Gerald Asamoah "Ich will auch auf den Tisch hauen können"

Der frühere Nationalspieler über die Probleme bei der Weiterbildung jenseits des Rasens und ein Hotel in Accra.

Interview von Philipp Selldorf

In der Nationalelf spielte Gerald Asamoah eine Sonderrolle. Er war der Erfinder des Team-DJ, er wählte meist den letzten Song vor dem Anpfiff aus ("Ich habe super Lieder"), bei dem Teamchef Jürgen Klinsmann dann auf die Starttaste drückte. Asamoahs Spielzeit in der DFB-Auswahl endete nach 43 Länderspielen (sechs Tore) mit Platz drei bei der WM 2006 in Deutschland. Als Profi hatte er 1989 bei Hannover 96 begonnen, ausklingen ließ Asamoah, 37, es nach 323 Bundesliga-Spielen (50 Tore) erst 2015 im zweiten Team von Schalke 04. Ein Gespräch über die Gestaltung der Laufbahn nach der Profi-Karriere.

SZ: Herr Asamoah, Sie kommen von der Elternsprechstunde. Was war los?

Gerald Asamoah: Mein Sohn. Ich war eingeladen, aber es war harmlos. Wir haben nur ein paar Sachen geklärt, die er besser machen sollte.

Wie alt ist er?

Neun. Er hat im November bei meinem Abschiedsspiel mitgespielt. Wenn's um Fußball geht, ist er sofort dabei, aber wenn es ums Lernen und um Hausaufgaben geht, muss er schon mal motiviert werden.

Die Schule - man glaubt, man hat sie hinter sich, und dann kommen die Kinder, und man muss wieder hin.

Das ist so, allein die Hausaufgaben. Das sind die alten Sachen, von denen ich dachte: Das musst du nie mehr sehen. Im Fußballerleben wird dir ja so viel abgenommen. Und auf einmal musst du wieder Hausaufgaben machen, und da sind ein paar Dinge, die sind gar nicht so einfach - und wir reden hier über die dritte Klasse. Aber ich kann ja jetzt selbst wieder üben.

Sie sind einer von 30 Teilnehmern eines Studiengangs für Sportmanagement, den der FC Schalke mit der Universität St. Gallen veranstaltet. Wie kam es dazu?

Man muss sich ja weiterentwickeln. Als voriges Jahr erstmals dieser Kurs stattfand, hatte ich mir schon Gedanken gemacht, ob ich mitmachen soll, aber ich dachte: Schaffe ich das? Bin ich nicht noch zu sehr Fußballer? Seitdem habe ich dann aber schon einiges mitbekommen durch meine Arbeit in der Vereins-Stiftung "Schalke hilft" und in der Marketingabteilung.

Der Kurs richtet sich an Interessenten aus der Wirtschaft, die einen Hochschulabschluss vorweisen müssen. Und an ehemalige Leistungssportler mit Verdiensten um den Sport.

Die habe ich ja zum Glück ein bisschen.

Knapp 15 000 Euro Studiengebühr, das ist nicht wenig für vier Präsenzwochen in Gelsenkirchen und St. Gallen.

Der Verein kommt mir entgegen, wir teilen uns den Betrag. Ist immer noch viel Geld, aber so eine Chance kriege ich nicht so oft. Diese Erfahrung wird mir irgendwann im Leben helfen. Ich will zeigen, dass ich auch etwas anderes machen kann. Ich will etwas zu sagen haben. Und wenn man in verantwortlicher Position arbeiten will, dann muss man etwas lernen.

Unter anderem geht es in dem Studiengang um die Führung von Sportunternehmen, um operatives Sportmanagement und Sportmarketing. Referenten sind neben Schalkes Sportchef Horst Heldt und Marketingvorstand Alexander Jobst vorwiegend Professoren und Spezialisten.

Ich weiß, es wird nicht einfach für mich, mir ist klar, was auf mich zukommt. Es ist auch ein bisschen Angst da. Aber ich will sehen, wie es ist, sich mit solchen Leuten auszutauschen. Ob ich auf dieses Niveau kommen kann. Den Leuten, die jetzt sagen: "Was will der denn da?", will ich beweisen, dass ich das kann. Ich möchte, dass sie von mir denken: Der hat's wirklich geschafft.

Wann endete Ihre Schulkarriere?

