Hamburg 2024 Wassertropfen im Wunderland

DOSB-Präsident Alfons Hörmann, Bürgermeister Olaf Scholz, Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Bewerbungs-Chef Nikolas Hill (v.l.).

(Foto: Oliver Hardt/Getty Images)

Erstmals treffen sich die Gesellschafter der Olympia-Bewerbung. Härtetest wird das Referendum im November.

Von Peter Burghardt, Hamburg

Virtuell ist Hamburg schon mächtig olympisch. Seit Wochen laden Politiker, Stadtplaner und Architekten zu bunten Informationsabenden und lassen auf Leinwänden die schönsten Visionen blühen. Da wächst ein Olympiastadion, dessen geschwungene Tribüne den Blick auf die Hafencity und ihre verspätete Elbphilharmonie freigibt. Also auf jenes Opernhaus, das einerseits wunderbare Formen annimmt, aber andererseits schrecklich teuer wird und deshalb je nach Geschmack als Antrieb oder Warnung dient. Da krönt ein Skywalk die Tribünen einer künftigen Arena, und nebenan gedeiht ein Schwimmstadion in Form eines Wassertropfens, mit fliegendem Dach. Solche Bauten zaubern Phantasie und Computer auf die Insel Kleiner Grasbrook, wo 2024 die Sommerspiele stattfinden sollen.

Gegenüber von diesem erträumten Wunderland trafen sich am Montagnachmittag auch die offiziellen Betreiber, ihr Terrain neben Hafenkränen vor Augen. Im März hatte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) beschlossen, dass statt des lustlosen Berlin die dynamische Hansestadt antritt - jetzt legt die Bewerbungsgesellschaft los, der Geschäftsführer heißt Nikolas Hill. Das Konzept "Spiele am Wasser" werde begeistern, schwärmte der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz bei der Premiere der Olympia-GmbH aus DOSB (51 Prozent), Hamburg (26), Deutschland (18), Schleswig-Holstein, Seglerzentrale Kiel (je 2) und Handelskammer Hamburg: "Ich glaube, das wird man an keiner anderen Stelle der Welt so ähnlich finden." Für den DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann ist es "das wichtigste Projekt des deutschen Sports seit der Wiedervereinigung", und Innenminister Thomas de Maizière sprach: "Wir wollen, dass es diesmal klappt." Diese optimistische Männerrunde also will die Landsleute und die Herren der Ringe vom Experiment Hamburg 2024 überzeugen. Der erste Härtetest folgt am 29. November, wenn die Hamburger darüber abstimmen, ob sie diese Veranstaltung wollen oder nicht. Vorläufig sieht es so aus, als sei das Volk anders als beim Referendum 2013 in München eher dem Ja zugeneigt als dem Nein, obwohl sich Widerstand formiert. Als deutlich weniger wahrscheinlich dagegen gilt ein Triumph im September 2017 in Lima, wenn das IOC entscheidet. Nach gegenwärtigem Stand sind Paris, Rom, Budapest und Boston die Gegner. Vor allem die Franzosen wollen 100 Jahre nach 1924 mal wieder das Feuer entzünden und nutzen dafür außer politischem Einfluss auch üppige Summen.

50 Millionen kostet allein die Kampagne, wie teuer die Spiele würden, weiß noch niemand

Bei einem Erfolg eines europäischen Rivalen könnte sich Hamburg wohl eine weitere Kandidatur für 2028 sparen, weil Europa gewöhnlich nicht zweimal nacheinander olympischer Gastgeber ist. Außerdem bekommt der DFB voraussichtlich die Fußball-EM 2024. Das spricht ebenfalls dagegen, dass für dasselbe Jahr auch das zweitgrößte Sportereignis der Welt nach Deutschland vergeben wird. Gegner halten den Vorstoß ohnehin für Geldverschwendung, PR und Rechtfertigung urbaner Großentwürfe. "Größenwahnsinnig", findet die NOlympia-Aktivistin Marie Behr. "Wir, die Steuerzahler, werden Olympia am Ende mitbezahlen müssen", meint Horst Domnick von der Bürgerinitiative "Stop Olympia Hamburg", die am Freitag im Rathaus eine Unterschriftenliste vorlegte. Allein die Bewerbung soll mindestens 50 Millionen Euro kosten, der Bund beteiligt sich zum ersten Mal an so einem Versuch und verspricht einen Zuschuss von 30 Millionen Euro. Hamburg steuert vorerst 6,5 Millionen Euro bei, doch sollte die Wirtschaft nicht wie angekündigt einen großen Betrag übernehmen, dann steht die Stadt noch mehr in der Pflicht. Teuer wird es in jedem Fall, die Kosten für Kandidatur und Spiele stehen bis zum Referendum im Spätherbst wohl kaum fest. Kritiker klagen auch über die Gentrifizierung umzubauender Viertel, zu verlegende Hafenbetriebe und Knebelverträgen des IOC. Doch die Unterstützer sind entschlossen. Bei den Anhörungen ist vom "Mehrwert für die Stadt" die Rede und vom "olympischen Erbe", was in vielen anderen Städten ja nicht so gut geklappt hat. Das olympische Dorf von Hamburg soll nachher in Wohnungen verwandelt werden, ein Teil davon gefördert. Das Olympiastadion wollen die Planer anschließend verkleinern und mit Apartments ausstatten. Die Olympiahalle könnte als Kreuzfahrtterminal weiterverwendet werden. Von Brücken, Parks und sauberen Verkehrskonzepten schwärmen die Visionäre. Mit den Spielen 2024 ließen sich auch andere Probleme lösen, erläuterte bei einer Debatte der Oberbaudirektor Jörn Walter, "das ist der Sinn des Masterplans". Die Bewerbung sei "transparent, nachhaltig und ein Abschied vom Gigantismus", lobt Innenminister de Maizière, DOSB-Chef Hörmann ist "überzeugt, dass dieses Konzept gute Siegchancen hat". Zur Premiere ihrer GmbH sahen die Hamburger Olympioniken von einem Bürogebäude hinab zum Kleinen Grasbrook, wo hinter Schiffen und Schleppern Medaillen verteilt werden sollen.