Auch im vierten Spiel zeichnet sich bei den deutschen Handballern noch keine eindeutige Tendenz ab. Nach dem Remis gegen Russland droht das Vorrunden-Aus.
Schon vor dem Anpfiff ist zu spüren, wie diese Mannschaft Kontakt aufnimmt mit dem Spiel. Während der Hallensprecher noch die Spieler beider Teams vorstellt, ist die Truppe von Heiner Brand längst im Tunnel, steht dermaßen unter Spannung, dass es nur eines kurzen Tons aus einer kleinen Pfeife bedarf, um den Druck zu lösen. Dann marschiert eine Mannschaft los, die der gemeinsame, unbedingte Wille auf den Weg geschickt hat.
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Holger Glandorf überzeugte mit frechen Würfen - es reichte aber nur zu einem 24:24. (© Foto: dpa)
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Die deutsche Handballnationalmannschaft, Ausgabe Olympia 2008, weiß, dass sie nach den verletzungs- und rücktrittsbedingten Ausfällen eines kompletten Rückraums (Baur, Velyky, Hens, Kaufmann) nicht mehr über die brillanten Einzelspieler verfügt, sondern noch mehr über die kollektive Komponente des Mannschaftsgeistes kommen muss, als sie das in den vergangenen Jahren sowieso schon getan hat.
Gegen die Russen geht dieses Rezept zunächst perfekt auf - etwa acht Minuten lang. Bis dahin ist den von einem beachtlich lautstarken schwarzrotgoldenen Anhang ausdauernd angefeuerten Spielern kaum ein Fehler unterlaufen: vier Würfe, vier Tore. Die russische Bilanz bis dahin: erst ein Treffer.
Zeitz und seine berüchtigte Linie
Doch allmählich schleichen sich Fehler ein ins deutsche Spiel: Fehlpässe, Ballverluste, technische Fehler, auch Fehlwürfe. Die Rückraumschützen Michael Kraus und Holger Glandorf brauchen mal eine Pause, und dann sieht es im Rückraum mit Zeitz, Köhrmann und dem nachnominierten Sven-Sören Christophersen (23) eher mau aus. Christian Zeitz bleibt seiner berüchtigen Linie treu: hämmert zwei Bälle mit unfassbarer Wucht ins Netz, verballert aber in loser Folge fünf weitere Würfe. Den Rest des Spiels verbringt er auf der Bank.
Der russische Trainer-Fuchs Wladimir Maksimov hatte sich für eine 5:1-Deckung mit dem gewitzten Linksaußen Eduard Koksharov auf der Einser-Position und einem Zwei-Meter-Riesen dahinter entschieden. Spielmacher Oliver Köhrmann versucht dies des Öfteren mit Bodenpässen zu knacken, was jedoch selten gelingt: Die deutschen Kreisläufer Klimovets und Schwarzer kann er kaum ins Spiel bringen. Verlässlich treffen bis zur Halbzeit vor allem die Außenspieler Jansen und Kehrmann, meist mit perfekten Drehern. Dass es zur Halbzeit nur 10:11 heißt, liegt an Johannes Bitter, der mehr als ein halbes Dutzend russischer Chancen vereitelt. Die schwarzrotgoldene Abteilung schreit: "Joooogi Bitter!"
Freche Würfe von Glandorf und Kraus
Es bleibt eng in der zweiten Halbzeit. Nach 40 Minuten geht das deutsche Team wieder in Führung, 16:15. Auf der Bank steigt die Unruhe, Co-Trainer Heuberger, sonst ein eher stiller Geselle, erhält vom Schiedsrichter gar die gelbe Karte, was ihm einen äußerst entsetzten Ausdruck aufs Gesicht zeichnet. Heiner Brand spricht lange auf Spielmacher Köhrmann ein. Der nickt und nickt. Das Spiel ist in seiner entscheidenden Phase. Köhrmann muss es jetzt lenken. Es ist sein erstes großes internationales Turnier. Doch es sind Glandorf und vor allem Kraus mit seinen frechen Würfen, die das Team jetzt mit ihren Treffern im Spiel halten: 19:19 zehn Minuten vor Schluss.
Der schwarzrotgoldene Block steht, es ist ein Heimspiel. "Wer nicht hüpft, der ist kein Deutscher, hey, hey!" Die Russen bleiben dran, 23:23 zwei Minuten vor Schluss. Wer heute verliert, für den wird es eng mit dem Viertelfinale. Kehrmann trifft, die Fans brüllen "Defense!", noch eine Minute. Ausgleich durch den langen Igropulo, Brand nimmt eine Auszeit, noch 25 Sekunden zu spielen. Muss das eigentlich immer so spannend sein?
Glandorf geht nochmal durch, wird gehalten, Freiwurf. Ein letzter Wurf von Kehrmann, gehalten. Es ist vorbei. 24:24. Enttäuschung. Man hatte sich mehr vorgenommen. Dank an die Fans, die immer noch applaudieren. Wohl keine andere deutsche Olympia-Mannschaft kann sich über einen derart treuen Anhang freuen. Die Spieler wissen das. Schweißbänder fliegen ins Publikum, man beklatscht sich gegenseitig für das Geleistete. Doch die Schultern der Spieler hängen ein wenig runter. Sie wollten halt gewinnen. Unbedingt. Das müssen sie jetzt am Montag gegen Dänemark tun - ansonsten findet das Viertelfinale wohl ohne den Weltmeister statt.
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