Gleichberechtigung Nachts von Wegweiser zu Wegweiser

Frauen beim Marathon? Ist in vielen Ländern noch immer undenkbar. Athletinnen wie die Iranerin Mahsa Torabi wagen es trotzdem und versuchen so, Grenzen zu überwinden.

Von Johannes Knuth

Mahsa Torabi kam damals zwei Stunden zu früh zum Start, die Nacht lag noch über der iranischen Provinz Fars. Sie trug eine schwarze Laufhose, ein blaues T-Shirt, ein Kopftuch mit lila Streifen. In zwei Stunden würde hier der erste internationale Marathon des Landes anbrechen, aber nur für Männer, so hatten es die regionalen Behörden verfügt. Also wollte Torabi für sich laufen, im Schutz der Dunkelheit. Als ein paar Arbeiter, die gerade den Startbereich aufbauten, Torabi sahen, fragten sie: Bist du ein Athlet? "Nein, nein", sagte Torabi, "nur eine Besucherin." Sie machte ein Bild von sich mit einer kleinen Kamera, die sie bei sich trug. Dann lief sie los.

Ein halbes Jahr später lacht Torabi über ihre Notlüge. Sie trägt eine Brille, ein türkisfarbenes Kopftuch, sitzt in einem Hotel in Bamiyan, Afghanistan, und erzählt zu Beginn dieser Woche per Videotelefonie aus ihrem Laufleben. Sie ist damals durchgekommen, als erste Frau, die öffentlich in Iran einen Marathon beendete. Neben ihr sitzt Nelofar, eine junge Afghanin. Eigentlich sollen Frauen in Afghanistan und in Iran in der Öffentlichkeit nicht Sport treiben, aber Bamiyan, versteckt in einer Hochebene des Hindukusch, ist liberaler. Und sicherer. In wenigen Tagen, am Freitag, werden beide hier am zweiten "Marathon of Afghanistan" teilnehmen, auf rund 2600 Metern. Der Lauf ist zu einem Sammelpunkt geworden für Läuferinnen, die in den engen Grenzen ihrer Gesellschaften ein wenig Freiheit suchen. Manche werden mit Laufschuhen laufen, andere in Hausschlappen und Jeans. Aber Hauptsache, sie laufen, so sehen Mahsa und Nelofar das.

Die Leichtathletik steckt gerade mitten im Laufherbst, mit den großen Stadtmarathons in Chicago, Frankfurt, New York, der am Sonntag an der Reihe ist. Knapp die Hälfte der Starter in New York werden Frauen sein, doch was dort selbstverständlich ist, ist in Mahsas und Nelofars Heimat undenkbar. Vor allem Afghanistan ist einer der "herausforderndsten Orte der Welt für Frauen", schreibt "Free To Run", eine Organisation, die Frauen wie Nelofar und Mahsa zum Laufen ermutigt, um ihre Stellung in der Gesellschaft zu festigen. Vor 15 Jahren, die Taliban waren gerade gestürzt, entspannte sich in Afghanistan die Lage. Aber in diesen Tagen gleitet das Land wieder in Unruhen und Konflikte ab. Frauen sind noch immer ärmer als Männer, sie haben seltener Zugang zu Bildung, werden sexuell belästigt, öffentlich. Sport? "In Afghanistan gibt es sehr viele Möglichkeiten", sagt Nelofar. "Aber nur für Jungen."

Man darf nur Nelofars Vornamen erwähnen, dass sie 21 ist, Medizin studiert und im Norden Afghanistans lebt. Sicher ist sicher. Nachdem sie vor einem Jahr in der Wüste Gobi einen Ultramarathon gelaufen war, gründete sie zu Hause eine Laufgruppe. Was gar nicht so einfach ist in einer Gesellschaft, in der Frauen nur im Haus Sport treiben sollen. Nelofar verhandelte mit den Behörden, sie trainiert mit ihrer Gruppe jetzt in einem Park, abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Sie treffen sich vier Mal die Woche, wandern, laufen. Zwölf Frauen kommen regelmäßig, "aber wenn wir zwölf Mädchen beeinflussen", sagt Nelofar, "können wir schon zwölf Familien verändern. Es ist ein Anfang."

Nelofar trägt ein rotes Kopftuch, unter dem breite Wangenknochen und schwarze, neugierige Augen hervorschauen. Sie wirkt wie eine, die sich nicht einschüchtern lässt von Widerständen. Sie hat in ihrer Stadt zuletzt Läufe für Frauen organisiert, die Polizei musste manche Straßenzüge absperren. "Wenn ich an einem Rennen teilnehmen will, dauert es oft Stunden, bis mein Vater es mir erlaubt", sagt sie. Vor Kurzem lief sie in Kabul einen Marathon, manche Menschen fuhren mit dem Auto neben ihr her und warfen ihr spitze Worte entgegen. Ein paar männliche Läufer sammelten sich um Nelofar, zum Schutz. Ganz ähnlich wie in den 60er Jahren in den USA, als Roberta Gibb und Kathrine Switzer in Boston als Erste gegen das ungeschriebene Gesetz verstießen, dass Frauen keine Marathons laufen.

Mahsa, die Läuferin, die im Dunkeln loslief, ringt oft mit ähnlichen Vorurteilen. Sie ist Anfang 40, lebt und arbeitet in Teheran, sie mag es, im Freien aktiv zu sein, Radfahren, Bergsteigen, Laufen. Als sie im vergangenen April die Organisatoren des Marathons in Fars bat, mitlaufen zu dürfen, sagten sie ihr: "Frauen können nicht 42 Kilometer laufen, schon gar nicht mit Kopftuch." Also lief Torabi für sich, hangelte sich in der Dunkelheit von Wegweiser zu Wegweiser, die bereits für den Marathon aufgestellt waren. Nach 20 Kilometern, die Sonne war gerade aufgegangen, hielten Polizisten sie an, sie waren erstaunt, aber sie ließen sie weiterlaufen. Nach fünfeinhalb Stunden war sie im Ziel, sie tauchte in keiner Ergebnisliste auf. Aber sie hatte es geschafft, das war ihr wichtig.

"Männer und Frauen können das Gleiche schaffen. Wir sind alle Kreaturen von Gott", sagt Torabi, Empörung legt sich in ihrer Stimme: "Es ist mein Recht zu laufen, wo ich will." Sie hat eine Organisation gegründet, am internationalen Friedenstag vor zwei Monaten veranstalteten sie ein Rennen durch Teheran, vom Kriegs- zum Friedensmuseum. Seit ihrem ersten Marathon sei es einfacher geworden für Frauen, in der Öffentlichkeit zu laufen, sagt Torabi. Sie hofft, dass das irgendwann selbstverständlich sein wird in ihrem theokratisch geführten Land. "Wenn wir laufen, fühlen wir uns frei", assistiert Nelofar, aber es ist noch eine trügerische Freiheit. "Ich will irgendwann einmal alleine in der Öffentlichkeit laufen", sagt sie, "ohne Begleiter."

Am Freitag, beim Marathon in Bamiyan, können Nelofar und Mahsa laufen, ohne gestört zu werden. Beide erreichen das Ziel, Nelofar erst nach sieben Stunden, aber das ist ihr egal. Ein paar Läuferinnen aus der Gruppe in ihrer Heimat sind vor ihr ins Ziel gekommen. "Das zeigt", wird Nelofar später sagen, "dass das Training langsam anschlägt."