Von Klaus Hoeltzenbein

Deutschland - Frankreich - eine Partie, die im Stile zweier Super-Schwergewichtler aufgenommen wurde, die wissen, dass der Abend strapaziös werden würde. Über einen sehr kurzen Händedruck und warum Bundestrainer Heiner Brand in der Seele "durchaus frankophil" ist.

Kürzer kann ein Händedruck nicht sein. Würde es einen Weltrekord darin geben, wer wem sehr schnell und sehr distanziert die Hand geben und sie wieder wegziehen kann, der Franzose Claude Onesta und der Deutsche Heiner Brand wären in einem solchen Wettbewerb die Favoriten.

Holger Glandorf (rechts) und Andrej Klimovets im Kampf gegen Frankreichs Didier Dinart. (© Foto: AP)

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Am Mittwochabend lieferten die beiden Trainer eine Kostprobe ihres Könnens. Vor dem Spiel ein Sekundenklick, nach dem Spiel ein Sekundenklick, ohne Herzlichkeit, und ohne dabei einen Blick in die Augen des anderen zu riskieren.

Nur gut, dass Brand in der Hauptrunde der Handball-EM an diesem Donnerstag in Trondheim nicht mehr, wie zunächst befürchtet, abhängig ist vom taktischen Willen Onestas. Bedanken darf er sich dafür bei den Isländern. Die erwiesen sich als Kandidaten für einen Fairplaypreis und bezwangen im letzten Spiel am Mittwoch überraschend Ungarn mit 36:28. In der speziellen Arithmetik, die so ein Turnier entwickeln kann, kommt es damit heute gegen Schweden (19.20 Uhr, ZDF) zu einem kleinen Finale. Der Sieger darf die nach einem 26:23 (11:10) gegen Deutschland bereits qualifizierten Franzosen ins Halbfinale am Samstag nach Lillehammer begleiten.

"Uns hat heute dieser kleine Killerinstinkt gefehlt, um Frankreich zu schlagen", urteilte Torwart Henning Fritz über die eigene Niederlage. Es war eine kleine Revanche der Franzosen für jene beiden Niederlagen, die sei bei der WM 2007 erlitten, auch wenn die Dramatik in Trondheim nicht an jene der Spiele vor einem Jahr in Dortmund und Köln heranreichte. Obwohl die Deutschen sich nicht abhängen ließen, konnten sie doch in der Partie nicht ein einziges Mal in Führung gehen.

Im Grunde war es Michael Kraus zu danken, dass die Franzosen sich zwischenzeitlich nicht weiter als bis auf drei Tore (18:15) absetzen konnten. Der 24-Jährige musste nach der Pause den leicht angeschlagenen Pascal Hens in der linken Rückraumposition, der deutschen Problemposition des Turniers, vertreten. Dort zeigte er, dass er mehr sein kann als nur ein braver Stellvertreter.

Mit sechs Toren stellte Kraus immer wieder Kontakt her zu den Franzosen, die sich mit ihrer kraftstrotzenden Rückraum-Dreierkette Karabatic (8 Tore), Fernandez (7) und Narcisse (6) immer wieder Vorteile verschafften. "Glückwunsch an Frankreich", sagte Brand auf der Pressekonferenz, ohne noch einen Blick hinüber zu Onesta zu riskieren.

Beide Teams hatten die Partie im Stile zweier Super-Schwergewichtler aufgenommen, die wussten, dass der Abend strapaziös werden würde. So gab es anfangs keine Inflation der Tore, die wenigen, die fielen, wirkten jeweils wie ein Akt der Erlösung aus einer Nervenstrapaze.

Die Uhr zeigte bereits 7:03 Minuten an, da gelang es Hens als erstem, den famosen Torwart des THW Kiel, Thierry Omeyer, zu überwinden - zum Spielstand von 1:1. Die Deutschen suchten oft zu früh den Abschluss, Holger Glandorf traf vor der Pause nur einmal bei fünf Versuchen, doch auf ihre Abwehr war Verlass.

Henning Fritz zeigte sich Omeyer, der ihn in Kiel einst aus dem Tor verdrängt hatte, nahezu ebenbürtig, und der Held war zunächst einer, der nur in der Defensive eingesetzt wird: Oliver Roggisch. Er blockte viel gegen die famosen Distanzwerfer der Franzosen, Karabatic, Fernandez, Narcisse, ging aber mit einem schweren Makel in die zweite Hälfte: Er hatte bereits zwei Zwei-Minuten-Sperren abgesessen, bei der dritten durfte er nicht mehr eingesetzt werden.

Nach Anpfiff war Roggisch noch genau 3:35 Minuten mit von der Partie, dann erwischte er die lebende Sprungfeder, Luc Abalo, in der Luft und bekam dafür die dritte Zeitstrafe. "Ausschlaggebend war Rot für Roggisch", meinte Kraus. Damit dürfte er recht haben, denn fortan kamen die Franzosen zu leichteren Toren. Der Mann mit den starken Armen stand nicht mehr im Weg. Wer weiß, vielleicht verhinderte die Absenz von Roggisch ja ein dramatischeres Finale.

Man muss sich ja nur einmal an das Halbfinale der WM 2007 erinnern, als vielen Deutschen erstmals gewahr wurde, was für eine dramaturgische Zuspitzung, welche Theatralik dieser Sport entwickeln kann. Es war der Krimi von Köln, von Anpfiff bis Abpfiff ein Spiel auf der Rasierklinge, das die Deutschen nach zweimaliger Verlängerung mit 32:31 für sich entschieden.

Anschließend tanzte der von mancherlei körperlichen Beschwerden geplagte Heiner Brand Sirtaki, während Kollege Onesta Verschwörungstheorien entwickelte und den Besuch der Pressekonferenz verweigerte. Für den Franzosen hatten die Schiedsrichter die Partie entschieden, in den Augen der Deutschen war es Henning Fritz, der Unglaubliche, der den letzten Ball abgewehrt hatte. All diesen historischen Ballast hatten beide Parteien mit in die Revanche von Trondheim genommen, zu der Brand am Vorabend gesagt hatte, er sei in der Seele "durchaus frankophil".

Und über Onesta? "Wir haben kein Problem, er hat seine Freunde, ich habe meine Freunde."

Nur gut, dass Heiner Brand nicht mehr auf seinen Lieblingskollegen angewiesen ist. Die beiden Kurzhandschüttler können sich jetzt auch in Norwegen noch einmal begegnen, allerdings erst am Sonntag im Finale. Die unerwartete Hilfe der Isländer, gegen die die Deutschen am Dienstag noch 35:27 gewonnen hatten, hat wieder eine Banalität des Sports bestätigt: Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist.

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(SZ vom 24.01.2008/jkr)