Gold für Marcel Hirscher "Das Schlimmste ist verhindert"

Auf einem Ski ins Ziel: der Österreicher Marcel Hirscher.

(Foto: REUTERS)
Von Johannes Knuth, Pyeongchang

Bis Startnummer 60 war die Tribüne noch ganz anständig besetzt. Mit Startnummer 60 kam Kim Dong-woo, der einzige Koreaner in dieser alpinen Kombination von Pyeongchang. Herr Kim wurde dann 33., und ein paar Hundert Koreaner, die im - nicht mehr ganz so kalten - Zielraum gewartet und respektabel gelärmt hatten, zogen zufrieden von dannen. Oder bestellten beim Ausgang noch schnell Fischsuppe oder gedämpfte Süßkartoffeln. Der Skirennfahrer Marcel Hirscher blickte kurz darauf also auf viele leere Sitzschalen, als sie ihn am Dienstag im Ziel erstmals zum Olympiasieger ausriefen. Aber das war ihm in diesem Moment wohl einigermaßen egal.

Er könne das noch gar nicht begreifen, Olympiasieger zu sein, sagte Hirscher später. So sehr, dass er offenkundig Mühe hatte, in große Emotionen zu verfallen. "Ich hoffe schon, dass das noch kommt, sonst wäre es sehr langweilig", scherzte er. Am ehesten wirkte er erleichtert. Man vergisst das schnell bei all den Erfolgen, die der 28-Jährige bereits auf sich vereint hat: sechs Gesamtweltcups, sechs WM-Titel und 55 Weltcupsiege, zehn davon in diesem Winter. Nur Olympiasieger war Marcel Hirscher noch nie. Bis zum Dienstag. "Keine Angst, ich fahre morgen nicht nach Hause", sagte er: "Aber wenn ich es mir wünschen könnte, würde ich es tun. Ich habe mein großes Ziel erreicht."

Ein Olympiasieger wirft Ballast ab

Ein Olympiasieg macht gelassener, auch einer in der stiefmütterlich behandelten Kombination. Auch einen manischen Tüftler wie Hirscher. Ein Olympiasieger wirft Ballast ab. Die Erwartungen der Skination, die Fragen nach der Goldmedaille, die Kommentare, eine Karriere sei nur mit der höchsten olympischen Weihe vollendet. Als Hirscher am Dienstag vor den österreichischen Reportern stand, sagte er: "Es ist mal das Schlimmste verhindert. Das Schlimmste wäre gewesen, ich wäre heimgekommen, und eine perfekte Saison würde niedergemacht werden, weil das Gold fehlt."

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Skirennfahrer sind in Österreich noch immer nationale Überfiguren, Siege bestimmen die Gefühlslage und werden weniger erhofft als erwartet. Hirscher hat nicht nur einmal erklärt, dass er damit Probleme hat. Wobei ihm 55 Erfolge im Weltcup schon einiges bedeuten, er hat einen mehr als die Über-Überfigur Hermann Maier. Maiers Einlassungen dazu hatten zuletzt für ein wenig Aufregung gesorgt, weil Maier rein zufällig immer die Erfolge erwähnte, die Hirscher noch nicht gelungen waren. Den Olympiasieg. Einen Abfahrtssieg. 41 gewonnene Rennen innerhalb von vier Jahren, "das gab es vorher und nachher nie mehr", erklärte Maier bei Servus TV. Manche legten ihm das als Stichelei aus, Maier versichert, er habe nur betonen wollen, dass sich die Epochen nicht vergleichen ließen. Später sprach er Hirscher seine "Hochachtung" aus, in einem offenen Brief.

Hirscher sagte zu alldem wenig. Maiers Marke zu übertreffen, teilte er mit, habe ihn so gefreut wie die "ehrliche Gratulation von der lebenden Legende Alberto Tomba", dem ehemaligen italienischen Slalom-Großmeister: "Solche Wertschätzung von einem der größten Skifahrer aller Zeiten zu erhalten, ist ein wunderbares Geschenk und zeugt von einem großen Charakter."

Zweimal kann Hirscher in Pyeongchang noch an seinem Bild für die Ahnengalerie malen, nächste Woche im Riesenslalom und im Slalom. Es werden seine letzten Spiele sein, hatte er zuletzt versprochen. Der Aufwand, den er zum Beispiel bei der Materialabstimmung betreibt, ist ja gewaltig; er treibt sein Umfeld ständig zu Hochleistungen (und ab und zu ein kleines bisschen in den Wahnsinn). Im vergangenen August hatte er sich den Fuß gebrochen, einen Olympiasieg im Februar, erinnerte er sich am Dienstag, wähnte er damals als ein "schweres Ding". Aber er fand flott zurück an die Spitze, auch, weil die Erwartungen nach seiner Verletzung zusammengeschmolzen waren. Das, sagte Marcel Hirscher, habe er sehr genossen.

Hirscher verlor in der Abfahrt nur 1,3 Sekunden

Viele hatten gestaunt, dass er in Pyeongchang in der Kombination gestartet war. Ein "sehr riskantes" Unterfangen, wie er später zugab. Während seine ärgsten Konkurrenten sich zuletzt auf Slalom und Riesenslalom vorbereiteten, musste er, der Technikexperte, an Trainingsläufen für die Kombinationsabfahrt mitwirken. Hirscher wusste freilich, dass seine Chancen gut standen, sollte er in der Abfahrt nicht zu viel Zeit verlieren; der sportliche Slalomhang kam ihm entgegen.

Das Unterfangen gelang, Hirscher verlor in der Abfahrt nur 1,3 Sekunden auf Thomas Dreßen, der sich mit der Tagesbestzeit auf die Spezialabfahrt am Donnerstag einstimmte und am Ende als Neunter bester Deutscher war. Im Slalom fuhr Hirscher dann wie immer: Nahezu ruckelfrei auf der Kante, obwohl Wind den Schnee so sehr aufwirbelte, dass es den Anschein hatte, als würde Hirscher durch eine weiße, wogende See pflügen.

Und dann: Erleichterung. Ein bisschen Gelassenheit. Auch bei der Frage eines koreanischen Reporters, der von Hirscher einen Neujahrssegen verlangte; Südkorea feiert am Freitag den Jahreswechsel. "Also, in Europa machen wir es so", sagte Hirscher, ein bisschen verdutzt: "Wir wünschen uns alles, alles Gute, dass alle Träume in Erfüllung gehen. Und das wünsche ich allen Menschen in Asien." Seiner war ja bereits in Erfüllung gegangen.

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