Fußball-WM Wie die Fifa das Thema Doping abmoderiert

Das russische Nationalteam trainiert in Neustift in Österreich.

(Foto: REUTERS)
  • Der Fußball-Weltverband Fifa stellt die Ermittlungen gegen russische Fußballer ein.
  • Es ist ein offensichtlicher Versuch, die Causa vor dem WM-Turnier im Sommer abzumoderieren.
  • Doch die Angelegenheit ist lange nicht beendet. Viele Fragen bleiben offen.
Von Johannes Aumüller, Neustift im Stubaital

Wie ein Feldmarschall steht Stanislaw Tschertschessow in der Mitte des Platzes, um den Hals Trillerpfeife und Stoppuhr. Der Trainer von Russlands Nationalelf gibt sich als eher altmodischer Übungsleiter. Um ihn herum läuft in weißen T-Shirts ein großer Pulk Nationalspieler seine Runden. Im Stubaital in Österreich bereitet sich die Sbornaja gerade auf die Heim-WM vor. Größtmögliche Ruhe soll das Trainingslager garantieren, dabei begleitet Russland aber nicht zuletzt ein Problemthema: der Dopingverdacht gegen zumindest einige der Herren in den weißen Hemden - und der Umgang damit durch den Fußball-Weltverband.

Ende Mai versuchte die Fifa, das Thema für beendet zu erklären. Die Untersuchungen gegen alle Mitglieder des vorläufigen WM-Kaders seien eingestellt worden, hieß es - mangels "ausreichender Beweise" für einen Verstoß gegen die Anti-Doping-Regeln. Es ist ein offensichtlicher Versuch, die Causa vor dem Turnier im Sommer abzumoderieren. Doch das dürfte vergeblich sein: Das Thema ist noch lange nicht vorbei, die Fragen sind zahlreich.

Die Fifa sei eine von vielen internationalen Sportorganisationen, die "den russischen Doping-Betrug unter den Teppich kehren wollen", sagte etwa Jim Walden, der Rechtsanwalt des Doping-Kronzeugen Grigorij Rodtschenkow.

Fifa sieht keine Doping-Verstöße in Russlands aktuellem WM-Kader

Der Fußball-Weltverband entlastet den WM-Gastgeber "mangels ausreichender Beweise". Im McLaren-Report zum Staatsdoping waren 154 russische Fußballer erwähnt worden. mehr ...

Der komplette russische Kader der WM 2014 gilt als verdächtig

Es gibt inzwischen zahlreiche Stränge, bei denen in dieser jahrelangen Staatsdoping-Affäre der Fußball ins Spiel kommt. Da ist zunächst der Bericht von Sonderermittler Richard McLaren für die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada aus dem Dezember 2016. Unter rund 1000 verdächtigten Athleten sind auch, in anonymisierter Form, 34 Fußballer.

Das heißt nicht, dass Doping-Beweise vorliegen - ist aber nach McLarens Ansicht ein Grund für Nachforschungen. Zu den 34 zählt der komplette WM-Kader 2014 in Brasilien, weil es damals zu einem seltsamen Vorgang kam: Am 3. Juni 2014, kurz vor der Abreise nach Brasilien, gab das komplette Team in Moskau eine Dopingprobe ab, begleitet von einer auffälligen Mail zwischen zwei Eckpfeilern des Manipulationssystems. "Wir müssen herausfinden, ob sie gesund sind", schrieb ein Mitarbeiter des Sportministeriums an Moskaus Laborchef Rodtschenkow.

"Herausfinden, ob sie gesund sind"? Das ist ein Vorgang, der an die Ausreisekontrollen erinnert, mit dem etwa die DDR früher sicherstellte, dass zu Hause gedopte Athleten im Ausland nicht auffallen. Russlands Fußballverband RFS weist das zurück; er bezeichnet den Vorgang als absolut standard- und gesetzesmäßig.

Aus dem damaligen WM-Kader stehen heute noch acht Akteure im Aufgebot. Doch wie intensiv ging die Fifa dem nach? Der Weltverband sagt generell, er äußere sich zu Einzelfällen nicht. Der RFS teilt mit, dass es zu diesem Vorgang keine Rückfragen der Fifa gegeben habe.

Neben dem 2014er-Kader tauchten elf weitere Fußballer in McLarens Unterlagen auf. Darunter waren einige Nachwuchsfußballer, von denen zwei sogar schon früher gesperrt worden waren. Laut RFS resultierte aus dieser Liste nur ein weiteres Ermittlungsverfahren der Fifa, bei Nicht-Nationalspieler Iwan Knjasew, aber das sei inzwischen eingestellt.

Doch ein anderer Name fällt auf: Ruslan Kambolow von Rubin Kasan. Der stand im vorläufigen WM-Kader, wurde aber wegen einer Verletzung herausgenommen. In einer Probe von ihm aus dem Jahr 2015 war die verbotene Substanz Dexamethason aufgetaucht, ein Mittel, das entzündungshemmend wirkt. Nach RFS-Angaben eröffnete die Fifa kein formales Verfahren, sondern es habe nur "einige weitere Fragen" an den Spieler gegeben. Der Weltverband sagt dazu nichts.