Von Interview: Thomas Hummel

Mathias Ramsauer, 58, kämpft in Berlin gegen Gewalt bei Jugend-Fußballspielen. Er spricht über Prügeleien unter Eltern, kritische Ost-West-Spiele und die Vorbildfunktion von Profis.

sueddeutsche.de: Herr Ramsauer, was macht man denn als Koordinator des Präventionsprojekts im Berliner Fußball-Verband?

Bild vergrößern

"Der hat das doch auch gemacht": Profis können manchmal schlechte Vorbilder sein. (© Foto: dpa)

Anzeige

Mathias Ramsauer: Der Berliner Senat hat dem Verband mal versprochen, ihm eine Hilfe gegen die Gewalt bei Jugendfußballspielen zu verschaffen. Das mache ich jetzt.

sueddeutsche.de: Geht es denn so schlimm zu?

Ramsauer: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Beim A-Junioren-Bezirksfinale haben einige Spieler den Gegner bedroht. Das sind schlechte Manieren, da greife ich ein.

sueddeutsche.de: Was heißt bedroht?

Ramsauer: Es fielen Sprüche wie: "Wart mal, bis du in der U-Bahn sitzt. Dann wirst du sehen, was passiert." Sie greifen den Gegenspieler mit Trash-Talk an, wie das bei Jugendlichen heute heißt.

sueddeutsche.de: Nehmen solche Vorfälle zu?

Ramsauer: Hier in Berlin gibt es kritische Spiele, da begrüßen sich die Jugendlichen schon mit "Hurensohn". Das Problem ist, dass irgendwann die Worte nicht mehr ausreichen, dann kommen provokative Gesten und am Ende steht das Knäuel, die Leute prügeln sich.

sueddeutsche.de: Was sind kritische Spiele?

Ramsauer: In Berlin haben wir ja alle denkbaren ethnischen Gruppen und das Problem Ost gegen West ...

sueddeutsche.de: ... 17 Jahre nach der Wende?

Ramsauer: Na ja, eine türkische Mannschaft aus dem Westen würde zum Beispiel nicht ohne weiteres nach Hellersdorf (Plattenbau-Bezirk im Osten, Anm. d. Red.) fahren.

sueddeutsche.de: Und wenn dort ein Spiel angesetzt ist?

Ramsauer: Dann fahren sie nur unter Schutz dorthin, mit Lehrern oder Trainern und fahren danach sofort wieder nach Hause.

sueddeutsche.de: Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus, wie kommen Sie an die Problemfälle ran?

Ramsauer: Wenn in der Hinrunde ein Spiel abgebrochen wird, steh ich beim Rückspiel am Platz. Insgesamt haben wir im BFV 20 ehrenamtliche Leute, die Spiele beobachten. Bei den Vorfällen unterschieden wir zwischen Straftaten, also tätliche Angriffe, und Ordnungswidrigkeiten. Für die schlimmen Fälle gibt es die Möglichkeit, durch einen Anti-Gewalt-Kurs seine Sperre zu verringern.

sueddeutsche.de: Wird dieses Angebot wahrgenommen?

Ramsauer: Wenn einer ein Jahr nicht spielen darf, überlegt er sich schon, ob er nicht kommen soll.

sueddeutsche.de: Wie viele Kursteilnehmer haben Sie denn?

Ramsauer: Etwa eine Handvoll im letzten halben Jahr.

sueddeutsche.de: Haben Profis eigentlich eine Vorbildfunktion für die Jugendlichen?

Ramsauer: Natürlich. Der Kopfstoß von Zinedine Zidane im WM-Finale hatte seine Wirkung. Da heißt es dann: "Der hat das doch auch gemacht." Oder wenn Profis nach einer Auswechslung gegen eine Werbebande treten. Das sehen die Jugendlichen genau und merken sich solche Negativbeispiele viel besser positive Dinge. Einige Profis scheinen sich dessen überhaupt nicht bewusst zu sein.

sueddeutsche.de: Was machen Sie gegen die Gewalt?

Ramsauer: Ich versuche immer mit den Leuten zu reden. Es gibt aber auch Maßnahmen. Bei einem Verein ist der Gang zu den Kabinen so eng, dass es dort immer wieder zu Rangeleien kam. Hey, du hast mich geschubst, berühr mich nicht, und so weiter. Ich habe dem Verein geraten, dass zuerst die Gastmannschaft in die Kabine geht und dann die Heimelf. Oder ich sage, die Zuschauer müssen ein paar Meter vom Spielfeldrand weggehen. Denn bei E- und F-Junioren zum Beispiel sind meist nicht die Spieler das Problem, sondern die Zuschauer.

sueddeutsche.de: Sie meinen die Eltern.

Ramsauer: Eltern suchen häufig auf dem Rücken ihrer Kinder den Erfolg, den sie selbst nicht erreicht haben. Die sind derartig übermotiviert, dass es vorkommt, dass es bei den Eltern zu Handgreiflichkeiten kommt. Es kommt aber auch vor, dass sie dem eigenen Kind zurufen, den Gegenspieler umzutreten. Das ist verrückt. Bei D- und C-Junioren trauen sich manche Söhne nicht vom Spielfeld, weil der Vater draußen steht und ihn dann runtermacht.

sueddeutsche.de: Wie wirken Sie auf die Eltern ein?

Ramsauer: Ich veranstalte Elternabende bei den Vereinen, ich gehe zum Training und versuche mit den Eltern ins Gespräch zu kommen. Ich appelliere an ihre Vorbildfunktion, dass sie sich beherrschen und auf die Kinder nicht so einen Druck ausüben sollen. Die Problemfälle sind dann allerdings meistens nicht da. Beim Spiel schicke ich sie wie gesagt hinter die Absperrung.

sueddeutsche.de: Lassen sich die Väter das gefallen?

Ramsauer: Ich bin 1,95 Meter groß und wiege 100 Kilo, die Argumente reichen aus.

sueddeutsche.de: Ist das denn ein spezielles Väter-Problem?

Ramsauer: Nein, nein, die Mütter benehmen sich genauso daneben. Wenn nicht manchmal sogar schlimmer.

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de)