Von Jörg Marwedel

Guerrero, Boateng, Petric: Den Hamburger SV beschäftigen zentrale Personalfragen - ein zuständiger Sportdirektor fehlt nach wie vor.

Im winterlichen Hamburg hat Bernd Hoffmann, der Vorstandsvorsitzende des Hamburger SV, zuweilen gestaunt, was da beim Trainingslager im rund 2500 Kilometer entfernten frühlingshaften Belek in der Türkei so ablief. Am Ende hätte es beinahe einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde gegeben, als der HSV und Besiktas Istanbul im Finale des Tuttur-Cups nach einem 0:0 über 90 Minuten 32 Elfmeter nacheinander verwandelten, bevor Ersatztorwart Wolfgang Hesl einen Strafstoß hielt und David Rozehnal auch den 17. Schuss der Hamburger im Besiktas-Tor unterbrachte. Es war der erste inoffizielle Titel im Jahre 2010, ein hoffnungsvoller Auftakt. Ansonsten aber hatte Hoffmann aus der Entfernung keineswegs nur Spaß.

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Paolo Guerrero (rechts) weiß noch nicht, ob er seinen Vertrag beim Hamburger SV verlängert. (© Foto: Getty)

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Da war die Geschichte mit Zé Roberto, der nicht angereist war, sich drei Tage nicht meldete und schließlich am Telefon erklärte, er habe aus dringenden familiären Gründen in Brasilien bleiben müssen. Auch ein sogenannter mündiger Spieler hat Hoffmanns Laune nicht verbessert.

Mladen Petric bekannte öffentlich, der HSV dürfe nach seiner Ansicht keine Stammspieler mehr verkaufen wie in den Vorjahren. Zudem beklagte er, dass auch mehr als sechs Monate nach dem Ausscheiden von Sportchef Dietmar Beiersdorfer kein Nachfolger da sei, mit dem man jene Dinge besprechen könne, die man nicht mit dem Trainer oder dem obersten Boss klären wolle.

Zumindest das Problem Zé Roberto hat Hoffmann schnell abgehakt. Wenn dieser am heutigen Dienstag in Hamburg erscheine und seine Geldstrafe (angeblich 10.000 Euro) bezahlt habe, "ist das Thema für uns erledigt", sagt der HSV-Chef, der mit dem besten Spieler der Hinrunde keinen Streit will. Die Sache mit dem Sportchef ist ungleich schwieriger - auch wenn Aufsichtsratschef Horst Becker angesichts des vierten Platzes in der Bundesliga und des Überwinterns in der Europa League glaubt, man habe ihn nicht vermisst.

Doch für die Planung der kommenden Saison fehlt der Mann mit dem dicken Telefonbuch ebenso wie bei der Debatte, ob man wegen der immer noch vielen Verletzten im Kader einen Spieler wie Guy Demel für angeblich 5,7 Millionen Euro zum FC Sunderland oder den Reservisten Mickael Taveres zum 1. FC Nürnberg gehen lassen soll.

Die kurzfristige Suche nach einem Abwehrspieler und einem Stürmer erschwert sich ohne einen Sportchef ebenfalls. Die derzeit auf Eis liegenden Verhandlungen mit wichtigen Profis - etwa Paolo Guerrero, dessen Kontrakt ausläuft oder Jerôme Boateng, der im Sommer eine Vertragsklausel ziehen kann, wonach er für zwölf Millionen Ablöse gehen darf - haben dagegen angeblich weniger mit dem sportlichen Leiter zu tun.

Wenn Guerrero "unser sehr gutes Angebot" nicht annehme, "liegt das nicht am fehlenden Sportdirektor, sondern an überzogenen Erwartungen", sagt Hoffmann, der die finanziellen Angelegenheiten stets mit den Profis oder deren Beratern selbst bespricht. Angeblich hat der mit einem Kreuzbandriss ausfallende Guerrero 4,5 Millionen Euro pro Saison gefordert. Und wenn dann einer eine Klausel zieht, wie es Boateng trotz seines Schwärmens vom HSV tun könnte, müsse man eben einen guten Nachfolger kaufen - so, wie man das auch mit dem Geld für van Buyten, Boulahrouz, Kompany, de Jong oder van der Vaart getan habe. Allerdings: Bei der Nachfolgersuche könnte es auch nicht schaden, über einen fähigen Sportchef zu verfügen.

Heldt bleibt ein Kandidat

Gleichwohl hat Hoffmann klar gemacht, dass der HSV den angestrebten ersten Titel seit 1987 trotz der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung nicht mit überdimensionaler Geldbörse erkaufen kann. "Da wir nicht über eine 440-Millionen-Spritze von einem Scheich wie Manchester City oder mehr als 150 Millionen Euro verfügen wie der FC Bayern durch den Verkauf von Vereinsanteilen an strategische Partner, werden wir immer wieder gezwungen sein, auch Spieler abzugeben." Man habe in den vergangenen fünf Jahren nach dem FC Bayern die höchsten Transfer-Aufwendungen und das höchste Transfer-Defizit gehabt. Deshalb brauche man künftig einen ausgeglichenen Transfer-Haushalt: "Wir müssen eher schlau als groß einkaufen."

Bei der Vorbereitung auf die neue Saison sei man "gut im Plan", versichert Hoffmann den Kritikern, wünscht sich aber dennoch "zusätzliche sportliche Kompetenz". Das kann noch immer Stuttgarts Sportvorstand Horst Heldt sein, der wie andere Kandidaten nicht ernsthaft abgesagt habe, wie Becker durchblicken ließ. Vorerst aber sei Trainer Bruno Labbadia "das sportliche Aushängeschild", sagt Hoffmann. Man erhofft sich von ihm, dass er dem HSV endlich jene Kontinuität bringt, die in den vergangenen sechs Jahren fehlte, als man "sechs Trainer mit sechs unterschiedlichen Spielsystemen hatte", wie der HSV-Chef selbstkritisch bekennt.

Im Übrigen: Manchmal lässt der HSV auch einen Spieler nicht gehen. Wie im vergangenen Sommer. Der Profi hieß Mladen Petric und hatte ein sehr lukratives Angebot vom deutschen Meister VfL Wolfsburg.

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(SZ vom 12.01.2010)