Fußballer Julian Draxler "Das Beste, was es im deutschen Fußball gibt"

Endlich in der Chefrolle beim VfL Wolfsburg: Julian Draxler.

(Foto: dpa)
  • Beim 3:2-Sieg des VfL Wolfsburg gegen KAA Gent in der Champions League gelingen Julian Draxler zwei Tore.
  • Die teure Verpflichtung aus dem Sommer deutet im Wolfsburg-Dress erstmal an, wie wertvoll er für die Mannschaft noch werden könnte.
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Von Javier Cáceres, Gent

Der Mann, dem die Rolle des unumstrittenen Hauptdarstellers fast noch entrissen worden wäre, schaute alles andere als amüsiert drein, als er sich anschickte, das Stadion zu verlassen. Und das lag nicht nur an dieser irritierenden Schlussphase des Achtelfinal-Hinspiels der Champions League bei Belgiens Meister KAA Gent. Zwar gewann Wolfsburg mit 3:2, hatte sich aber wegen des Spielverlaufs (3:0-Führung bis zur 80. Minute) am Rande einer sogenannten gefühlten Niederlage bewegt. "Ich habe ja auch ein wenig Stress", sagte also Julian Draxler, Wolfsburgs Nummer 10, entschuldigend, als er darauf angesprochen wurde, dass man ihn schon freudiger erlebt habe. Stress, ja: Draußen vorm Stadiontor wartete die VfL-Expedition im Bus auf die Abreise zum Flughafen in Ostende, und Draxler war zum Nachzügler geworden, weil er den Dopingtest zu absolvieren hatte. Er kam gerade rechtzeitig, um ebenfalls den Flieger nach Braunschweig zu erreichen, mit positiven Folgen: Draxler musste nicht noch in Gent nächtigen und einsam darüber grübeln, was in der Arena der im Volksmund "Buffalos" genannten Ostflamen am Ende alles falsch gelaufen war - als alles richtig zu laufen schien.

Draxler zertifiziert sein Talent

Draxler, 22, ist seit Sommer bei den Wölfen, und am Dienstag hatte man stärker denn je das Gefühl, dass er all das zurückzuzahlen könnte, was in ihn investiert worden ist. Allein die Ablöse an Schalke 04 betrug angeblich mehr als 36 Millionen Euro. In Gent erzielte er die ersten beiden Tore der Wolfsburger, und er zertifizierte dabei jeweils sein außergewöhnliches Talent.

Beim ersten Treffer (44.) drehte er sich an der Seitenlinie um die eigene Achse, manövrierte damit Gents Rechtsverteidiger Foket aus und spielte mit Vieirinha Doppelpass, ehe er den Ball souverän neben den Pfosten setzte. Beim zweiten Treffer witterte er, dass der Rückpass von Verteidiger Asare auf Verteidiger Mitrovic zu kurz geraten würde, sprintete dazwischen und lupfte den Ball anschließend mit einer Eiseskälte, die mit den Außentemperaturen korrelierte, über Torwart Sels hinweg (54.). Gut, es ließe sich einwenden, dass Foket bestimmt gut daran tut, weiter Jura zu studieren (und es vermutlich hilfreich ist, dass er eine Alternative zum Fußball hat). Und dass Mitrovic sein Team immer wieder durch hanebüchene Fehlpässe verunsicherte, ist ebenfalls Teil der Wahrheit. Doch das schmälerte Draxlers Leistung nicht, denn diese bot Anlass zu Oden. Besonders Manager Klaus Allofs deckte Draxler mit hymnischen Worten ein. Er nannte dessen Tore nicht nur "Weltklasse", er sagte überdies, dass "Julian ungefähr das Beste ist, was es im deutschen Fußball gibt". Gleichwohl gab Allofs zu bedenken, dass Draxler "trotzdem ein junger Spieler" sei, der Zeit braucht. "Das wollen einige nicht verstehen. Wir verstehen das, bei uns bekommt er die Zeit, die er benötigt." Tatsächlich war Draxler formidabel, auch weil er an diesem Abend stets den Willen zeigte, sich die Schulterklappen mit dem Maximum an möglichen Sternen auf die Uniform zu nähen. Das war bemerkenswert, weil das in seiner - allerdings noch relativ kurzen - Wolfsburger Zeit nicht immer so war. Und weil der VfL gerade während einer Niederlagen-Serie, die erst jüngst mit dem 2:0 gegen Ingolstadt beendet wurde, eine Führungsfigur vermisste, die Stabilität verleiht. Oft hatte sich Draxler anhören müssen, dass er eben doch (noch) kein Kevin De Bruyne sei. Ausgerechnet in der Heimat des Belgiers aber, der im Sommer 2015 teuer an Manchester City transferiert worden war, bestätigten die Wolfsburger, dass sie das Zeug haben, in der Champions League auch ohne ihren einstigen Inspirator weit zu kommen. Zumindest bis in die Schlussphase hinein, in der Max Kruse seinem 3:0 (60.) fast das 4:0 hätte folgen lassen. Doch nachdem sein Schuss am Pfosten landete, legte der VfL den Rückwärtsgang ein. Grund waren sicher auch die notgedrungenen Umstellungen: Weil Rechtsverteidiger Sebastian Jung kurz vor der Halbzeit einen Kreuzbandriss erlitt und durch André Schürrle ersetzt werden musste, wanderte der ursprünglich vorne agierende Vieirinha nach hinten. Nachdem der Portugiese jedoch die gelbe Karte sah, fürchtete Hecking Schlimmeres - und wechselte ihn zur Sicherheit aus (80.). Es kam Marcel Schäfer - und der wurde kalt erwischt. Denn der Doppelschlag entwickelte sich über seine rechte Seite: Erst traf Kapitän Sven Kums (80.), dann Stürmer Kalifa Coulibaly (89.). Zwei Tore für KAA Gent, die den Ärger von Trainer Hein Vanhaezebrouck allerdings eher noch verstärkten: "Wir haben heute zu lange gebraucht, ehe wir im Kombattanten-Modus waren. Wir waren zu freundlich." Auf Wolfsburger Seite übte Manager Allofs Nachsicht: "Insgesamt war das mehr als in Ordnung. Wir müssen nicht Trübsal blasen." Die Ausgangslage für das Rückspiel am 8. März ist tatsächlich gut, zudem dürften die späten Gegentore eine Mahnung sein. Trainer Vanhaezebrouck ortete die Chancen auf ein Weiterkommen seiner Mannschaft bereits bei "null Prozent". Andererseits ist bekannt, dass die Bürger von Gent von einer gewissen Unbeugsamkeit sind. Die Stadion-Hostessen, die für einen Dienstleister mit dem etwas irreführenden Namen "Maison Rouge" arbeiten, tragen das Motto der Stadt auf ihren eng anliegenden T-Shirts. "Nie neute, nie pleuje, nie verduste", zu Deutsch: "Nie aufgeben, nie jammern, nie verdursten." Na denn: Prost.

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