr bei der WM." Da setzte sich die DHB-Auswahl in einer umkämpften Begegnung nur knapp 27:26 durch.

Sigurdsson wird sich also etwas einfallen lassen müssen, aber das ist ihm im Verlauf dieses Turniers ja bislang immer gelungen. In den anderthalb Jahren, in denen er nun dem Nationalteam vorsteht, hat er sich den Ruf erarbeitet, ein genialer Handwerker zu sein, mit einem klaren Plan und genug Flexibilität, um ihn wieder zu verwerfen und auf Unvorhergesehenes zu reagieren.