Handball-EM Deutschland schlägt Russland: "Wir sind einfach nur ausgerastet"

Bleibt mit Deutschland weiter auf Halbfinal-Kurs: Erik Schmidt

(Foto: Getty Images)

In einem dramatischen Spiel gewinnen die deutschen Handballer mit 30:29. Allerdings humpelt Steffen Weinhold Sekunden vor Ende vom Platz.

Siegesserie ausgebaut, das Halbfinale weiter möglich: Die furios aufspielenden deutschen Handballer sind bei der EM in Polen nicht zu stoppen. Die Mannschaft von Bundestrainer Dagur Sigurdsson besiegte Russland im zweiten Hauptrundenspiel nach einem Krimi mit 30:29 (17:16) und darf sich auf ein "Endspiel ums Halbfinale" am Mittwoch (18.15 Uhr/ARD) gegen den zweimaligen Europameister Dänemark freuen. Bester Werfer in der mit 14 EM-Debütanten angetretenen Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) gegen die Russen war der starke Kieler Christian Dissinger mit sieben Toren.

"Das war ein unglaubliches Gefühl beim Abpfiff. Wir sind einfach nur ausgerastet. Als ich gesehen habe, dass der isländische Eisblock auch so jubelt, gab es kein Halten mehr", sagte der starke Lichtlein über die Sekunden nach dem nervenaufreibenden Spiel. Sigurdsson musste nach den dramatischen Schlusssekunden erst einmal tief durchatmen. "Das war eine Schlacht. Kompliment an die Jungs. Wir haben es über die Bühne gebracht. Unglaublich", sagte der Isländer nach dem vierten Sieg in Folge.

Weinhold und Dissinger verletzen sich

Getrübt wurde die Vorfreude allerdings durch die Verletzungen von Kapitän Steffen Weinhold (Oberschenkel) und Torjäger Christian Dissinger (Hüfte). "Es sieht leider schlecht aus", sagte Sigurdsson und kündigte die Nachnominierung von Kai Häfner und Julius Kühn an. Beide sollen am Montag nach Breslau reisen, über einen Spielertausch will der Isländer bis Mittwochmorgen entscheiden.

Vier Erfolge in Serie - einen solchen Siegeszug hätte dem jüngsten aller 16 Teams vor Turnierbeginn kaum jemand zugetraut. "Für mich ist das ein Endspiel", hatte Sigurdsson vor dem Duell mit dem viermaligen Olympiasieger in der Jahrhunderthalle in Breslau erklärt. Im Gegensatz zur Gala zum Hauptrundenauftakt gegen den Olympia-Vierten Ungarn (29:19) erwischte der WM-Siebte aber einen schlechten Start. Nach einigen überhasteten Aktionen im Angriff und Unaufmerksamkeiten in der Abwehr lag die DHB-Auswahl schnell mit 0:3 (3. Minute) zurück.

Ausgeglichen bis zur Pause

Das deutsche Team kämpfte sich vor 6200 Zuschauern zurück ins Spiel und ließ sich auch von unglücklichen Entscheidungen der Schiedsrichter nicht beirren. Beim Stand von 5:7 hatte ein Wurf von Rune Dahmke die Linie knapp überschritten, doch die Unparteiischen aus Portugal ließen weiterspielen. Das deutsche Angriffsspiel wurde aber variabler, die Anspiele auf Kreisläufer Erik Schmidt (6 Tore) funktionierten immer besser. Im Rückraum war auf die wurfgewaltigen Dissinger und Steffen Fäth Verlass. Schmidt sorgte beim 10:10 für den Ausgleich. Als Fäth eine Minute später die erste Führung erzielte, sprang die gesamte deutsche Bank jubelnd auf.

Die zuletzt so bärenstarke deutsche Defensive um Abwehrchef Finn Lemke hatte aber weiterhin einige Probleme mit den trickreichen und flinken Russen. Das Torhüter-Duo Andreas Wolff und Carsten Lichtlein entschärfte zwar einige große Möglichkeiten des Ex-Weltmeisters, doch die Partie blieb bis zur Pause ausgeglichen.

Russland wirft den letzten Ball über die Latte

"Die Russen spielen sehr effektiv im Angriff. Wir haben nicht optimal gespielt und führen trotzdem. Jetzt holen wir uns die zwei Punkte", kündigte Wolff vor Beginn der zweiten Halbzeit in der ARD an, während Teammanager Oliver Roggisch "viel Luft nach oben" sah. Angesichts der 16 Gegentreffer stellte Sigurdsson seine Abwehr von einer 6:0- auf eine 5:1-Deckung um. Dahinter vertraute der Isländer Lichtlein, der in den vergangenen Spielen im Schatten von Wolff stand. Die Maßnahmen des Bundestrainers zahlten sich zunächst aus. Die Abwehr bekam nun einen besseren Zugriff, Lichtlein zeigte einige starke Paraden.

Im Angriff machte Dissinger sein bestes EM-Spiel. Nach zwei Toren des Rechtshänders und einem Gegenstoßtor von Dahmke zog das DHB-Team erstmals auf vier Tore davon 23:19 (40.). Doch auch eine 25:20-Führung (45.) bedeutete noch nicht die Entscheidung. Russland glich nach umstrittenen Schiedsrichterentscheidungen zum 26:26 (52.) aus.

In der packenden Schlussphase hatte Deutschland 40 Sekunden vor Ende den Ball, verlor ihn aber in der offensiven Deckung der Russen unnötig. Steffen Weinhold warf sich in den Tempogegenstoß und verletzte sich dabei, er humpelte vom Platz. Russland hatte noch 13 Sekunden für einen Wurf zum Ausgleich, warf den Ball aber über die Latte.