Zehnte Klasse, mittlere Reife. Ich war mit 16 fertig und bin mit 17 Fußballprofi geworden. Das erste Mal, dass ich wieder in einer Schulklasse gesessen habe, das war, als ich die B-Trainer-Lizenz gemacht habe. Da saß ich neben Arne Friedrich und wir haben uns angeguckt und gesagt: Was machen wir hier? Es war anstrengender, als auf dem Platz zu stehen.

Und jetzt stehen Ihnen 18 Lehrtage mit jeweils acht Stunden Vorlesungen und Referaten und dergleichen bevor.

Klar, es wird Neuland für mich sein. Wenn früher die Spielbesprechung ein bisschen länger dauerte, wurde ich schon sauer. Aber ich bin auf jeden Fall bereit, den Stress auf mich zu nehmen. Ich will mich da durchbeißen.

Sie mussten für den Kurs ein Motivationsschreiben vorlegen. Nun ist Lesen und Schreiben nicht das, was in Trainingslagern exzessiv betrieben wird, oder?

Da gibt es diese und jene Spieler. Christian Poulsen zum Beispiel (Schalke-Profi von 2003 bis 2007/Anm. d. Red.) hat man oft mit einem Buch gesehen. Oder Manuel Friedrich bei der Nationalmannschaft, der sich dann allerdings nicht richtig für Fußball interessierte und nicht mal wusste, wer David Beckham ist. Ich war nie der Spieler, der in der Freizeit viele Bücher gelesen hat. Als ich mal ein Buch mitgenommen habe in den Bus, da haben alle gesagt: Asa, willst du uns verarschen? Ich finde das ja immer noch lustig, aber ich will mich jetzt weiterentwickeln. Sicher werde ich immer der Asa bleiben, der oft und viel lacht, aber wenn es ernst wird, will ich auch auf den Tisch hauen können. Das muss ich lernen. Deshalb ist es wichtig, dass ich nicht mehr nur der Spaß-Asa bin. Ich will ernst genommen werden. Vielleicht schaffe ich es dann mal in eine Vereinsführung. Das wäre ein Ziel. Es muss ja nicht gleich so ein großer Verein wie Schalke sein.

Viele Fußballer haben Probleme, sich nach der Karriere zurechtzufinden. Ist der Besuch dieses Studiengangs also auch ein Schritt ins wahre Leben?

Auf jeden Fall. Ich habe das Glück, dass mich Schalke in allen Dingen unterstützt, trotzdem bin ich es ja, der dahinterstehen muss. Ich interessiere mich noch immer für Fußball, stehe gern als Trainer mit meiner U15 auf dem Platz, aber mich interessiert auch das Weiterleben.

Und Ihr Vorleben als Profi, hilft das noch?

Man kommt als Fußballer so viel rum, da bleibt eine Menge hängen. Ich habe so viele große Persönlichkeiten erlebt. Wie Rudi Assauer den Verein geführt hat, das war einmalig. Horst (Heldt) macht sein Ding anders, aber ich glaube, ich kann von allen etwas mitnehmen.

Manche Fußballer bleiben nach dem endgültigen Abpfiff im Geschäft, indem sie sich der Agentur ihres Beraters anschließen. Sie wurden all die Jahre vom ehemaligen HSV-Profi Jürgen Milewski vertreten, gab's da kein Interesse?

Jürgen hätte sich das gut vorstellen können, wir hatten ein super Verhältnis. Ich war mein ganzes Leben bei ihm, wir haben nie einen Vertrag gehabt, haben immer alles mit Handschlag geregelt. Jürgen macht das sehr gut und ist sehr erfolgreich, es wäre bestimmt interessant mit ihm. Doch ich wollte was anderes machen.

Denken Sie noch wehmütig zurück an Ihre Fußballerjahre?

Ich habe es mir schlimmer vorgestellt. Ich hatte Angst, aber ich war dann auf Schalke so beschäftigt, dass ich den Übergang gar nicht so mitbekommen habe.

Sie hätten auch ins zivile Geschäftsleben wechseln können. Als Hotelier zum Beispiel, Sie besitzen doch ein Hotel in Accra.

Ja, das habe ich noch, das habe ich in Ghana aufgebaut, um meinem Heimatland etwas zurückzugeben. Damit Leute Arbeit haben. Das Hotel hat 32 Zimmer, es liegt gegenüber vom Messegelände und wird vor allem von Geschäftsleuten genutzt. Einen Pool gibt es leider nicht, aber es ist nur sieben Minuten vom Strand entfernt, die Gäste werden chauffiert. Mein Vater ist am Ort, er kümmert sich um alles. Meine Frau ist auch öfter da, und einmal im Jahr komme ich rüber und schaue nach dem Rechten.