Gary Anderson Schüchterner Darts-Weltmeister

Wirft leichte Pfeile, stemmt schwere Trophäen: Darts-Weltmeister Anderson.

(Foto: dpa)

Obwohl der Schotte Gary Anderson erst mit 24 Jahren mit Darts beginnt, gewinnt er nun zum zweiten Mal den WM-Titel. Der 45-Jährige will nicht so recht in das bunte Spektakel passen.

Von Sven Haist, London

Im pompös anmutenden Ballsaal des Alexandra Palace hat sich Gary Anderson in eine kleine Wandeinbuchtung zurückgezogen. Sein Blick richtet sich auf einen mit Kaffee gefüllten Pappbecher, den er in der Hand hält. In dieser verkrampft wirkenden Position fühlt sich Anderson sichtlich wohler als kurz zuvor, als er solo auf dem Podium saß, um zu erklären, warum er seinen Titel bei der Darts-WM verteidigen konnte.

"Ich bin ein ruhiger, schüchterner Mensch", sagt er: "Ich mag keinen Rummel. Ihr bekommt hier einige Superstars - aber nicht mich." Der Schotte lebt eher zurückgezogen im Küstenstädtchen Eyemouth, einer 3500-Einwohner-Gemeinde an der Grenze zu England.

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Folglich war es Anderson, 45, auch nicht unrecht, dass sich die 3000 Zuschauer während des WM-Endspiels in ihren Sprechgesängen meist einigen zuvor ausgeschiedenen Profis widmeten. "Wenn sie für dich schreien, übt das Druck aus", sagt er. Das Endspiel gegen den Engländer Adrian Lewis sei Schinderei genug gewesen, weil er gerade mal 85 Prozent seines Könnens habe abrufen können. Immerhin reichte das, um seinen Status als Pfeilwurf-König im "The People's Palast" zu behaupten.

In einer Neuauflage des Finales von 2011 besiegte Anderson seinen Freund Lewis mit 7:5 Sätzen, neben dem Preisgeld von 400 000 Euro kassierte der gelernte Kaminbauer einen Bonus für das einzige perfekte Spiel der WM: Im Halbfinale hatte er mit lediglich neun Würfen den Startwert von 501 Punkten auf null gesetzt.

Unmittelbar vor der Übergabe der Sid-Waddell-Trophäe, benannt nach einem verstorbenen Darts-Kommentator, wischte sich Anderson eine Träne aus dem Auge. Eine Bankreihe, besetzt mit Familienangehörigen und Bekannten, unterstützte ihn in der Halle. Nur Tai, der jüngste seiner drei Söhne (die älteren beiden leben bei seiner früheren Frau), blieb dem Ereignis fern. Tai sei zwar erst 20 Monate alt, hätte aber "heute Abend vermutlich besser gespielt als ich", sagt Anderson.

Der Legende nach beginnt Anderson Dartsspielen mit 24

Er selbst war ein Spätstarter. Begonnen hat er, der Legende nach, erst mit 24 Jahren, als Freunde auf dem Campingplatz eine Darts-Scheibe aufstellten. "Ich habe nie einen Trainer gehabt. Ich mache es auf meine Art", sagt er. In einer Zeit, in der Darts noch Kneipensport und nicht TV-taugliches Massenphänomen war, ebnete sich Anderson den Weg in die Weltspitze.

Ob er noch lange auf diesem Niveau wird spielen können, stellte er in London jedoch in Frage. Bisweilen lege der Körper schon Beschwerde ein gegen einen immer dichter werdenden Spielplan. "Ich habe mir meinen Rücken verrenkt", sagte Anderson - und deutete grinsend auf die 25 Kilogramm schwere Weltmeister-Trophäe.

Ein ernsthaftes Problem ist für ihn die Kurzsichtigkeit. Bei zwei Situationen im Finale verzählte er sich bei der Punktzahl. "Ich sehe Nummern, die nicht da sind. Ich habe es mit einer Leserbrille versucht, aber es endet damit, dass sie im Gesicht verrutscht." Noch weigert sich Anderson, Kontaktlinsen zu tragen oder eine Laseroperation zu wagen. Er sagt nur: "Ich wünsche, ich wäre wieder 21."

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