Guardiola beim FC Bayern Was erlauben Pep?

Abseits aller Heldenverehrung gibt es auch irritierende Momente seit Pep Guardiolas Einstieg beim FC Bayern. Der Coach nutzt die Öffentlichkeit, um alte Rechnungen zu begleichen. Die Verpflichtung von Thiago ist zudem ein ungeniertes Beispiel für Wirtschaftsfilz. In kurzer Zeit hat Guardiola viel Reibungsfläche erzeugt.

Ein Kommentar von Thomas Kistner

Die eine oder andere Monsterwelle vorauseilender Heldenverehrung war schon zu bestaunen. Die erste kam gleich mit der Verkündigung der Personalie Pep Guardiola, die zweite mit der Amtseinführung des katalanischen Handauflegers beim Fußball-Rekordmeister in München. Bevor nun spätestens im August die nächste Welle anhebt zur Feier der unvermeidlichen Pflichtspiel-Erfolge eines Millionen-Ensembles, sei rasch ein prüfender Blick hinter die sportive Hollywood-Staffage geworfen. Das passt zwar nicht so recht in die spirituell aufgewühlte Zeit, manchmal kann es aber doch erkenntnisfördernd sein.

Losgelöst von den ersten strategischen Rochaden, die der spanische Wundertrainer mit seinen ja nun leider etwas vorzeitig zu Triple-Siegern gereiften Eleven pflegt, stellt sich nämlich schon zu diesem frühen Zeitpunkt die alte Münchner Stilfrage: Was erlauben Pep? Respektive: Wie stünde jeder andere neue Bayern-Coach da nach so einem Kavaliersstart durch den Porzellanladen, dessen Scherben noch gar nicht aufgelesen sind?

Wie sich Guardiola zum Einstieg beim neuen Klub präsentiert hat, darf als stark irritierend bezeichnet werden. Da wurde zum einen ungeniert ein Wirtschaftsfilz vorgeführt, der just in der kaum kontrollierten, mäßig kontrollierbaren Kickerzunft als Kernproblem für jede saubere Geschäftsführung gilt: das traditionell fragwürdige Zusammenwirken von Trainern und Beratern rund um lukrative Spielerkreise.

Im Fall des 20-Millionen-Mannes Thiago Alcántara war es sogar ein Brüderpaar, das sich die Neuerwerbung zuspielte - Pep Guardiola setzte den Kauf beim FC Bayern durch, Bruder Pere wickelte als Manager den Deal ab. Dass der Jungprofi auch noch dem Klub entstammt, der Guardiola vieles und dem er selbst noch mehr verdankt, ist nur eine Fußnote. Die das Bild aber abrundet, weil ja der Coach nach Vertragsabschluss mit den Bayern versichert hatte, er werde aus Barcelona keine Spieler mitnehmen.

Hinzu gesellt sich eine weitere Merkwürdigkeit, die unter anderen Umständen, sprich: mit anderen Mitwirkenden ebenfalls kritische Reaktionen evoziert hätte. Dass der Unantastbare gleich die ersten Presseauftritte beim FC Bayern nutzte, um private Rechnungen mit Barcelona zu begleichen, entspricht nicht ganz dem Bild des edlen Seitenlinien-Souveräns, das viele Sportmedien engagiert vermitteln. Er habe sich vom alten Klub belästigt gefühlt in seiner einjährigen Auszeit in New York, verriet der Neu-Bayer dem verblüfften Publikum. Und Schlimmeres. Er sei von Barcelona in ein trübes Licht gerückt worden, indem behauptet worden sei, ihn habe die Krebserkrankung seines Freundes, früheren Assistenten und Nachfolgers auf der Barça-Bank nicht gekümmert: Er habe Tito Vilanova während dessen langer Chemotherapie in New York nie besucht, obwohl dies weder Zeit- noch sonstigen Aufwand erfordert hätte.

Weil sich Guardiola nun aber öffentlich zugute hielt, er habe Vilanova sehr wohl getroffen, schaltete sich der Betroffene selbst mit einer peinlichen Konkretisierung ein. Das Treffen habe es zwar gegeben, bei einer Kurzvisite in New York - nur: Als er dort "zur Behandlung für zwei Monate war, haben wir uns nicht mehr gesehen, und das war nicht meine Schuld". Pep hätte sich "anders verhalten" sollen; er sei enttäuscht vom alten Freund.

Unschöne Sachen, in den Bayern-Orbit getragen von Guardiola selbst. Und weil die Vorgänge für sich sprechen, hat er in kurzer Zeit bemerkenswert viel Reibungsfläche produziert. Wer nun aber die Chronik ein wenig zurückblättert, findet auch dort manches, das Fragen aufwirft - vorzugsweise solche Fragen, die bisher unbeantwortet blieben. So schwelt seit Monaten das Gerücht, unter Guardiola sei in Barcelona der Lebenswandel mancher Profis von Detektiven überwacht worden. Ein hässlicher, recht detailliert unterfütterter Vorwurf, der aus dem Innersten des Vereins kam - waren es Indiskretionen wie diese, die Guardiola nun so fuchtig machten? Es ist fast einerlei.

Fußballästhet aus Santpedor

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Die lieblosen Regeln des Ball- und Geldgewerbes hat der Göttliche unter den Fußballtrainern wohl schon vor langer Zeit begriffen. Er warb gegen fürstliches Entgelt als Botschafter für die Fußball-WM 2022 im sommerlichen Brutofen von Katar, wobei er zur Irritation mancher Menschenrechtler dartat, Frauen hätten im Emirat durchaus ihre Rechte, er habe sie dort arbeiten, Auto fahren und flanieren sehen.

Vorläufig spielt all das keine Rolle, so wollen es die Gesetze der Sport- und Persönlichkeits-Industrie. Es muss halt nur beim FC Bayern sportlich so gut klappen wie seinerzeit in Barcelona. Damit nicht irgendwann wirklich eine Situation entsteht, in der nur noch Handauflegen hilft.