Hamburger SV Angst vor dem Zitterplatz

Das 1:1 gegen den 1. FC Köln bestätigt die Heimschwäche des Hamburger SV. Auch das Entzücken über Zugang Josip Drmic aus Gladbach hält sich in Grenzen.

Von Jörg Marwedel, Hamburg

Als Trainer des Hamburger SV muss Bruno Labbadia mit kleinen Freuden leben. Zum Beispiel, dass auch Kölner Freunde nach Hamburg gekommen waren, um mit ihm seinen 50. Geburtstag zu feiern. Das sei ein Geschenk, "wenn ein Kölner extra auf den Rosenmontag verzichtet", bemerkte Labbadia. Dass wiederum der 1. FC Köln, einer seiner zahlreichen Ex-Klubs, ebenfalls in Hamburg Station machte und dem HSV mit einem 1:1 das Präsent eines Heimsieges (es gab in dieser Saison erst zwei) verweigerte, hat Labbadia nur mit Mühe geschluckt. Er wusste, dass es gegen den lange Zeit besseren FC auch schlimmer hätte kommen können.

Seit sechs Spielen ist der HSV ohne Sieg, derzeit freut man sich über jeden Zähler, der einen fernhält von jenem 16. Tabellenplatz, auf dem man zuletzt Bundesliga- Geschichte geschrieben hat. Zweimal hatte der HSV am Ende der Spielzeit die mit diesem Platz verbundenen Relegationsspiele bestreiten müssen - dann aber gegen Fürth (2014) und Karlsruhe (2015) überlebt. Im Moment hat der HSV nur ein Vier-Punkte-Polster auf diesen Zitterplatz.

Die Partie am Sonntag war ein klassisches HSV-Heimspiel dieser Saison, und das geht so: 15 ordentliche Minuten zu Beginn, in denen aber nicht eine Torchance herausspringt. Dann macht man den Gegner stark, hätte schon in der 23. Minute das 0:1 kassieren können, wenn Schiedsrichter Felix Brych einen Strafstoß gegeben hätte, als Lewis Holtby das Standbein von Filip Mladenovic traf. Eine Viertelstunde später traf Kölns Anthony Modeste die Torlatte, doch in der 41. Minute war es dann soweit: Simon Zoller nahm HSV-Kapitän Johan Djourou den Ball ab und schoss ihn mit der Schuhspitze ins Netz.

Die günstigste Dramaturgie aus der HSV-Perspektive geht anschließend so: Man reißt sich zusammen und erzielt den Ausgleich. Diesmal zwei Minuten nach der Pause. Nicolai Müller setzte den Ball mit "Frust und Wut" in den Winkel. Daraus ergab sich wiederum eine kleine Freude für Labbadia. Müller war, wie der Trainer erzählte, in der Halbzeit ein Kandidat zum Auswechseln gewesen, weil auch er nicht gut gespielt habe. Labbadia entschied sich aber, Pierre-Michel Lasogga für Artjoms Rudnevs rauszunehmen. Müller heiterte seinen Coach nicht nur wegen des wunderschönen Treffers auf, er bewies auch Teamgeist. Nach seinem Tor sprang er Djourou, dem Unglücklichen beim 0:1, in die Arme. Sollte wohl heißen: Wir sind ein Team, das ein Missgeschick verzeihen kann. "Das brauchen wir, das unheimlich Geschlossene", lobte später Labbadia. Nur so könne man im Abstiegskampf bestehen.

Zugang Josip Drmic aus Gladbach hat eine dünne Bilanz

Die Mannschaft hatte sich, wie Torwart René Adler das Pausengespräch schilderte, gesagt: "Wir sind eine geile Truppe und haben Moral." Dazu steuerte Rudnevs seinen Teil bei. Der Stürmer, der im Herbst familiäre Probleme hatte und zeitweise in die Regionalliga-Mannschaft delegiert worden war, hatte eine Woche zuvor nach seiner Einwechslung das 1:1 in Stuttgart erzielt. Diesmal leistete er die Vorarbeit zum Ausgleich und brachte laut Labbadia "neuen Schwung". Rudnevs sei ein Beispiel dafür, so der Trainer, wie schnell man sich im Fußball wieder herankämpfen kann, wenn der Einsatz stimmt.

Das Entzücken über den neuen, aus Mönchengladbach ausgeliehenen Stürmer Josip Drmic hielt sich hingegen in Grenzen. Der Angreifer, der nach eigenem Urteil "flexibel" ist und wie bei seinen früheren Klubs in Nürnberg und Gladbach auf dem Flügel agieren sollte, hatte eine dünne Bilanz: 35 Ballkontakte, 67 Prozent verlorene Zweikämpfe, keinen Torschuss. Eine kleine Freude über Drmic hat Labbadia bisher erst im Training gespürt, da habe der Schweizer seine Qualitäten "angedeutet".

Für den nächsten Sonntag wünscht sich der HSV einen besseren Ertrag, dann kommt der Immer-noch-Arbeitgeber von Josip Drmic, die Borussia, ins Volksparkstadion. Ein starker Auftritt würde dem Fußballlehrer Labbadia vermutlich noch mehr Freude bereiten als am Montag- morgen der Auftritt eines schrägen Trios: Lewis Holtby, Dennis Diekmeier und Matthias Ostrzolek trällerten ihm ein Geburtstagsständchen.