Geboren in Tichy, Tczew oder Gliwicze

Szepan und Kuzorra, Klose und Podolski, Polanski und Sinkiewicz - die Geschichte polnischer Migration nach Deutschland ist lang.

Von Christoph Biermann

Es müsste sich nicht auf Miroslav Klose und Lukas Podolski beschränken. Wenn Jürgen Klinsmann wollte, könnte der deutsche Bundestrainer ein komplettes Team von Nationalspielern aufstellen, die in Polen geboren sind. Und die hätte nicht einmal so schlechte Chancen.

Zwei Polen im deutschen Dress: Miroslav Klose (m.)singt die Nationalhymne mit, Lukas Podolski (li.) summt nur mit.

(Foto: Foto: dpa)

Eugen Polanski von Borussia Mönchengladbach, geboren in Sosnowiec, gehört sowieso schon zu den Spitzenkräften der Junioren-Nationalmannschaft. Das gilt genauso für Lukas Sinkiewicz (geb. in Tychy) vom 1. FC Köln, den Bundestrainer Klinsmann bereits drei Mal in der A-Elf einsetzte.

Piotr Trochowski vom Hamburger SV (geb. in Tczew) kam bei den Junioren ebenfalls zum Einsatz, während Paul Freier aus Leverkusen, der als Slawo Freier in Bytom geboren wurde, schon 18 Einsätze im Nationalteam hinter sich hat.

Geplatzter Traum

Sebastian Schindzielorz vom 1. FC Köln (geb. in Krapkowicze) spielte früher bei den deutschen Junioren, während Michael Delura bereits überlegte, ob er nicht für Polen antreten soll. Er ist zwar in Gelsenkirchen geboren, entstammt aber einer deutsch-polnischen Familie.

Die gleichen Gedanken hatte sich Christoph Dabrowski (geb. in Katowicze) gemacht, der kürzlich von Hannover 96 nach Bochum wechselte, doch sein Traum von der WM 2006 mit Polen ging nicht in Erfüllung.

Neu ist dieses Phänomen von deutschen Nationalspielern mit polnischen Wurzeln nicht, und auch ihr aktuelles, sehr lebendiges Kapitel hat mit der langen Geschichte polnischer Migration nach Deutschland zu tun. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind nämlich ständig weiter Polen nach Deutschland ausgewandert.

Doch weil sich die polnischen Regierungen lange Zeit sehr restriktiv zeigten, kamen in den drei Jahrzehnten zwischen 1949 und 1979 nur gut 600.000 Polen nach Deutschland, die meisten als deutsche Spätaussiedler. Dass die Zahl anschließend dramatisch stieg, hatte vor allem mit der sich ändernden Situation in Polen zu tun.

Eintrittskarte in den Westen

Zwischen 1981 und 1983 herrschte dort Kriegsrecht, nachdem Solidarnosc das kommunistische Regime herausgefordert hatte. Auch die wirtschaftliche Situation verschärfte sich dramatisch.

Als die Ausreise erleichtert wurde, verließen vor allem Leute aus der Mittelschicht das Land, Ärzte zum Beispiel, aber auch Handwerker wie Eugen Polanskis Vater, der Elektriker ist. Die meisten der oben genannten Spieler waren Kleinkinder, als ihre Eltern übersiedelten.

Zwischen 1980 und 1991 kamen insgesamt eine Million Polen nach Deutschland. "Als Eintrittskarte in den Westen reichte ganz wenig", sagt der Historiker Christoph Pallaske, der diese Migration erforscht hat. Den Status als Aussiedler hätten Polen sehr einfach bestätigt bekommen, ein selbst geführter Stammbaum oder ein Brief hätten teilweise schon ausgereicht.

"Zu 90 Prozent waren diese Migranten nicht mehr deutsch sozialisiert", sagt Pallaske. Das ist auch der Grund, weshalb in der polnischen Presse die deutschen Nationalspieler teilweise als ihre Jungs angesehen werden. Das gilt vor allem für Lukas Podolski, der in Gliwicze geboren wurde.

Hiphop-Formation

Daheim mit seinen Eltern, Vater Waldemar war Fußballprofi, spricht er genauso polnisch wie mit seiner Freundin Monica. Er liest polnische Sportzeitungen und seine Lieblingsmusik kommt ebenfalls aus Polen: von Hiphop-Formationen namens Wezo, Peja oder WWO.

Auch die Verbindungen von Miroslav Klose nach Polen sind eng. Aber der Stürmer von Werder Bremen betont immer, dass er sich "durch und durch als Deutscher" fühlt.

Die Frage, ob ein Spieler denn nun deutsch oder polnisch sei, hat im deutschen Fußball eine lange Tradition. Dafür haben vor allem die Kicker aus den Mannschaften im Ruhrgebiet gesorgt, wohin ab dem Ende des 19. Jahrhunderts viele hunderttausend Arbeitskräfte aus ganz Osteuropa gekommen waren.

So hatten etwa Fritz Szepan und Ernst Kuzorra von Schalke 04 polnische Wurzeln, ihr Verein wurde in den dreißiger Jahren sogar als "Pollackenklub" angefeindet.

Nach dem ersten Titelgewinn 1934 schickte die Vereinsführung einen klärenden Brief an den Kicker, nachdem dort polemisch angemerkt worden war, dass der Meistertitel "in den Händen der Polen" gelandet sei. Spieler für Spieler wies Schalkes Vorstand daraufhin "die Abstammung der Schalker Elf" nach.

Germanisierungspolitik

Demnach waren alle in Gelsenkirchen geboren, mit Ausnahme von vier Kickern aus Dortmund, Gladbeck, Wattenscheid und Münster. Die Eltern von 13 Spielern stammten allerdings aus Masuren, Oberschlesien und Westpreußen.

Diese polnischen Ostprovinzen hatten bis Ende des Ersten Weltkriegs zum Deutschen Reich gehört, weshalb die Schalker ganz und gar deutsch wären, wie der Klub argumentierte. In besagten Gebieten wechselte jedoch mehrfach die Herrschaft, und das Deutsche Reich betrieb dort eine aggressive Germanisierungspolitik.

Nach 1918 wurden sie Teil des wiedererstandenen polnischen Staates, der 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen zerschlagen wurde. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Hunderttausende Deutsche aus Polen vertrieben.

Infolge dieser Historie landeten immer wieder Deutsch-Polen in der deutschen Nationalmannschaft. Oder auch nicht, wie der Kapitän des VfL Bochum, Thomas Zdebel.

Es kommen keine neuen Kloses mehr

Als er vor einigen Jahren beim belgischen Meister Lierse in der Champions League überzeugte, ließ er bei Horst Hrubesch, dem damaligen Trainer der A2-Nationalelf, vorsichtig anfragen, ob es für ihn eine Chance auf einen Einsatz gäbe.

Auch Zdebel war Spätaussiedler, hatte allerdings seine ganze Jugend im Sportinternat von Katowice verbracht. "Aber Hrubesch kannte mich nicht und hatte kein Interesse", sagt Zdebel. Daraufhin nahm er das Angebot des polnischen Verbandes an und machte 14 Länderspiele.

Die Geschichte der polnischen Verstärkung des deutschen Nationalteams dürfte langsam zu Ende gehen, denn durch eine Gesetzesänderung können seit 1990 nur noch Familienangehörige nachfolgen.