Von Andreas Burkert

Immer fröhlich weiterradeln: Der Giro präsentiert sich als Hochburg einer ungetrübten Radsport-Begeisterung. Andreas Klöden droht derweil ein Verfahren.

Paolo Bettini, 35, ist dem Giro d'Italia jeden Tag ein wenig voraus, er fährt jetzt für das italienische Fernsehen Rai die Etappen ab. Der Olympiasieger von Athen und Weltmeister 2007 hatte Ende September seinen Rücktritt erklärt hat, unter recht irritierenden Umständen. Denn Bettini ist vergangenes Jahr einerseits verärgert gewesen über sein langjähriges Team Quick Step, das einen deutschen Profi namens Stefan Schumacher unter Vertrag nahm und damit angeblich das Budget ausgereizt hatte.

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Danilo di Luca verteidigte am Donnerstag das Rosa Trikot des Gesamtführenden. (© Foto: AFP)

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Andererseits halten sich bis heute Gerüchte im Peloton, Bettini sei mit seinem Abschied möglicherweise einer unangenehmen Veröffentlichung zuvor gekommen - zumal Schumacher nur eine Woche nach seinem Rücktritt erstmals positiv auf Epo getestet worden war. Diese Woche hat Paolo Bettini gesagt, es schmerze ihn "schon sehr, bei diesem Jubiläumsgiro nicht mitzufahren".

Gegen Bettini liegt offiziell nichts vor, das sei betont, doch selbst wenn - er befände sich auch als Aktiver beim Giro in bester Gesellschaft. Die Tour de France mag ja inzwischen nicht mehr aufrichtig kämpfen gegen jene Betrüger, die das Image des Radsports in immer neue Tiefen reißen. Doch zumindest wahrt sie bisweilen den Schein, wie derzeit im Falle des Kokain-Sünders Tom Boonen.

Dessen Start im Juli hat Tourchef Christian Prudhomme nun doch offiziell abgelehnt, aus Fürsorge um den offenkundig drogenabhängigen Belgier. Auf moralische Anflüge verzichtet dagegen der Giro, ein aus ethischen Gründen angezeigtes Startverbote kennen sie in den klassischen Ländern des Radsports nicht; und Italien zählt, wie die zwei Hochburgen der ungetrübten Begeisterung, Belgien und Spanien, trotz rigoroser Antidoping-Gesetzgebung zu diesen Orten.

Jemand wie Danilo Di Luca, der am Donnerstag im österreichischen Zillertal das Rosa Trikot verteidigte (Tagessieger: der Italiener Michele Scarponi), wagt sich ja schon länger nicht mehr nach Frankreich. Doch seit seinem Ausschluss vor der Tour 2004 hat sich der kleingewachsene Profi aus Spoltore, einem Dorf am Fuße der Abruzzen, durch diverse Dopingaffären geschlängelt, als habe er sieben Sportlerleben.

In der Affäre Oil for Drug um den mit lebenslangem Betreuungsverbot belegten Sportarzt Carlo Santuccione, einen Vertrauten des spanischen Dopingdoktors Eufemiano Fuentes, ging seine Verbindung unzweifelhaft aus Telefon- und Videoprotokollen hervor. Die Fahnder nannten Di Luca damals einen "Kleinkriminellen". Doch weil die Protokolle nicht im Prozess zugelassen wurden, kam er mit drei Monaten Sperre davon. Die Sperre fiel auf die Monate Oktober 2007 bis Januar 2008. Rennen verpasste er demnach nicht.

Beim Giro 2007 war Di Luca, 33, zudem mit Testosteronwerten aufgefallen, weil sie den Werten von Kleinkindern glichen. Doch trotz der markanten Schwankung erhielt er vom Verband einen Freispruch serviert. Dagegen begehrte nur Italiens Olympia-Komitee Coni um den unbeugsamen Chefermittler Ettore Torri auf, er legte Einspruch beim internationalen Sportgericht Cas ein. Denn das Urteil verstand auch Torri als Niederlage des Athleten-Monitorings im Radsport, der übrigens weiterhin vor seinem ersten Schuldspruch aufgrund seines neu eingeführten Blutpasses zurückschreckt.

Di Luca wird zurzeit von der Rai und die Veranstalterin des Rennens, dem Sportblatt Gazzetta dello Sport, hofiert, als leide man dort im Kollektiv unter einer schweren Form von Amnesie. Dass Di Luca, der zweimal mit Kokain erwischte Gilberto Simoni, der frühere Dopingfall Stefano Garzelli, der immerhin reuig auftretende Fuentes-Kunde Ivan Basso ("Ich habe einen Fehler gemacht und meine Sperre verdient") und natürlich der hinreichend mit Indizien belastetete Rückkehrer Lance Armstrong bei der Giro-Präsentation vor einer Woche in Venedig gemeinsam eine Pressekonferenz gaben und hinterher fotogen in Gondeln davonschipperten - diese Bilder erzeugten vermutlich die richtige Nachricht: Wir sitzen alle in einem Boot.

Egal, was kommt - der Radsport fährt fort

Und so rollt der Giro fröhlich weiter, und es gibt niemanden, der hier ein Unbehagen formulieren möchte. "Ihr Deutschen!", hat man vielmehr dieser Tage öfter gehört, einige Germanen wollten wohl nicht verstehen, dass es nach einer Affäre oder einer Sperre flott weiter gehe und man nicht übertreiben solle mit seinem Aufklärungseifer und den Zweifeln. Der Radsport fährt fort, demnächst bei der Tour, und dort gerne auch mit Andreas Klöden, obschon die Freiburger Untersuchungskommission für ihn Blutdoping bei der Tour 2006 für erwiesen hält.

Man wolle sich erst den Kommissions-Bericht besorgen, hieß es am Donnerstagmorgen in Brixen vom Astana-Rennstall über Klöden, der derzeit im Schwarzwald trainiert. Der deutsche Verbandspräsident Rudolf Scharping hatte nach der Vorstellung des Berichts einen ähnlichen Satz aufgesagt, man warte auf das Papier und werde es sich dann "sehr genau angucken". Der Bericht steht seit Mittwochmittag, 13 Uhr, unter www.dopingkommission-freiburg.de online.

Weiter in der Bewertung ist Bernhard Welten von der Fachkommission für Dopingbekämpfung von Swiss Olympic. Der Schweizer Sport-Dachverband wird nicht nur "in der nächsten Woche" den Dopingprozess gegen Jan Ullrich eröffnen - angesichts der Nachrichten aus Freiburg sei, das sagte Welten der SZ, "ein Verfahren" gegen Ullrichs ebenfalls in der Schweiz lebenden Landsmann Klöden "für uns zwingend ein Thema". Welten ist allerdings auch kein früherer Radfahrer. Sondern Jurist.

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(SZ vom 15.05.2009)