Von Christian Zaschke

Vom Gewinnen aller gewinnbaren Titel: Kiels Handballer werden beim Final-Four-Turnier in Hamburg gegen den HSV auch Pokalsieger.

Noch dreieinhalb Minuten, die Handballer des HSV Hamburg lagen mit drei Toren im Pokalfinale gegen den THW Kiel zurück. Ging da noch was? Kiel hatte Kreisläufer Markus Ahlm wegen dreier Zeitstrafen verloren, die Mannschaft war mit kleinem Kader gekommen, der Verletzten wegen. Die Spieler könnten also müde sein, jetzt, kurz vor dem Ende des Pokalwochenendes in Hamburg. Kiels Trainer Noka Serdarusic rief irgendwas aufs Feld, was niemand hören konnte, da 14 000 Zuschauer in der Color Line Arena das übliche Inferno des Lärms entfesselten. Pascal Hens wuchtete den Ball für Hamburg ins Tor, noch drei Minuten und zehn Sekunden, es stand 28:30, und also wieder die Frage: Ging da noch was?

karabatic kiel

Niko Karabatic, die Sieggarantie des THW Kiel (© Foto: dpa)

Anzeige

Zwei Tore in drei Minuten, überhaupt kein Problem im Handball. Wenn der Gegner mitmacht. Der Gegner hieß allerdings der THW Kiel, der seit einiger Zeit alle gewinnbaren Titel des Handballs gewinnt, und also warf Börge Lund schnell ein Tor, und als Hamburg noch einmal traf, warf Lund halt schnell ein weiteres Tor, einfach so. Dann spielten die Kieler locker die Zeit runter, und als die Schlusssirene ertönte, stand es 32:29 (17:18) für den THW Kiel, der damit Pokalsieger ist. Schon wieder ein Titel für diese Mannschaft, die es wie keine zweite versteht, in den wichtigen Phasen am effektivsten zu spielen. Ein spannendes Final-Four-Turnier um den Pokal hatte einen verdienten Sieger gefunden, nachdem Hamburg und Kiel sich am Samstag in den Halbfinals gegen die HSG Nordhorn und die Rhein-Neckar-Löwen durchgesetzt hatten.

Auch am Rande eines solchen Pokalwochenendes gibt es einige erstaunliche Dinge zu sehen. Wenn im Handball einer der schwitzenden Männer auf den Boden fällt, dann wird anschließend gewischt. Nun ist ohnehin zu fragen, warum diese Aufgabe in den Hallen fast immer junge Frauen übernehmen müssen, im Hamburger Fall ist zudem zu fragen, warum es sehr junge Mädchen in bauchfreien T-Shirts sein mussten, die auf Po und Brust die Werbung eines Sexshops trugen. Mehr Chauvinismus und weniger Taktgefühl auf Seiten der Organisatoren sind schwer vorstellbar.

Eine erfreulichere Randerscheinung war der Nordhorner Handballer Rastko Stojkovic, der zu jener wunderbaren Spezies Sportler gehört, die man bereits für ausgestorben halten musste: der etwas zu dicke Handballer. Früher hatte jede Mannschaft zwei bis drei etwas zu dicke Handballer in ihren Reihen, die sich dennoch leichtfüßig bewegten, die in der Abwehr dichthielten und vorne gewaltige Kraft entwickelten. Manchmal waren die etwas zu dicken Handballer allerdings nicht direkt Sprinter. Da das Spiel immer schneller geworden ist, war allmählich kein Platz mehr für diesen Typus, es stehen mittlerweile fast ausschließlich vollkommen durchtrainierte Athleten auf dem Feld. Nun ist auch der Nordhorner Stojkovic durchaus trainiert, aber eben auch massig, und wie er so am Samstag über das Feld lief, erinnerte er an den Handball von einst. Dann verlor Nordhorn, und mit dem Klub verschwand auch Stojkovic aus Hamburg.

Die Spieler der Rhein-Neckar-Löwen waren nach ihrer Halbfinal-Niederlage gegen Kiel in Hamburg geblieben. Das Spiel um den dritten Platz hatte der Klub abgesagt (siehe nebenstehenden Bericht), und so saßen am Sonntag die Spieler bei den ob der Absage verärgerten Fans, um diese zu besänftigen. Gemeinsam sahen sie ein sehr intensives Handballspiel, in dem der HSV von Beginn an zeigen wollte, dass er dem THW mittlerweile ebenbürtig ist. In der ersten Halbzeit gelang das auch recht gut, immer wieder einmal lagen die Hamburger mit zwei Toren vorn, absetzen konnten sie sich jedoch nie. 18:17 führte das Team zur Halbzeit - und am Ende, so war die Hoffnung, würde der kleiner Kieler Kader doch müde werden müssen.

Der Kader wurde jedoch nicht müde, vielmehr sprang die gefürchtete Kieler Maschine an. Herz dieser Maschine ist der Franzose Nikola Karabatic. Wenn man einen idealen Handballer bauen könnte, dann käme am Ende Karabatic heraus, sowohl, was die körperlichen Voraussetzungen als auch, was den Siegeswillen angeht. Wann immer es brenzlig wurde, warf sich Karabatic in die Hamburger Deckung, und alles an ihm sagte: Ich will da durch. Ich will ein Tor. Ich will gewinnen. Neun Tore erzielte er am Sonntag, im Halbfinale am Samstag waren es acht, und damit war Karabatic Torschützenkönig des Turniers.

Wie effizient er und das Team sein können, zeigte sich, als nach einer knappen Dreiviertelstunde Kreisläufer Markus Ahlm bei einer kleinlichen Schiedsrichterentscheidung seine dritte Zeitstrafe kassierte und mit der roten Karte vom Platz musste - und kurz danach Kiel eine weitere Strafe kassierte, weil Trainer Serdarusic lautstark gemotzt hatte. Vier gegen sechs, nun waren die Kieler verletzlich, und sie gewannen diese Phase der Unterzahl 1:0. Den Hamburgern bleibt der Trost, dass sie gegen die derzeit wohl beste Handball-Mannschaft der Welt verloren haben.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(SZ vom 31.3.2008)