Gianluigi Buffon Der romantische Kapitän verlässt Turin

Ciao Gigi: Gianluigi Buffon wird Juventus Turin verlassen.

(Foto: Antonio Calanni/dpa)
  • Der 40-jährige Torwart Gianluigi Buffon verlässt Juventus Turin.
  • Ob er zu Paris St. Germain, einem anderen Verein oder doch in die Chefetage des Klubs geht, ist noch nicht klar.
  • Dass er in einem Moment geht, da Italien die Fußball-WM verpasst hat und politisch ein chaotisch-arroganter Populismus das Land im Griff hat, entbehrt nicht der Tragik.
Von Birgit Schönau

Sag zum Abschied leise Gigi. An diesem Samstag wird Gianluigi Buffon gegen Hellas Verona sein letztes von sagenhaften 655 Pflichtspielen für Juventus Turin bestreiten. 17 Jahre lang hat Buffon im Tor der erfolgreichsten Mannschaft Italiens gestanden, die meiste Zeit davon als Kapitän. "Er ist mit uns durch Himmel und Hölle gegangen", schwärmte sein Präsident Andrea Agnelli, mit der Hölle war das Jahr in der zweiten Liga gemeint, zu dem Juve 2006 wegen übrigens nie erwiesener Schiedsrichtermanipulationen verdonnert worden war. Der frisch gekürte Weltmeister Buffon stieg damals natürlich mit ab und behauptete später tapfer, er habe sich auf den Bolzplätzen von Rimini und Lecce wie Bolle amüsiert.

Klar, das Trophäensammeln machte dann doch mehr Spaß. Neun Meistertitel und fünf Pokale mit Juve, zusätzlich zum Uefa-Cup und dem Italienpokal, den der junge Gigi beim AC Parma geholt hatte, bevor er mit 23 nach Turin kam und dort zu Buffon geschliffen wurde, zu einem der größten Charakterdarsteller des Fußballs. Und zum Monument von Juve.

Semplicità, Serietà, Sobrietà, das sind die drei "S" jenes besonderen Juventus-Stils, den die Agnelli in den 95 Jahren als Besitzerfamilie prägten. Einfachheit, Seriosität, Zurückhaltung, in der Summe: Disziplin. Wenn die garantiert war, wurde den Spielern durchaus eine gewisse Exzentrik zugestanden, nur aus der Rolle zu fallen, war nicht drin. Bei Juve gab es die größten Erfolgsaussichten, aber nie die höchsten Gehälter, es herrschte ein ungeheurer Kadergeist, aber auch ein familiäres Feeling, das im globalisierten Fußball extrem selten geworden ist. Vermutlich ist es längst einmalig.

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Eine Mannschaft, die das erste Saisonspiel nach dem Champions-League-Finale auf einem Dorfplatz im Piemont spielen muss, weil das halt so Tradition ist. Die zuerst im Schlosspark der Besitzerfamilie tafelt und gegen die Jugendmannschaft kickt, bis zur rituellen Platzstürmung durch die Fans, die dann ihre Idole nicht nur anfassen dürfen, sondern bis auf die Unterwäsche ausziehen. Ausgerechnet die Juve, stolze Verfechterin des italienischen Effizienzfußballs, ist die große Romantikerin im Weltfußball.

Und Buffon war ihr großer, romantischer Kapitän. Er führte die Juve wie die Nationalmannschaft, und nebenbei führte er auch noch seinen eigenen Fußballklub. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hatte er den FC Carrara gekauft, den Verein seiner Heimatstadt. Viel Geld butterte Buffon da hinein und erlitt doch Schiffbruch, irgendwann musste er enttäuscht das Ruder abgeben.

Der altruistische Kapitän der Weltmarke

Seinem Ruf als Tausendsassa hat das nicht geschadet, im Gegenteil. Buffon sei "altruistisch, charismatisch, aufrichtig", dichtete Agnelli bei der Abschiedspressekonferenz am Donnerstag, und neben ihm schluckte Gigi schwer. Seinen Platz im Tor übernimmt Wojciech Szczęsny, 28, Kapitän wird Giorgio Chiellini.

Die Agnelli sind längst Global Player, ihre Autofirma heißt heute Fiat Chrysler, die operative Zentrale ist nicht mehr Turin, sondern London. Auch Juventus wurde eine Weltmarke und Kapitän Buffon ein Weltstar, der auf Netflix auftritt. Dass er in einem Moment geht, da Italien die Fußball-WM verpasst hat und politisch ein chaotisch-arroganter Populismus das Land im Griff hat, entbehrt nicht der Tragik. Zum Abschied will er kein großes Fest, "es hat mich schon bei meinen Geburtstagsfeiern unendlich genervt, im Mittelpunkt zu stehen". Das wird sich diesmal nicht vermeiden lassen.

Vielleicht wird der 40-Jährige anderswo noch eine Saison dranhängen. Ihn locken offenbar Angebote, vor allem von Paris St. Germain. Agnelli bietet ihm einen Job in der Chefetage, allerdings erst nach gründlicher Ausbildung. Im Stil von Juve halt. Wenn Buffon nach Paris, Liverpool, Madrid umzieht, wird er sich davon aber wohl endgültig verabschieden müssen.

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