Fußball-WM Spaniens Ligachef droht mit Klage gegen Mammut-WM

Protest gegen die 48er-WM kommt aus Spaniens Liga mit seinen Giganten Real Madrid (im Bild: Cristiano Ronaldo) und FC Barcelona.

(Foto: Daniel Ochoa de Olza/AP)

Javier Tebas ist sauer. Italien will "sich anpassen". England zittert vor dem Elfmeterschießen schon in der Gruppenphase. Reaktionen aus Europa zur Aufstockung der WM.

Von SZ-Autoren

Eine Fußball-WM mit 48 Mannschaften? Die Kritik aus Deutschland war besonders harsch, als der Rat des Fußballweltverbands Fifa am Dienstag einstimmig den Vorschlag des Präsidenten Gianni Infantino abgenickt hatte: das wichtigste Sportereignis des Planeten wird nun ab 2026 von bisher 32 Teams um 16 weitere aufgestockt. Die Sorge um eine "Verwässerung" der sportlichen Qualität (Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff) steht bei den Kritikern ebenso im Fokus wie die Befürchtung, dass von einem Turnier mit dann 80 WM-Spielen gewiss mehr Verletzte in Europas Topligen zurückkehren werden als bisher aus 64 WM-Spielen (selbst wenn auf dem Weg zum Titel wie bisher maximal sieben Partien zu absolvieren sein werden).

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Italien

Die Zahl 48 hat in Italien eine besondere Bedeutung. Im neapolitanischen Traum-Lotto steht sie für den "sprechenden Toten". Wenn im Traum ein Toter zu einem spricht, dann sollte man im Wachzustand auf die 48 setzen. Das Bild passt ganz gut, weil die Fifa ja von Kritikern auch für eine Organisation von Zockern gehalten wird, die mit schmeichelhaften Worten den Kadaver des schönen und moralisch sauberen Fußballs feilbieten. In Italien sieht man das mit der aufgeblähten WM indes pragmatischer. "Wenn ich Nationaltrainer wäre, fände ich das gut", sagt Massimo Allegri, der zurzeit noch Trainer von Juventus Turin ist - dem Klub, der die meisten Spieler der Squadra Azzurra stellt. "Der Fußball hat sich globalisiert", sinniert Allegri, "China und Russland mischen mit, es ist Big Business und große Show, da muss man sich halt anpassen."

So nüchtern und abgeklärt kann man es natürlich auch betrachten, zumal ja eine eingefleischte Juve-Frau im Fifa-Rat sitzt. Evelina Christillin, Mitglied im Aufsichtsrat des Rekordmeisters, vertritt dort Italien. "Die Fifa zählt 211 Verbände, da musste man das Turnier ausweiten", sagt Christillin: "Diesen Trend gibt es doch schon länger."

Haarsträubend, schnaubt hingegen Torwartlegende Dino Zoff, der auch schon mal Nationaltrainer war und als einziger italienischer Spieler EM und WM gewonnen hat: "Ich bin auf der Seite der Deutschen. Hier geht es nur noch um Geld und Gewinn, aber die Qualität und die Traditionen des Spiels leiden darunter. 32 Teilnehmer würden wirklich reichen. Man sieht doch an der Europa League, wozu diese Verwässerung führt. Zu viele Spiele, zu leere Stadien. In Italien geht sowieso keiner hin." Ein anderer Italiener, Gianni De Biasi, freut sich wiederum über "mehr Chancen für die Kleinen", die bei der EM 2016 bereits gezeigt hätten, was in ihnen steckt: "Island und Wales konnten durchaus mit den Großen mithalten." De Biasi spricht im eigenen Interesse - er ist Nationaltrainer von Albanien.

Birgit Schönau

Spanien

Der lauteste Unmut kommt aus Spanien, und das erstaunt zumindest die Spanier selber nicht. Javier Tebas, der ständig polemisch aufgelegte und politisch umstrittene Präsident des spanischen Ligaverbands, sagte nach dem Entscheid der Fifa: "Infantino führt sich auf wie Blatter." Wenn man frühere Statements von Tebas heranzieht, muss man annehmen, dass der Vergleich als höchstmögliche Verunglimpfung gemeint ist. Zu Blatters Zeiten sagte der 54-jährige Anwalt aus Huesca einst, mit der Fifa könne er sich in keiner Weise identifizieren: "Da sind sie alle korrupt."

