SZ: Beim FC Zürich standen Sie nach sechs Monaten kurz vor dem Rauswurf.

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Favre: Dann wurden wir Pokalsieger und zweimal Meister. Aber am Anfang war die Mannschaft nicht bereit. Wenn ein Verein zwei Trainer innerhalb eines Jahres entlässt, bevor du kommst, heißt das immer: Es gibt ein Problem mit der Mannschaft. Sie können mit jedem Trainer der Welt darüber sprechen.

SZ: Man erkennt ein "Modell Favre", das sich durch Ihre Trainerkarriere zieht: Sie kommen, machen eine schonungslose Analyse, dann krempeln Sie die Mannschaft völlig um.

Favre: Kein Klub holt dich als Trainer, um dir eine Elf zu geben, die schon bereit ist. Wenn du Erfolg willst, dann musst du etwas ändern. Oder du sagst: Platz zehn ist okay für mich. Aber wenn du Titel holen willst... Titel! Da gibt es nicht viele. Pokalsieger oder Meister, sonst gibt es keinen. Ich will Titel holen. Oder, sagen wir: Eine Mannschaft aufbauen, ...

SZ: ... die einmal um den Titel mitspielen kann.

Favre: Man muss realistisch bleiben. Aber das ist das Ziel.

SZ: Täuscht der Eindruck, dass Sie Ihr zweites Berliner Jahr nach außen viel lockerer angehen als das erste?

Favre: Ich bin damals sehr spät zu Hertha gekommen. Ich hatte erst zweimal "nein" gesagt, aber man hat weiter um mich geworben. Dann blieb nicht viel Zeit, es war sehr viel Stress. Du musst die Leute kennen lernen, die Mannschaft, die Plätze, die Stadt, die Presse. Die Sprache: Sie sprechen hier sehr, sehr schnell. Und ich kannte die Bundesliga kaum. Die Deutsch-Schweizer verfolgen die Bundesliga viel mehr als die Romands, die Französisch-Schweizer. Ich war mehr vom Fußball in Frankreich, Italien und England geprägt.

SZ: Nach Ihrem zweiten Meistertitel mit dem FC Zürich kam die Neue Zürcher Zeitung zu dem Schluss: Dass sich Lucien Favre, der heimatverbundene Romand, im fernen Zürich durchgesetzt hat, sei ein Fußballwunder. Was wäre es erst, würden Sie sich im oft mürrischen, Hertha-skeptischen Berlin durchsetzen?

Favre: Es wäre phantastisch. Aber ich denke nicht daran, was es wäre. Ich denke immer nur daran, was ich als nächstes tun muss.

SZ: Sie haben als junger Trainer unter anderem bei Johan Cruyff hospitiert.

Favre: Ich war zehn Tage bei ihm in Barcelona. Nicht nur bei ihm, als junger Trainer war ich überall. Von jedem erfahrenen Coach kannst du eine andere Idee mitbringen. Ich war auch bei Raymond Goethals in Brüssel, dem ehemaligen belgischen Nationaltrainer, 1993 Champions-League-Sieger mit Marseille. Er war unglaublich. Er ist inzwischen leider gestorben, aber ich habe noch ein Buch von ihm, in das er mir lauter Aufstellungen gemalt hat (kritzelt seinerseits den Block des Reporters voll): "So und so und so haben wir damals gegen die Holländer gespielt, zack, zack, wir waren die ersten mit fünf Abwehrspielern, Cruyff hat keinen Ball gekriegt." Aber das beste war seine Aussprache! Zu Romário sagte er: "Romanjo". Zu Ruud Gullit: "Ruud Güllik". Zu van Basten: "wam Bazzen". Man hatte mich vorgewarnt, aber ich wollte trotzdem lachen. "Romanjo"!

SZ: Aber auch von Goethals haben Sie etwas gelernt.

Favre: Na ja, gelernt. Man bekommt einen Eindruck, das ist wichtig. Es ist ein langer Weg zu einem guten Trainer. Du machst jeden Tag Fehler. Und du musst deine Fehler akzeptieren. Das ist nicht einfach, aber du musst sie akzeptieren, um dich zu verbessern.

SZ: Als Ihr Vorbild gilt Arsène Wenger. Sie predigen auch diesen quirligen One-Touch-Fußball, dessen Erfolg sich auf Bewegung und Ballbesitz gründet.

Favre: Ich bewundere vor allem die Art und Weise, wie professionell sie beim FC Arsenal arbeiten. Wie sie ihre Transfers machen, wie sie verhandeln. Das interessiert mich. Auch die Zeit, die sie sich nehmen, bevor sie einen Spieler verpflichten.

SZ: Eine Gemeinsamkeit zwischen Wenger und Ihnen ist, dass Sie beide konsequent jungen Spielern vertrauen.

Favre: Ich korrigiere: dass wir beide konsequent guten Spielern vertrauen.

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(SZ vom 13.09.2008/mb)