Von Ulrich Kaiser

Früher fuhr man zum Platz, traf nette Leute und spielte. Heute braucht man eine Abschlagzeit. Und schuld ist das Fernsehen.

Früher war alles besser. Früher wurde der FC Bayern noch Meister, früher hatten wir keine Klimasorgen und früher musste man sich am ersten Tee nicht um Abschlagzeiten kümmern. Es kann ja sein, dass es früher nicht an jedem zweiten Dorf einen Golfplatz gab, was vor allem die Golfarchitekten in Lohn und Brot setzte. Aber früher war die Zahl der Mitspieler übersichtlicher. Genauer gesagt: Wir waren weniger. Früher wartete man, bis das Wetter gut war - dann fuhr man auf den Platz und dort stand mit Sicherheit einer der nettesten Menschen herum und es wurde ein schöner Tag. Heute wird man laut Vorstandsbeschluss zu einem semi-amtlichen Vorgang gezwungen - nein, bisher noch kein Passbild und auch keine Dringlichkeitsbescheinigung, aber wahrscheinlich beginnt es genau dann mit dem Regen und dem Gewitter, wenn unsereiner in ein paar Tagen seine Abschlagzeit zugeteilt bekommt. Die Abschlagzeiten sind absolut notwendig, weil wir zu viele geworden sind. Aber was ist, wenn man bei der verschriebenen Abschlagzeit gar keine Lust mehr hat? Oder wenn der nette Mensch, mit dem man die Runde spielen wollte, dann keine Zeit hat?! Oder krank geworden ist! Oder gestorben. Kann man eine Abschlagzeit verkaufen oder jemand zum Geburtstag schenken?

(© Fotos: AP)

Anzeige

Natürlich ist wie immer das Fernsehen daran schuld. Als das Fernsehen vor hundert Jahren mit der Übertragung der Tour de France begann, fuhr jeder mit dem Fahrrad herum und wahrscheinlich haben sie damals schon begonnen, Pillen zu fressen. Fußball wurde erst richtig populär, als die Leute vom Fernsehen dafür viel Geld bezahlten. Mit dem Tennis war es eine Weile kaum zum aushalten und die Eltern schleppten ihre Kinder auf den Tennisplatz, ob die wollten oder nicht. (Kann ja sein, dass in dieser Logik irgendetwas nicht stimmt. Aber wenn man große Ziele verfolgt, darf man nicht so kleinlich sein!) Es gibt Mitbürger, denen zu wenig Golf im Fernsehen gezeigt wird. Das Gegenteil ist richtig! Gibt es vielleicht einen logischen Grund für mehr Golf im Fernsehen? Wo es doch so wunderbare Krimis gibt und die herrlichen Abende der Volksmusik! Ganz zu schweigen von dem pädagogischen Auftrag. Nun gut: Wenn einer zu Hause vor dem Fernseher hockt und Golf guckt, stört er wenigstens nicht auf dem Platz und nimmt auch niemand die Abschlagzeit weg. Aber die Rechnung stimmt nicht, denn wenn einer zu Hause vor der schönsten Ecke seines Wohnzimmers Golf guckt, will er mit Sicherheit es auch einmal in der freien Natur versuchen. Es sind schon zu viele und es werden immer mehr - das ist das Problem.

Im letzten Frühling haben sie im Fernsehen zwei Wochen lang tagtäglich ein Spiel übertragen, welches sicherlich einigen Unterhaltungswert für jene Menschen besitzt, die so etwas mögen. Das Spiel heißt Snooker (sprich: Snuker) und eignet sich wunderbar, wenn zwei Kameraden untereinander ausmachen, wer das nächste Bier zu bezahlen hat. Snooker besitzt eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Billardspiel - zumindest was die Spielfläche anbetrifft. Man hat sechs Löcher zur Auswahl, die hier allerdings als Taschen bezeichnet werden - dazu zweiundzwanzig ostereierfarbene Bälle. Das, was sie da zwei Wochen lang zeigten, war eine Weltmeisterschaft, die in England stattfand, womit ja schon alles gesagt ist. Ein rosa Ball bringt sechs Punkte, ein brauner vier, ein grüner drei und ein gelber zwei. Allein daraus kann man ersehen, dass die Regeln ein wenig bescheuert sind, was wahrscheinlich daran liegt, dass wir uns im so genannten Mutterland des Sports befinden. Selbst im Golf haben diese Leute ja mitunter Regeln geschaffen, über deren Logik man geteilter Meinung sein kann.

Aber unsere englischen Sportsfreunde werden sich nach dieser weltweit ausgestrahlten Weltmeisterschaft im Snooker noch wundern, weil jetzt Tausende und Abertausende in die Kneipen strömen, um sich dem Snooker-Spiel hinzugeben. Dann ist es vorbei mit den wunderbaren Gesprächen über das Leben als solches in der Kneipe - die Zuschauer werden sich um die Snooker- Tische drängeln - und schon bald wird man sich in der Kneipe um Abschlagzeiten zu kümmern haben, weil es zu viele Snooker- Spieler gibt. Deshalb sollten sie viel weniger Golf im Fernsehen zeigen. Wir sind zu viele.

Leser empfehlen