Die Karriere von Gerhard Poschner hat nicht alles gehalten, was sie versprach - bei 1860 München will er sich noch einmal beweisen.
Das Beste, was der Fußballer Gerhard Poschner aus seiner Karriere als Profi mitgenommen hat, ist vielleicht diese Erkenntnis: "Ich bin kein Typ, den man überall hinstellen kann, ich kann auch nicht in jeder Mannschaft spielen. Wenn ich irgendwo spiele, muss ich mich wohlfühlen und eine Mission haben." Hätte er dies früher über sich selbst gewusst, wäre seine Karriere wohl anders verlaufen.
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Dann säße er jetzt, 34 Jahre alt, wohl nicht im Trainingslager bei Alanya als Gastspieler des TSV 1860 München, der auf einen Vertrag hofft. Vermutlich wird er einen bekommen, er macht einen sehr guten Eindruck, und die Sechziger brauchen einen Spieler wie ihn. Es ist nichts daran auszusetzen, zum Ende der Laufbahn noch einmal in die Bundesliga zurückzukehren, es ist auch nichts daran auszusetzen, bei 1860 zu spielen, doch Poschner war zu Beginn seiner Karriere einer, der ein ganz großer Spieler zu werden versprach.
Irgendetwas ist passiert zwischen den Anfängen als Profi mit 17 und heute, da Poschner sagt: "Ich kann es nicht genau erklären, aber ich will mir noch einmal etwas beweisen." Wenn er die Geschichte dieser 17 Jahre erzählt, sind es Kleinigkeiten, die im Wege standen, eine kleine Verletzung hier, eine Formkrise dort, schließlich größere Verletzungen, natürlich zum falschen Zeitpunkt.
Fußballer mit weit weniger Talent haben weit größere Karrieren hingelegt, und woran das liegt, ist im Rückblick nicht einmal zu sagen. Schon gar nicht, wenn alles so beginnt: Poschner, 13 Jahre alt, spielte bei der Sportvereinigung Bissingen, er war immer bester Mann, aber nie lud ihn jemand zur Kreisauswahl ein, zur Bezirksauswahl schon gar nicht. "Irgendwann hat mein Trainer damals gesagt: ,Gerhard, pack' deine Sporttasche, wir fahren jetzt zur Bezirksauswahl.'" Die sollte zum Freundschaftsspiel antreten, der Bissinger Trainer sagte dort: "Das ist der Gerhard, der spielt jetzt mal mit."
Schlag auf Schlag
Danach wurde Poschner genau einmal zu einem Spiel der Auswahl eingeladen, der C-Jugend.Trainer des VfB Stuttgart sah ihn, und am nächsten Tag kam der Anruf: Ob er, Poschner, zum VfB kommen wolle? Poschner kam. "Bis zum 13. Lebensjahr war alles ruhig in meinem Leben, und dann, von einem Tag auf den anderen ging es Schlag auf Schlag, es kam der VfB, die DFB-Auswahlmannschaften, wir wurden Deutscher B- und A-Jugend-Meister."
Poschner wurde noch als A-Jugendlicher Profi. "Mir fiel immer alles in den Schoß. Problematisch wurde es erst, als ich mir einen Muskelfaserriss holte. Ich musste aussetzen und hatte den Anschluss verpasst, und es war neu, dass ich meinen Platz erkämpfen sollte. Ich bin vielleicht mit den ersten Schwierigkeiten nicht fertig geworden. Dann kam sofort der nächste Faserriss. Dann kam der Druck von außen, und der Druck von innen war noch belastender. Das habe ich irgendwie nicht gepackt." Vielleicht ist es der Faserriss, der vieles vereitelte. Vielleicht war Poschner einfach nicht der Typ, der ein Großer wird.
Heute kann Poschner über diese Karriere nicht bloß reden, sondern reflektieren. Er sieht, wo die entscheidenden Punkte waren, und er ist keiner jener ungezählten Spieler, die so gern erzählen: "Ohne diese eine Verletzung damals wäre ich ein großer Spieler geworden." Er sagt: "Manchmal war ich verbohrt, ich hatte Scheuklappen, ich glaubte, jeder wolle mir was Böses." Es ist ja keine misslungene Karriere, über die er spricht, eher eine, die das Versprechen nicht ganz hielt, das sie so früh zu geben schien.
286 Bundesligaspiele
Von Stuttgart wechselte er nach Dortmund, schulte dort vom offensiven zum defensiven Mittelfeldspieler um, er ging nach vier Jahren zurück nach Stuttgart, er wurde Pokalsieger 1997, Europapokalfinalist 1998; bis dahin hatte Poschner 286 Bundesligaspiele (22 Tore) absolviert. Als er Ende 1998 zum AC Venedig ging, brach im ersten Spiel ein Bein. Das Spiel wurde fünf Minuten später wegen Nebels abgebrochen. Er hatte dann einige gute Jahre in Spanien, erst bei Vallecano, später beim Zweitligisten Ejido, zwischendurch spielte er kurz bei Rapid Wien.
Aber bei der Rapid gefiel es ihm nicht, er passte nicht ins Team und löste seinen Vertrag auf. Mit Ejido wollte er aufsteigen, nachdem die Mannschaft mit ihm im Jahr zuvor den Abstieg aus unmöglicher Position (elf Punkte nach der Hinrunde) vermieden hatte. "Aber da war ein Golfplatz in der Nähe, es gab das Meer, es war immer schönes Wetter - viele sind dort ohne den nötigen Ehrgeiz hingekommen." Wieder löste Poschner seinen Vertrag, das war vorigen Dezember.
Dann dies: Kaffeetrinken mit Dirk Dufner, Sportdirektor des TSV 1860, die beiden sind alte Freunde. Dufner sagte: "Halt dich doch bei uns fit. Mal sehen, was passiert." Poschner stimmte sofort zu. Er sagt: "Vielleicht war es Zufall, vielleicht war es Schicksal." Ein Großer wird er in München zum Ende seiner Karriere sicherlich nicht mehr, aber er kann bei diesem Verein noch einmal etwas bewegen - eine Mission erfüllen. Wenn alles klappt, bekommt er das Trikot mit der Nummer 30.
(SZ vom 14.1.2004)
Führungsstreit der Linken