Fußball-WM 2018 Russisches Traumziel Halbfinale

Alexander Golowin (vorne) beim glücklichen 3:3 gegen Belgien.

(Foto: AFP)
  • Bei der Fußball-WM 2018 im eigenen Land will Russland unter die besten Vier - doch wie soll das gehen?
  • Die Problemliste im russischen Fußball ist wirklich lang. Trainer Tschertschessow tut sich schwer, eine Mannschaft zu finden.
  • Das Thema Doping kreist auch über die Fußballer, im McLaren-Bericht sollen einige Nationalspieler identifiziert worden sein.
Von Johannes Aumüller

Immerhin ein Zuschauer schien begeistert zu sein. "Das war ein wunderbares Spiel. Vielleicht hat noch nicht alles geklappt, aber es geht vorwärts." So sprach nach dem 3:3 Russlands gegen Belgien am Dienstagabend Witalij Mutko, seines Zeichens Vize-Premier und Fußball-Multifunktionär - und wegen seiner Ämterverquickung kürzlich nicht mehr für das oberste Lenkungsgremium des Weltverbands Fifa zugelassen.

Die meisten anderen Beobachter verfolgten nicht gar so angetan die Geschehnisse im renovierten Olympiastadion von Sotschi. Ja, es gab ein Remis gegen Belgien, nach 1:3-Rückstand und dank Treffern von Alexej Mirantschuk und Alexander Bucharow in der Schlussviertelstunde. Aber über weite Strecken fügte sich dieser Auftritt doch ein in die freudlosen Darbietungen der jüngeren Vergangenheit. Seit dem blamablen Aus in der Vorrunde der EM 2016 in Frankreich und der Übernahme des Cheftrainerpostens durch den früheren Bundesliga-Torwart Stanislaw Tschertschessow gab es in sieben Spielen nur zwei Siege, zwei Remis und drei Niederlagen - gegen Costa Rica, Katar und in der Vorwoche gegen die Elfenbeinküste. Da hilft auch ein glückliches 3:3 gegen Belgien nicht viel, um die landesweite Skepsis zu vertreiben. Von dem Satz, dass Russland nun wieder eine hoffnungsvolle Mannschaft habe, solle man so schnell davonlaufen wie vor einem Feuer, ätzte der Sport Express - und stand damit nicht allein.

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In zweieinhalb Monaten ist der Confed- Cup, im Sommer 2018 die Heim-WM, für welche der Verband das Halbfinale als Ziel vorgegeben hat. Nun haben angehende Turnier-Gastgeber in der Vergangenheit schon häufiger Grund zum Jammern gesehen - und sich am Ende, dank welcher Fügungen auch immer, doch erfolgreich präsentiert.

Aber die Problemliste in der Sbornaja ist wirklich lang. Außer dem Torwart und kürzlich zum Kapitän ernannten Igor Akinfejew gibt es keine restlos anerkannte Größe. In den bedeutenden Ligen Westeuropas spielt keiner mehr. Die Mannschaft ist im Umbruch, allerdings kommen vor allem durchschnittliche Mitt- und Endzwanziger neu dazu, es drängen nur wenige vielsprechende Talente nach. Trainer Tschertschessow experimentiert sehr viel, insbesondere in der Abwehr muss er nach dem Rücktritt der Routiniers Sergej Ignaschewitsch und Wassilij Beresuzkij neue Lösungen finden. Derzeit favorisiert er eine Dreierkette, die aber auch keine Stabilität bringt; gegen Belgien kam dort der im Sommer eingebürgerte Roman Neustädter (früher Schalke 04, jetzt Fenerbahce Istanbul) zum Einsatz, leistete sich aber gleich ein paar Fehler.

Manch starken Akteur wiederum ignoriert Tschertschessow bewusst. Besonders Igor Denissow von Lokomotive Moskau würden viele gerne im Mittelfeld sehen, aber dazu dürfte es nicht kommen. Als dieser noch bei Dynamo Moskau spielte und der Trainer dort Tschertschessow hieß, gerieten beide derart aneinander, dass der heutige Nationaltrainer sagte: "Den Trainer und Menschen Tschertschessow wird er nicht mehr sehen."

Auch das Doping-Thema spielt rund um die Nationalelf eine Rolle

Auch anderen Spielern verzeiht er Disziplinlosigkeiten nicht. Lichtblicke wiederum gibt es nicht viele. Am Dienstag durfte sich etwa Torschütze Mirantschuk, 21, als einer fühlen. Dass der fußballerisch einiges kann, wissen sie in Russland schon länger. Nicht umsonst wurde er nach seiner ersten vollständigen Saison für Lokomotive Moskau in der Premjer-Liga zum besten russischen Jungprofi gewählt. Gegen Belgien sah sein Auftritt so aus: Einwechselung in der 72. Minute, eine gute Aktion samt Doppelpass und Torabschluss zwei Minuten später - schon waren ihm Komplimente sicher. Andererseits kennen sie Mirantschuk in Russland und haben nicht vergessen, wie er sich in der Winterpause verhielt. Offenkundig vom Berater angetrieben, leistete er sich ein peinliches Ich-will-weg-oder-mehr-verdienen-Spielchen mit seinem Arbeitgeber. Hinterher galt er nicht nur als größtes Talent, sondern auch als gierigstes.

Dass derzeit um die Nationalelf viel Aufregung herrscht, liegt aber nicht nur an der sportlichen Tristesse. Sondern auch an dem Thema, das den russischen Sport zuletzt so intensiv beschäftigte und längst auch auf den Fußball abfärbt: Doping. Am Samstag, zwischen den beiden Freundschaftsspielen gegen die Elfenbeinküste und gegen Belgien, baten Kontrolleure alle 25 Mann des aktuellen Kaders zum Test. Dazu gab es Diskussionen über Medienberichte, nach denen ein durchaus prominentes Quintett aus dem Kreis der Nationalmannschaft im McLaren-Report identifiziert worden sei - also in jener im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) erstellten Dokumentation über Russlands umfangreiche Manipulationen. Bisher gab es dafür keine Bestätigung, die nationale Anti-Doping-Agentur dementierte das aber recht ungelenk; und Fakt ist auch, dass der Report auf 33 Dopingfälle im Fußball verweist.

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