Glosse Nachtzug aus Kasan

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Russische Züge haben eine große qualitative Spannweite. Es gibt den "Grand Express" mit schweren Polstermöbeln und rotgoldenen Vorhängen. Oder den "Express Train" mit einer Toilette ohne Klospülung. Eine Zufgahrt ist ein Abenteuer.

Von Benedikt Warmbrunn

Der Schaffner winkt mit seiner Mütze, dann rennt er über den Bahnsteig. Er dreht sich um, winkt noch einmal. Also hinterhergerannt, den gesamten Bahnsteig 3 des Bahnhofs Kasan-2 entlang, erst am vorletzten Waggon bleibt der Schaffner stehen. Er schnauft nicht. Er nimmt die Mütze ab, dann wedelt er den Fernreisenden in seinen Waggon hinein. "Russian adventure", sagt er, verbeugt sich und rennt wieder zurück.

Das russische Abenteuer ist eine Zugfahrt von Kasan nach Nischni Nowgorod, 324 Kilometer, Fahrzeit: neun Stunden und 14 Minuten. Russische Züge haben eine große qualitative Spannweite, es gibt den Grand Express, der mit schweren Polstermöbeln und rotgoldenen Vorhängen ausgestattet ist, auf Fotos erinnert er an die Züge, in denen Sean Connery als James Bond durch die Welt gefahren ist. Irgendwo wartet im Grand Express bestimmt auch ein Kellner mit einem eisgekühlten Glas Wodka.

Der Zug nach Nischni Nowgorod ist als Express Train ausgegeben, es gibt keine schweren Vorhänge, außerdem gibt es in der Toilette keine Klospülung und kein fließendes Wasser aus dem Wasserhahn. Dafür riecht es im Abteil nach rohem Kohlrabi. Ein Kellner wartet nirgendwo, der Service ist dennoch ausgezeichnet. Als die Schaffnerin merkt, dass der Fernreisende ihre Ansage auf Russisch nicht verstanden hat, beugt sie sich so weit nach vorne, dass sich die Nasenspitzen beinahe berühren. Dann brüllt sie ihre Ansage noch einmal auf Russisch, direkt in die Nasenlöcher hinein. Stille. Beidseitiges Kopfschütteln. Die Schaffnerin bezieht anschließend selbst die lederne Pritsche mit einem Bettlaken, dazu Decke und Kopfkissen.

Mit im Abteil reisen drei Russen. Eine Frau, die sich nicht vorstellt und stundenlang schweigend auf die langsam vorbeiziehenden Waldlandschaften schaut. Andrej, der sehr oft auf die Toilette muss und sich dann immer wie ein Turner auf die oberste Pritsche schwingt. Und Alex, der sich als großer Fan der Deutschen Bahn vorstellt. Die 324 Kilometer ruckelt der Express Train dann so fürsorglich durch die Wälder, dass er den Fernreisenden wie eine Amme in den Schlaf wiegt.

Nach sechs Stunden Tiefschlaf kommt die Schaffnerin ins Abteil, wieder beugt sie sich weit vor und brüllt etwas auf Russisch in die Nasenlöcher. Stille. Kopfschütteln. Die Schaffnerin seufzt. Die schweigende Passagierin allerdings räuspert sich, sagt etwas, eine Minute später hat sie eine große Tasse Tee vor sich stehen. Womöglich hätte es also doch auch eisgekühlten Wodka gegeben. Wenige Minuten später ruckelt der Zug betont gemütlich in den Bahnhof von Nischni Nowgorod ein, er hält exakt in der Sekunde an, in der die Uhr auf die vorgesehene Ankunftszeit umspringt.