Von Martina Farmbauer

Ewa Wisnierska startet zwei Jahre nach ihrem fast tödlichen Unfall wieder bei einer Weltmeisterschaft.

Der Sturm kam von hinten rechts. Er riss Ewa Wisnierska bei einem Trainingsflug für die Gleitschirm-WM in Australien 2007 auf fast 10.000 Meter hinauf, in eine Höhe, die Menschen sonst nur aus dem Flugzeug kennen. Ein chinesischer Pilot, der in dieselben Turbulenzen geriet, starb.

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Ein begeisterndes Gefühl: Wisnierska über den Dolomiten. (© Foto: oh)

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Wisnierska, die beste Gleitschirmfliegerin Deutschlands und eine der besten der Welt, hatte, als sie wieder landete, nur Erfrierungen. Sie sitzt in der kleinen Wohnung in Hattenhofen nahe München, wo sie seit eineinhalb Jahren zu Hause ist, und erinnert sich an die Kraft des Sturms und die Kälte. Wisnierska redet leise. Sie spricht ungern von ihrem Unfall: "Ich bin nicht stolz darauf", sagt sie. "Dass ich lebe, ist ein Wunder."

Schon zuvor war Wisnierska einmal abgestürzt, 2006 bei einem Weltcup in der Schweiz und bei Bedingungen, die die 37-Jährige heute als "nicht fliegbar" bezeichnet. Dabei hatte sie sich Becken und Kreuzbein gebrochen. "Da habe ich noch gedacht: Dumm gelaufen, jetzt hat es mich eben mal erwischt", erzählt sie und lacht darüber, wie naiv sie gewesen ist. Erst, nachdem sie ein Jahr später fast umgekommen wäre, nahm sie sich vor: "Ich werde etwas ändern."

An diesem Freitag beginnt in Mexiko die WM, Wisnierska ist wieder dabei, und es stellt sich die Frage, ob sie wirklich etwas geändert hat - ob sie, wie sie es sich vorgenommen hat, in einer ähnlichen Situation wie 2007 frühzeitig landen oder gar nicht erst starten würde.

Dass Wisnierska damals antrat, hat mit ihrem Überehrgeiz zu tun, und mit dem Lemmingeffekt. Sie wusste von dem möglichen Gewitter, der Veranstalter hatte darauf hingewiesen. Doch Wisnierska unterschätzte die Bedingungen und flog anderen Teilnehmern hinterher. "Piloten verschieben im Wettkampf die Grenze", sagt der ehemalige Bundestrainer Stefan Mast, "sie gehen ein größeres Risiko ein, als wenn sie zum Spaß fliegen." Wisnierska hatte zunächst nur eine Möglichkeit gesehen, dieses Risiko zu vermeiden: Mit dem Gleitschirmfliegen als Leistungssport aufzuhören. Aber aufhören hätte für sie aufgeben bedeutet, und das wäre ihr zu einfach gewesen.

Stattdessen hat Wiesnierska daran gearbeitet, sicherer zu fliegen als früher. Sie sagt allerdings auch: "Mir fehlt noch der WM-Titel, und ich wünsche mir sehr, ihn zu gewinnen." Dabei schaut sie einen mit ihren blauen Augen fest an. Sie ahnt, dass sie für den Erfolg in einem Feld, in dem viele ihre Ambition über die Vernunft stellen, womöglich wieder an die Grenze oder darüber hinaus gehen muss. Ex- Bundestrainer Mast ist sich zwar sicher: "Den Fehler macht sie kein zweites Mal." Wisnierska wirkt aber nicht so überzeugend: "Ich möchte es nicht schwören", sagt sie, "aber ich habe auf jeden Fall vor, im richtigen Moment aufzuhören."

Einen Sommer im Opel Kombi

Das ist eine Herausforderung für eine Sportlerin, die in nur fünf Jahren an die Weltspitze gekommen ist, im Gesamtweltcup gesiegt hat, Europameisterin und WM-Zweite geworden sowie unter die besten Zehn bei den Männern geflogen ist. Die sagt: "Es ist ein tolles Gefühl, etwas geleistet zu haben, was andere nicht geschafft haben." Es gelang ihr, weil sie ist, wie sie ist. "Ambitioniert, zielstrebig und konsequent", sagt Mast.

Nachdem Wisnierska im Jahr 2000 zum ersten Mal in der Luft nach unten geglitten und sofort von diesem Gefühl begeistert war, flog sie, so oft sie konnte. Sie jobbte bei Flugschulen, organisierte Reisen, erwarb die Fluglehrerlizenz. Damit sie Geld und Zeit hatte, wohnte sie einen Sommer lang in einem Opel Kombi, der heute vor dem Haus steht, dann in einem VW-Bus. Die Winter verbrachte sie in Australien oder Mexiko.

Wisnierska lebte allein für das Fliegen. "Wenn man sich dafür entscheidet", sagt sie, "muss man Erfolg haben." Um unabhängig von den Prämien zu sein, mit denen sie ihr Leben finanzierte, nahm Wisnierska vor zwei Jahren einen festen Job in Landsberied an. Natürlich bei einem Gleitschirmhersteller. Um sich bei der WM in Mexiko von ihrem übermäßigen Ehrgeiz abzulenken, will sie "schöne Bücher lesen", sich "auf das Wesentliche im Leben besinnen" und Spaß am Fliegen haben.

Vielleicht denkt sie auch an das erste Mal, als sie sich überwand, bei schlechtem Wetter nicht zu starten: "Es war schöner als jeder Sieg." Es war der Sieg über sich selbst.

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