Fußball-WM Spiel in falschen Händen

Demonstranten in Rio: Politiker haben die WM an den meisten Brasilianern vorbei organisiert

(Foto: AP)

Es gibt viele Gründe, sich auf die WM in Brasilien zu freuen. Doch die Euphorie wird getrübt von absurden Stadionbauten, Zwangsumsiedlungen und Polizeiwillkür. Sonst eint der Fußball. In Brasilien spaltet er.

Ein Kommentar von Claudio Catuogno

Es gibt viele Gründe, sich auf die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien zu freuen, exemplarisch seien diese beiden genannt: der Fußball. Und Brasilien.

Ein Rasenrechteck, 22 Spieler, zwei Tore, ein Ball. Man muss den Fußball nicht übermäßig verklären, um in ihm den vielleicht einzigen globalen Konsens zu sehen, über Religionen und Weltanschauungen hinweg. Die WM ist eine - im Wortsinne - weltbewegende Fußballmesse, und wenn diese nun im Land des Rekordweltmeisters zu Gast ist, wo der Fußball den Alltag durchdringt wie nirgendwo sonst, dann ist das eigentlich die perfekte Symbiose, der ideale Nährboden für Mythen, Dramen und Heldengeschichten.

Jetzt müssten halt nur noch die Störenfriede bitte die Zufahrtsstraßen zu den Stadien wieder freigeben, die Transparente einrollen und ihr undankbares Nörgeln einstellen. Oder nicht?

So sieht das wahrscheinlich nicht nur Sepp Blatter, der Präsident des Fußball-Weltverbands Fifa mit seinem Hang zu eher schlichten Deutungen komplexer sozialer Sachverhalte. So sieht das wohl auch ein Teil des hiesigen Publikums, das die Wimpel schon wieder bereitgelegt und die Biere gekühlt hat, und das jetzt beim rituellen Zelebrieren seines Sommerfests nicht gestört werden will. Also wird nun die Fußball-Variante des Olympischen Friedens beschworen: Wenn der Ball rollt, ist alles andere nachrangig.

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Die Weltmeisterschaft in Brasilien eint nicht, sie trennt

Vielleicht hat der Fußball ja sogar diese Kraft. Jogo bonito, schönes Spiel, das ist das viel beschworene Ideal der Brasilianer. Wenn ihre Seleção erfolgreich ins Turnier startet, dann schwappt womöglich tatsächlich eine Euphoriewelle durchs Land und überdeckt die Wut: auf absurde Stadionbauten, gestiegene Nahverkehrspreise, verfallende Schulen und Krankenhäuser, Zwangsumsiedlungen, Polizeiwillkür. Oder darauf, dass man - aus Sicherheitsgründen - an der Copacabana Kokosnüsse jetzt nicht mehr mit der Machete köpfen darf, sondern mit der Bohrmaschine ein Loch hineinbohren muss. Jeder hat ja seine private Motivlage für Protest, es geht um alltäglichen Überlebenskampf ebenso wie um das eher abstrakte Gefühl, das Land und seine Seele an eine korrupte Elite zu verlieren. Wenn man aber alles zusammennimmt, ist es wohl so: Um jetzt unbeschwert loszufeiern, hat sich einfach zu viel angestaut.

Der Fußball ist so abartig groß geworden, dass längst alle an ihm zerren. Es zerren an ihm die Funktionäre: In welche schmutzige Hände das schöne Spiel geraten ist, lässt sich gerade an den diversen Korruptionsaffären ablesen. Wo ohne Kontrolle sehr viel Geld zirkuliert, halten viele die Taschen auf. Es zerren an ihm die Politiker. Man muss da gar nicht nur auf den Autokraten Wladimir Putin zeigen, der die WM 2018 in Russland ausrichtet, oder auf die Katarer, die sich mit der WM 2022 ins Zentrum der Moderne katapultieren wollen, aber mit der Abschaffung der Sklaverei auf den Baustellen nicht vorankommen. Man kann da auch die deutsche Kanzlerin nennen, die ja ebenfalls gerne bis in die Nasszelle der Nationalelf vordringt und dann von dem Besuch Fotos verbreiten lässt.

Politiker haben die WM an den meisten Brasilianern vorbei organisiert

Außerdem zerren am Fußball die Marketender: globale Konzerne, die sich beim Abspielen ihrer Hochglanzkampagnen nur ungerne stören lassen von der Realität. Die Demonstranten in Rio oder São Paulo fallen bei all dem Gezerre vor allem deshalb so auf, weil sie in die entgegengesetzte Richtung zerren. Weil sie den Fußball für ihre Sache vereinnahmen, indem sie ihn infrage stellen. Wenn Brasilianer das mit ihrem schönen Spiel tun, muss es ihnen sehr ernst sein.

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Aber es gibt ja tatsächlich auch viele Gründe, sich auf diese Fußball-WM nicht zu freuen, exemplarisch seien diese beiden genannt: Brasilien. Und der Fußball. Der für seine korrupten Funktionäre berüchtigte Fußballverband des Landes; dazu die Fifa mit ihren Knebelverträgen, die sich wie eine Kolonialmacht geriert und ihre Milliardengewinne niedrig in der Schweiz versteuert; und schließlich Politiker, die in der Hoffnung auf Prestige in die öffentlichen Kassen gegriffen haben für Stadien, die bald keiner mehr braucht. Gemeinsam haben sie die WM an den meisten Brasilianern vorbei organisiert.

Der Fußball gehört allen, das macht ihn so mächtig, aber bei dieser WM eint er nicht, sondern er trennt. Den Protest dagegen wird man ernst nehmen müssen. Womöglich wird es sogar für lange Zeit das letzte Mal sein, dass die Sachwalter des Fußballs ein authentisches Bild davon bekommen, was die Leute von ihnen halten. In Russland 2018 und Katar 2022 wird sich der Bürgerzorn kaum so unmittelbar Bahn brechen können.

Zu hoffen, dass diese WM auch ein Fußballfest wird, ist trotzdem erlaubt.