Fußball-WM Südamerika wird Opfer der Qualitätsspirale

Lionel Messi stand mit Argentinien 2014 im WM-Finale - diesmal scheiterte er im Achtelfinale.

(Foto: Getty Images)
  • Bei der WM stehen mit England, Kroatien, Belgien und Frankreich vier europäische Teams im Halbfinale - sie bestätigen damit einen Trend.
  • Südamerikas Fußball ist nicht mehr so konkurrenzfähig wie noch vor 16 Jahren.
  • Die Gründe dafür liegen in der Ausbildung von Talenten und einem Phänomen namens "Qualitätsspirale".
Von Javier Cáceres, Sotschi

Die Halbfinals sind noch nicht angepfiffen. Doch schon jetzt steht fest: Der Weltmeistertitel wird zum vierten Mal nacheinander an eine europäische Mannschaft gehen. Oder, anders herum gesprochen, keinesfalls an eine Mannschaft aus dem Kontinent, der neun von bislang 20 Weltmeistern gestellt hat: Südamerika. "Europa kolonisiert den Fußball", konstatierte die brasilianische Zeitung O Estado de São Paulo am Sonntag. Und der Kontinent fragt sich: Warum?

Zahlen sprechen gegen Südamerika bei Weltmeisterschaften

Dabei ist die Entwicklung alles andere als überraschend, es ist im Grunde die Zuspitzung eines lang anhaltenden Prozesses: Europa hat seit der WM 1974 in Deutschland 75 Prozent aller Halbfinalisten gestellt, 36 von 48. Südamerika kam im gleichen Zeitraum auf elf (23 Prozent). Seit Brasilien im Jahr 2002 im Finale von Yokohama Deutschland besiegte, hat Südamerika nur drei von insgesamt 16 Halbfinalisten gestellt. 2006 kam kein Team aus der Neuen Welt unter die letzten vier; 2010 schaffte es immerhin Uruguay; 2014 scheiterten Brasilien und Argentinien jeweils am späteren Weltmeister Deutschland - Brasilien krachend im legendären Halbfinale von Belo Horizonte (1:7), Argentinien im Finale von Rio.

Als Suárez den großen WM-Traum Ghanas wegfaustete

Der Stürmer Dominic Adiyiah war im WM-Viertelfinale 2010 kurz davor, Geschichte zu schreiben. Doch dann verhinderte Luis Suárez sein Tor mit den Händen - und Adiyiahs junge Karriere gleich mit. Von Felix Haselsteiner mehr ...

Monokausale Erklärungen für die Monopolisierung des Fußballs durch Europa gibt es nicht. Auch der Zufall spielte seine Rolle. Uruguay und Kolumbien scheiterten bei der WM auch deshalb, weil ihre besten Spieler in den entscheidenden Spielen verletzt waren: Edinson Cavani bei Uruguay, James Rodríguez bei den Kolumbianern.

Aber: Es dürfte mehr als eine Anekdote sein, dass die respektabelsten südamerikanischen WM-Leistungen von Teams kamen, die die dienstältesten Trainer des Kontinents beschäftigen: Óscar Tabárez regiert Uruguay seit 2006, José Luis Pékerman arbeitet seit 2012 in Kolumbien. Zum Vergleich: Seit seinem Debüt 2004 hat Argentiniens Lionel Messi acht Nationaltrainer defilieren sehen. Trainer Nummer acht, Jorge Sampaoli, steht nach dem Achtelfinal-K.-o gegen Frankreich vor der Absetzung - nach nur einem Jahr. Brasilien wiederum blickt seit der WM 2014 auf drei Trainer zurück. Doch die Gründe für den Niedergang der Südamerikaner, der vom Glanz von Figuren wie Messi oder der Brasilianer überdeckt wird, liegen tiefer.

Sie haben viel mit den Effekten der Globalisierung des Fußballs zu tun, die sich zu einem fast perversen Sturm entwickelt hat. Seit Jahren begnügt sich Südamerika nicht mehr damit, die besten "fertigen" Spieler zu exportieren. Sondern alle, die nicht bei drei auf dem Baum sind. Die exportierten Fußwerker werden immer jünger. Die Gewinne landen in den Händen von Magnaten, die nicht am fußballerischen Allgemeinwohl, sondern an ihrer Rendite interessiert sind.