Hamburger SV Zu spät gemailt

Im zweiten Versuch dann doch im Hamburger Dress: Schon im Sommer wollte der HSV Josip Drmic holen.

(Foto: Stuart Franklin/Getty)

Dem Hamburger SV unterläuft eine kuriose Transferpanne: Die Unterlagen von Berns Sekou Sanogo treffen zu spät im Posteingang ein. Der Fehler könnte arge Folgen haben.

Von Jörg Marwedel, Hamburg

Wer Peter Knäbel für einen unglücklichen Sportdirektor hält, der hat seit Montag, 18 Uhr, erneut Anlass für diese These. Im vergangenen Sommer hatte Knäbel, seit Oktober 2014 beim Hamburger SV, mit der sogenannten "Rucksack-Affäre" für Aufsehen gesorgt; damals wurde sein Rucksack mit wichtigen Dokumenten wie Spielerverträgen und Gehaltslisten in einem Hamburger Park gefunden. Knäbel sagte, ihm sei der Tornister gestohlen worden, die Causa liegt vor Gericht. Nun, da der Fall allmählich in Vergessenheit gerät und der Klub sich stabilisiert, ist ihm erneut etwas Fatales unterlaufen. Der HSV wollte den defensiven Mittelfeldspieler Sekou Sanogo von Young Boys Bern verpflichten, der Ivorer hatte den Medizincheck bereits bestanden. Doch nach Knäbels Darstellung wurden die Dokumente aus Bern zu spät gemailt: um 18.04 Uhr, vier Minuten nach Schließung des Transferfensters.

Das Bittere für Knäbel ist nun die Reaktion der Schweizer, denen der HSV eigentlich die Schuld zuschieben wollte. Die Zeitung Blick zitierte Young-Boys-Sportchef Fredy Bickel, der behauptet, Knäbel habe die Berner am Montag um 16.31 Uhr gebeten, "die Vereinbarung aufzusetzen, er komme nicht mehr dazu". Laut Bickel sei das Schreiben um 17.51 und noch einmal um 17.54 Uhr an den HSV gemailt worden. Aber erst um 18.04 Uhr landete die elektronische Post offenbar beim HSV. Allerdings, so die Berner weiter, würden sie sich ohnehin fragen, wieso es die Hamburger nicht in den 30 Stunden nach der ersten Kontaktaufnahme geschafft hätten, den Wechsel des 26-Jährigen perfekt zu machen.

Der Drmic-Transfer klappt - aber es ist ein teures Leihgeschäft

Vom Spott mal ganz abgesehen, könnte der geplatzte Transfer noch arge Folgen haben für den HSV, der vier der vergangenen fünf Spiele verlor. Den Hamburgern, die nur noch drei Punkte vom Relegationsplatz entfernt sind, gehen nach dem Abschied von Marcelo Diaz (Celta Vigo) und der Verletzung des Schweden Albin Ekdal die defensiven Mittelfeldspieler aus - und just für diese Position war Sekou Sanogo, der Mann aus Bern, ja vorgesehen.

Zwei andere Personalien haben immerhin geklappt: Es kommen der Gladbacher Stürmer Josip Drmic, 23, und der Linksaußen Nabil Bahoui, 24, ein schwedischer Nationalspieler mit marokkanischen Wurzeln, der beim arabischen Klub Al-Ahli Dschidda spielte und ablösefrei nach Hamburg wechselte. Er soll die Nachfolge von Ivo Ilicevic antreten, der nach dieser Saison vermutlich zu Werder Bremen wechselt. Im Falle Drmic hat Knäbel erneut seine Schweizer Kontakte spielen lassen; bis 2014 war der Westfale ja Sportdirektor der Schweizer Nationalmannschaft. Die Verbindung ist nie abgerissen.

Schon vor einem Jahr wollte Knäbel den Stürmer Drmic nach Hamburg locken, aber damals verweigerte Leverkusen die Freigabe und verkaufte ihn lieber für zehn Millionen Euro nach Gladbach. Dort kam Drmic aber kaum zurecht, in 13 meist kurzen Einsätzen gelang ihm nur ein Treffer. Jetzt hat ihn Gladbach für die stattliche Summe von 1,2 Millionen Euro bis Saisonende ausgeliehen, ohne Kaufoption.

Ob das teure Leihgeschäft für den HSV ein guter Deal ist, wird sich zeigen müssen. Bedarf hatten die Hamburger auf dieser Position jedenfalls. Bis auf Pierre-Michel Lasogga haben sie keinen Stürmer mehr im Kader, mit dem man das Projekt Klassenerhalt guten Gewissens angehen könnte. Ivica Olic, 36, ist nach Ansicht von Trainer Bruno Labbadia nicht einmal mehr gut genug für die Ersatzbank. Und Sven Schipplock, im Sommer aus Hoffenheim gekommen, hat dem HSV nicht mehr helfen können als seinem vorigen Arbeitgeber. In den vergangenen Wochen war Knäbel deshalb durch halb Europa gereist. Der Transfer von Carlos Mané, einem Außenstürmer von Sporting Lissabon, scheiterte aber ebenso wie die Ausleihe des Chelsea-Talents Bertrand Traoré, 20.

Wie Knäbel hofft auch sein Gladbacher Kollege Max Eberl darauf, dass Drmic ein paar Tore für den HSV schießt. Wenn alles gut laufe, "bekommen wir im Sommer einen Spieler mit ganz anderem Selbstvertrauen zurück, dazu einen, der hoffentlich Erfahrungen bei der EM gesammelt hat", meinte Eberl. Und der HSV müsste dann den nächsten Stürmer holen und darauf hoffen, dass die Transferunterlagen rechtzeitig eintreffen.