Man erwäge, sagte Tebas nun, den Beschluss des Weltverbands, der ohne Rücksprache mit den Vereinen zustande gekommen sei, juristisch anzufechten. Als mögliche Berufungsinstanzen nannte er die Wettbewerbskommission der EU oder die schweizerische Justiz. "Die großen Ligen in Europa hätten angehört werden müssen", so sein Argument, "weil 75 Prozent aller Spieler, die an Weltmeisterschaften auftreten, in den großen europäischen Ligen spielen." Die Industrie des Fußballs werde nun mal von den Vereinen und Ligen betrieben, nicht von der Fifa.

Ob er tatsächlich Ernst macht mit seiner Drohung, ist nicht so klar. Javier Tebas hört sich gerne reden - und gerne deftig. Mal verglich er Lionel Messi mit einem Stierkämpfer, was nicht nur unter Tierschützern für Empörung sorgte; mal drohte er dem FC Barcelona mit einem Ausschluss aus der Liga, sollte Katalonien in die Unabhängigkeit drängen; mal wünschte er, Spanien hätte auch eine Rechtspolitikerin wie die Französin Marine Le Pen, die Patriotismus und Nationalismus noch hochhalte. Solche Dinge. Als man Gianni Infantino auf Tebas' angedrohte Klage ansprach, sagte der Fifa-Chef unerhört gelassen und mit ironischer Spitze: "Viel Glück damit!"

Oliver Meiler

Großbritannien

Elfmeterschießen ab 2026 schon in der WM-Gruppenphase? "The horror! The horror!", ächzt der Daily Telegraph mit einer feinen Prise Selbstironie. Die Aussicht auf noch mehr traumatische Penalty-Blamagen sorgt auf der Insel erwartungsgemäß für einiges Unbehagen; man müsse sicherstellen, dass englische Spieler künftig die "mentale Widerstandskraft" hätten, um nicht in den Shoot-outs zu versagen, mahnt Martin Glenn, Geschäftsführer der Football Association.

England wollte sich nicht Arroganz gegenüber kleineren Fußball-Nationen nachsagen lassen; man mochte sich deshalb in Zürich nicht entschieden gegen die Aufblähung auf 48 Teams positionieren: "Wir sind nur eine von 211 Stimmen. Wir können nicht sagen: Wir haben den Fußball erfunden und nehmen den Ball mit nach Hause, wenn uns etwas nicht passt." Nichtsdestotrotz hätte man "aus Qualitätsgründen" ein kleineres Teilnehmerfeld bevorzugt.

In den Zeitungen wird auf derart diplomatische Verpackung verzichtet, einhellig erklingt der Frust der Traditionalisten über die politisch-finanziell bedingte Verwässerung der Endrunde. "Tahiti versus Curaçao" sei vielleicht "ein Urlaubsdilemma für Windsurfer, aber keine Ansetzung, die sich nach einem sportlichen Elite-Wettbewerb anhört", höhnt die Daily Mail in Bezug auf ein mögliches Playoff-Spiel zwischen den beiden Exoten. Fifa-Chef Gianni Infantino gehe es "nur um Stimmen für eine Wiederwahl und ums Geld", klagt der Independent, die Ausweitung führe das Turnier direkt "an den Abgrund der Beliebigkeit und Irrelevanz".

Bei den britischen Nachbarverbänden sieht man das jedoch anders. Schottlands FA-Chef Stewart Regan fand die Änderung "positiv für die kleineren Nationen", in Nordirland freute man sich ebenfalls über die gestiegenen Chancen auf die Teilnahme. Seit 1998 hat ja nur England Großbritannien bei Weltmeisterschaften vertreten - und dabei, "let's be honest", auch nicht so arg viel zur sportlichen Gesamtqualität beigetragen.

Raphael Honigstein

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