Von Joachim Mölter

Wegen Olympia hatten beide Klubs nur wenig Vorbereitungszeit für den Handball-Supercup. Am Ende gewannen die Kieler, doch Hamburgs Potential beeindruckte.

Die neue Ära beim Handball-Klub THW Kiel begann so, wie die alte aufgehört hatte: mit einem Titel. Am Samstagnachmittag gewann der deutsche Meister und Pokalsieger in der Münchner Olympiahalle auch den Supercup, 33:28 (17:14) gegen den HSV Hamburg, der sich als Pokalfinalist für die Partie qualifiziert hatte. Für Kiels neuen Trainer Alfred Gislason war das ein gelungener Einstand, denn er muss die Nachfolge antreten des im Juni wegen zwischenmenschlicher Störungen mit Manager Uwe Schwenker entlassenen Noka Serdarusic. Und der hat in seinen 15 Jahren als THW-Coach immerhin elf deutsche Meisterschaften nach Kiel geholt, dazu fünfmal den Pokal und einmal die Champions League, nebst diversen weiteren europäischen Trophäen.

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Fast kein Durchkommen am Kieler Kreis: Arne Niemeyer (rechts) vom HSV bleibt an Filip Jicha hängen. (© Foto: dpa)

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Dass die Kieler den Isländer Gislason für viel Geld aus seinem Vertrag beim Bundesliga-Rivalen VfL Gummersbach herausgekauft haben (kolportiert werden Summen von bis zu 750000 Euro), trägt zusätzlich bei zu dem Druck, den man als Trainer sowieso fühlt, möglichst nahtlos an die gewohnten Erfolge anzuknüpfen. Nachdem Gislason, 48, das aber nun gelungen ist, kann er die am Dienstag beginnende Bundesliga-Saison erst mal in Ruhe angehen. Wobei er weiß, dass es wohl nur die Ruhe vor einem Sturm ist - dem Ansturm der Hamburger. "Der HSV hat heute gezeigt, welch unglaubliches Potential in der Mannschaft steckt", fand Gislason. Zu Recht, denn das Ergebnis täuscht über das Leistungsvermögen des HSV hinweg.

Wegen der Olympischen Spiele hatten beide Klubs nicht einmal eine Woche Zeit zur Vorbereitung, ein Umstand, der bei den Kielern weniger ins Gewicht fiel. Sie mussten nur vier Profis abstellen für Peking, den französischen Torhüter Thierry Omeyer und dessen Landsmann Nikola Karabatic sowie die Deutschen Christian Zeitz und Dominik Klein. Zudem ist nur der Trainer neu hinzugekommen. "Wir spielen unser gewohntes Spiel", berichtete Vid Kavticnik: "Es gibt nur zwei, drei neue Spielzüge im Angriff, ein paar Kleinigkeiten in der Abwehr, aber sonst ist alles gleich."

Nur zweimal Training

Der HSV Hamburg hingegen musste während Olympia auf insgesamt neun Akteure verzichten, zudem vier Zugänge integrieren. Trainer Martin Schwalb hatte erst am Donnerstag seine Spieler erstmals komplett beisammen, und dass die vor dem Supercup nur zweimal zusammen trainierten, war deutlich zu sehen. "Der eine wusste nicht, was der andere macht", beobachtete der verletzt aus Peking zurückgekehrte HSV-Rückraumspieler Pascal Hens (Bruch des Schienbeinkopfes). Die Abstimmungsprobleme führten dazu, dass Hamburg schnell 2:8 zurücklag (10. Minute) und später noch einmal 7:13 (21.). Zwar gelang zweimal der Ausgleich (18:18/34. und 20:20/36.), "doch in der entscheidenden Phase haben sich bei uns die Fehler wieder summiert", bilanzierte Schwalb, "und dann verliert man halt."

Auch wenn Kiel den in München wegen einer Ellbogenverletzung geschonten Welthandballer des Jahres Nikola Karabatic noch als Reserve hat, so erscheint das Potential des HSV momentan doch größer: Zum einen, weil sich die Mannschaft speziell im Rückraum enorm verstärkt hat mit dem Kroaten Blazenko Lackovic und dem Polen Marcin Lijewski; zum zweiten, weil sie ja noch gar nicht eingespielt ist; zum dritten, weil irgendwann auch die verletzten Hens und Oleg Velykky (Kreuzbandriss und Hautkrebsbehandlung) wieder dazustoßen werden. Entsprechend selbstbewusst trat Trainer Martin Schwalb trotz der Niederlage auf. "Ich hab' eine tolle Mannschaft", schwärmte er und versprach: "Wir werden alles tun, den Vorsprung von Kiel aufzuholen und den letzten Schritt dann auch noch zu tun." Das heißt: den Meister zu überholen.

Dass die Mannschaften nur zehn Tage nach Olympia in die Bundesliga-Saison starten müssen, fand Frank Bohmann, der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL), im Übrigen nicht optimal: "Man hat gesehen, dass es beiden Teams gut getan hätte, wenn sie noch zwei, drei Wochen zur Vorbereitung gehabt hätten", sagte er, verteidigte den frühen Saisonbeginn aber zugleich: "Wir haben keine andere Wahl gehabt. Wir werden in den internationalen Kalender gepresst."

Dass die Profis bei fünf Großereignissen innerhalb von vier Jahren (Welt- und Europameisterschaft im jährlichen Turnus, dazu Olympia) überlastet sind, ist seit langem Grund zur Klage von Vereinen und Spielern. Nun will die HBL zunächst beim europäischen Verband HF vorstellig werden wegen einer Reduzierung der internationalen Titelkämpfe. Der Antrag, EMs nur noch alle vier Jahre auszutragen, ist für den EHF-Kongress Ende September eingereicht, doch Bohmann ist skeptisch, was die Annahme angeht: "Da werden sicher die Pfründe verteidigt."

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(SZ vom 01.09.2008/mb)