Getragen vom Kölner Publikum sorgt Ghana mit dem 2:0 über Tschechien für die erste Überraschung des Turniers.
Abedi Pelé hatte sich auch eine Stunde nach Spielende noch nicht beruhigt. "Mein Herz ist fast aus der Brust gesprungen", sagte der WM-Botschafter des ghanaischen Teams mit aufgerissenen Augen. Als langjähriger Kapitän der Black Stars hat er sich nie für die Weltmeisterschaft qualifiziert, doch nun lieferte Abedi Pelé sich auf der Tribüne einen Fern-Wettstreit mit einem Großen des Weltfußballs.
Die "Black Stars" feiern ihren Sieg über die Tschechen. (© Foto: AP)
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"Ich habe die ganze Zeit über geschrieen und bin herumgesprungen", sagte er: "Wenn man die verrücktesten Fans bei der WM suchen würde, wären das wohl Maradona und ich."
Gefunden sind aber nicht nur die verrücktesten Fans. Nach dem 2:0 von Ghana über Tschechien ist auch die Suche nach dem Außenseiter beendet, der die Herzen des Publikums erobert.
Endlich passierte bei dieser WM einmal das Unerwartete, und sofort adoptierte das Kölner Publikum die ghanaische Mannschaft mit einer Begeisterung, als ob auf dem Rasen der 1.FC Köln noch den Klassenerhalt in der Bundesliga schaffen könnte.
"Steht auf, wenn ihr Ghana seid", riefen Tausende Teilzeit-Afrikaner mit weißen Gesichtern und grün-gelb-roten Fahnen. Das Publikum hievte die Afrikaner auch durch schwierige Phasen, und Ghanas Kapitän Stephen Appiah sagte nachher: "Ich hätte fast geweint, als ich die Leute gehört habe."
Auch seine Mannschaftskameraden fühlten sich vom Publikum getragen. "Die Deutschen lieben uns, sie geben uns Stärke und Selbstvertrauen", sagte der eingewechselte Derek Boateng.
Anthony Baffoe war ebenfalls überwältigt. Als Sohn eines Diplomaten in Bad Godesberg aufgewachsen, ist er zurzeit Manager für internationale Beziehungen des ghanaischen Teams. Im alten Kölner Stadion hatte seine Karriere als Fußballprofi begonnen, und gerade in Köln erlebten die Black Stars, für die er selbst 30 Spiele gemacht hat, den Höhepunkt der Fußballgeschichte ihres Landes.
"Für mich war es sehr emotional", sagte Baffoe, der vor Stolz und Glück kaum an sich halten konnte. Viel hatte er zuletzt für sein Land und den Fußball in Afrika geworben, nun schlug die Begeisterung über Ghana zusammen.
Für Afrika
Weil afrikanische Fußballspieler jedoch, anders als ihre Kollegen von anderen Kontinenten, nicht nur für ihr Land, sondern für ganz Afrika spielen, war der Sieg keine rein ghanaische Angelegenheit. Sieben Partien hatten Afrikas fünf Teams bei dieser WM zuvor absolviert, keine gewonnen, fünf verloren.
Dazu kam die Verwirrung um Togo, all das nagte am Selbstwertgefühl. "Es war höchste Zeit, dass eine afrikanische Mannschaft gewinnt", sagte Claude Leroy, der Nationaltrainer Kongos und ein glühender Streiter für den afrikanischen Fußball ist. Für ihn bestätigte sich im Sieg von Ghana, dass die Mannschaft neben der aus Kamerun die stärkste Afrikas ist.
Allerdings glaubt Leroy auch, dass dieser Erfolg die strukturellen Probleme nicht überdeckt. "Wir müssen die Kultur des andauernden Notfalls beenden, in der sich Trainer in Afrika ständig befinden", sagte er, "die Vorbereitung großer Turniere muss rationaler und die Erwartung realistischer werden."
Zwar meinte Leroy, dass Angola und Ghana in Deutschland vorgemacht hätten, wie das geht, aber darüber dürfte Ratomir Dujkovic nur lachen. Der serbische Trainer der ghanaischen Mannschaft stand mehrmals vor der Entlassung, auch nach dem 0:2 gegen Italien war in der heimischen Presse sein Rauswurf gefordert worden.
Ohne Kuffour sicherer
Seine Umstellungen nach dieser Niederlage erwiesen sich jedoch als richtig. Dujkovic verzichtete in der Innenverteidigung auf den formschwachen Sammy Kuffour, und ohne den ehemaligen Profi des FC Bayern machte die Defensive einen sichereren Eindruck.
Außerdem zog er Stephen Appiah von der linken Seite ins zentrale Mittelfeld, wo der Kapitän die Führung nach zwei Minuten vorbereitete. "Ausschlaggebend für den Sieg war, dass wir so gut gestartet sind", fand Otto Addo von Mainz 05.
Mit diesem Tor hob Ghana nämlich ab und steigerte sich im Laufe des Spiels in einen Rausch, vergab jedoch unglaublich viele Chancen. Torschütze Asamoah Gyan verschoss gar einen Elfmeter, doch weil der mit einem Platzverweis für Tschechiens Ujfalusi verbunden war, sausten die Ghanaer anschließend im Minutentakt allein aufs Tor von Petr Cech zu.
"Es ist für alle Welt ein Problem, Tore zu schießen", sagte Trainer Dujkovic lächelnd. Und Claude Leroy wollte nichts von einer vermeintlichen afrikanischen Abschlussschwäche hören. "Dass sie so viele Chancen vergeben haben, hat nichts damit zu tun, dass sie Afrikaner sind, sondern dass im Tor einer der besten Keeper der Welt stand", sagte er.
Noch mehr gute Jungs
Bei der Qualifikation fürs Achtelfinale spielt das Torverhältnis ohnehin keine Rolle: Gewinnt Italien das letzte Gruppenspiel gegen Tschechien oder spielt unentschieden, reicht Ghana gegen die USA ein Punkt. Gewinnt Tschechien gegen Italien, muss auch Ghana siegen.
Erschwert wird das dadurch, dass beide Torschützen fahrlässig gelbe Karten kassierten, die zu Sperren führten. Doch im Rausch des Überschwangs sorgte sich Anthony Baffoe darum nicht: "Wir haben Mohamed und Shilla reingeworfen - zwei junge Spieler, die keiner kannte, und wir haben noch mehr gute Jungs auf der Bank."
Außerdem können sie beim entscheidenden Match am Donnerstag gegen die USA hoffen, dass auch für die Zuschauer in Nürnberg gilt: "Wir sind Ghana."
(SZ vom 19.6.2006)
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