3:2 für Hannover Der Stimmungsretter

Der FSV Mainz verspielt in Hannover einen 2:0-Vorsprung und verzweifelt am dreifachen 96-Torschützen Niclas Füllkrug.

Von Frank Hellmann, Hannover

Irgendwann schob Sandro Schwarz seine beiden Hände, mit denen er zuvor kräftig auf die Tischplatte im Presseraum gepocht hatte, in die Taschen seiner Trainingshose. Aber auch dort hielt der Trainer des FSV Mainz 05 sie nicht lange ruhig. "Konsequenz, Konzentration, innere Linie zumachen - es sind doch immer die gleichen Keywords", sagte der 39-Jährige, "dann passiert in der Regel nichts." Doch weil seine Spieler erneut die Elementartugenden der Verteidigung vermissen ließen - so lautete Schwarz' These zur 2:3-Niederlage nach 2:0-Vorsprung bei Hannover 96 - haben sich die Rheinhessen gleich zum Rückrundenstart mächtig in die Bredouille gebracht.

Mitarbeiter des Tages: Niclas Füllkrug gelingen zum Rückrundenstart drei Treffer.

(Foto: Oliver Hardt/Getty Images)

"Wir haben Aufbauhilfe Nord betrieben", sagte Schwarz. "Das ist ärgerlich hoch 3000." Solch deutliche Worte sind selten bei einem ansonsten sehr auf Sachlichkeit bedachten Trainer. Vielleicht leidet er deshalb noch mehr, weil er als gebürtiger Mainzer weiß, wie prekär in den nächsten Wochen mit der bevorstehenden Kür eines neuen Vereinsoberhaupts die Stimmungslage am abstiegsbedrohten Standort werden könnte. Fragen nach seinem Gemütszustand waren überflüssig - die Antwort gab Schwarz selbst: "Ich bin stinksauer."

Nach einer halben Stunde brach die Zeit von Niclas Füllkrug an

Die erste halbe Stunde hatte seine Elf die mal wieder wegen der Kommerzproteste eigenartig emotionslose Stimmung in der nur mit 34.500 Zuschauern besetzten Arena am Maschsee noch perfekt für sich zu nutzen gewusst: Erst erzielte Yoshinori Muto, der den Vorzug vor Neuzugang Anthony Ujah bekommen hatte, mit einem Flachschuss die Führung (26.), dann legte Alexander Hack mit einem Kopfball nach Freistoß von Alexandru Maxim nach (31.).

Fassungslos: Nigel De Jong wirkte in mehreren Szenen wie eine Überzeichnung seiner selbst.

(Foto: Peter Steffen/dpa)

Doch dann brach die Zeit des dreifachen Torschützen Niclas Füllkrug an. Erst köpfte der 96-Angreifer nach einer Ecke des später mit offenem Nasenbeinbruch und böse blutenden ausgeschiedenen Pirmin Schwegler das 1:2 (33.). Dann verwandelte er einen Strafstoß zum 2:2 (38.), nachdem der erst in der Vorwoche verpflichtete Neu-Mainzer Nigel de Jong gegen Felix Klaus zu ungestüm zu Werke gegangen war. Nicht nur in dieser Szene wirkte der 33 Jahre alte Niederländer gedanklich zu langsam. Sportvorstand Rouven Schröder wollte indes nicht den Stab über seine prominenteste Neuerwerbung brechen: "Wenn du grätschst, musst du den Ball treffen. Aber er hat ansonsten ein gutes Spiel gemacht. An Nigel hat es nicht gelegen." Auch Kapitän Stefan Bell nahm seinen neuen Kollegen naturgemäß in Schutz: "Er wusste eine Minute später, dass diese Aktion nicht so clever war. Wir müssen alle abgeklärter spielen. Die Tore fallen bei uns immer ein bisschen zu billig."

Der Dreierpack gegen Mainz war die Belohnung für eine rundherum reife Leistung

Für Schwarz war es viel eher "symptomatisch, wie wir uns nach einer Slapstickeinlage selbst schlagen". Die Entscheidung resultierte aus einem erneuten Wirrwarr im Mainzer Strafraum, wieder stand Füllkrug goldrichtig (75.). Bei jedem seiner mehr als halben Dutzend Interviews nach dem Spiel lachte der 24-Jährige noch ein bisschen lauter. "Es war ein guter Tag, um drei Tore zu schießen. Es war megawichtig, und wir sind alle ein bisschen entspannter", sagte er und konnte sich vor Schulterklopfern und Umarmungen kaum retten. Er hatte ja auch gerade im Alleingang die Stimmung bei den Niedersachsen gerettet.

96-Trainer André Breitenreiter widerstrebt es gewöhnlich, einzelne Akteure hervorzuheben, doch an diesem ungemütlichen Januar-Nachmittag kam er um eine Ausnahme nicht umhin. "Niclas hat in der Hinserie hart gearbeitet, auch wenn er nicht gespielt hat", sagte Breitenreiter. "Dann hat er sich über Jokertore in die Stammelf gespielt. Es ist bei ihm eine stetige Entwicklung."

Dass Füllkrug sich mit seinen acht Saisontreffern an Position sechs der Bundesliga-Torschützen bugsiert hat, nahm der 1,88-Meter-Mann fast nebenbei auf. Viel wichtiger war ihm im Nachgang, sich noch einen Spielball als Erinnerungsstück zu sichern. Zuletzt hatte Füllkrug im Dress des 1. FC Nürnberg im April 2016 beim 6:2 gegen Union Berlin dasselbe Kunststück vollbracht. Der Dreierpack gegen Mainz war die Belohnung für eine rundherum reife Leistung: In dieser Partie hatte Füllkrug gezeigt, dass er auch in Sachen Spielverständnis, Ballbehauptung und Abschlussstärke neben seinem ohnehin immer erstligareifen Kopfballspiel Fortschritte gemacht hat.