Ein Kommentar von Johannes Aumüller

Mal wieder gibt es in der Nationalelf einen Disput, an dem Michael Ballack beteiligt ist. Warum der Kapitän in der Auseinandersetzung mit Podolski recht hat, aber trotzdem aufpassen muss.

Die Geschichte zum WM-Erfolg der deutsche Nationalmannschaft 1974 geht kurzgefasst so: Das DFB-Team kassiert im dritten Gruppenspiel gegen die DDR eine peinliche Niederlage; Kapitän Beckenbauer geht erst mit seinen Mitspielern hart ins Gericht und dann in seiner damals schon vorhandenen Allmacht zu Nationaltrainer Schön und verlangt, Aufstellung und Taktik zu ändern; Schön tauscht etliche Spieler aus; die Nationalelf besiegt nacheinander Jugoslawien und Schweden, Polen und die Niederlande - und darf zum zweiten Mal nach 1954 die WM-Trophäe in die Höhe stemmen.

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Per Mertesacker trennt die Streithähne Lukas Podolski und Michael Ballack. (© Foto: dpa)

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Natürlich ist Michael Ballack nicht Franz Beckenbauer, Joachim Löw nicht Helmut Schön, und der Fußball des Jahres 2009 sowieso ein ganz anderer als der Fußball des Jahres 1974. Aber manche Fragen bleiben einfach gleich, und nach der Auseinandersetzung zwischen Ballack und Offensivspieler Lukas Podolski während des 2:0-Siegs im WM-Qualifikationsspiel gegen Wales kann Fußball-Deutschland mal wieder über seinen Nationalmannschafts-Kapitän diskutieren. Darf der so etwas, der Michael Ballack, einfach so vor versammelter Weltöffentlichkeit Mitspieler Podolski anschnauzen? Und danach auch noch sagen, der Spieler sei halt noch jung und müsse halt noch viel lernen?

Die Antwort ist: Ja, er darf. Wahrscheinlich ist die Antwort darauf sogar: Ja, er muss. Der Kapitän an sich hat es derzeit nicht leicht. Das moderne Kickertum spricht viel von flachen Hierarchien, von Konzeptfußball, von Mannschaften, die zwar einen starken Trainer, aber keinen starken Kapitän mehr brauchen. Natürlich ist an diesen Ansätzen etwas Wahres dran. Doch wenn aus "Elf Freunde sollt ihr sein" nun "Elf gleichberechtigte Spieler sollt ihr sein" werden würde, wäre das auch ein Denkfehler. Nach wie vor bedarf es eines Kapitäns, der den Takt vorgibt und beispielweise - wie im Fall Ballack/Podolski geschehen - deutlich auf taktische Nachlässigkeiten hinweist.

Ballacks sportlicher Wert

Ballack darf sich so etwas erst recht erlauben, weil er nicht nur der knurrende Leitwolf ist, sondern auch noch der unumstrittene sportliche Chef. Nachdem manche nach der EM 2008 schon einen Generationenwechsel im zentralen Mittelfeld heraufbeschworen hatten, unterstrich der 32-Jährige mehrfach seine Bedeutung: Gegen Russland, Wales und Liechtenstein erzielte er jeweils das wichtige 1:0 und war die ordnende Hand im Spiel. Als er gegen Finnland fehlte, spielte die DFB-Auswahl nur Remis.

Dennoch muss Michael Ballack aufpassen. In den vergangenen Monaten war der Nationalmannschaftskapitän - während und nach der EM mit Oliver Bierhoff und den Mitspielern, im Herbst mit Trainer Löw selbst - in Konflikte verwickelt; und nun also Podolski. Ballack selbst kennt ein Mannschaftsgefüge nicht anders. Er ist zu einer Zeit groß geworden, als Spieler wie Matthäus, Effenberg oder Sammer noch anerkannte Wortführer waren - und Ballack sich damit abfinden musste, das Ballnetz zu schleppen. Die Generation Poldi & Schweini hingegen ist fußballerisch anders sozialisiert worden. Vielleicht muss sich dem ein Führungsspieler im heutigen Fußball ein wenig anpassen.

Anders als in den vorausgegangen Konflikten dürfte Ballack diesmal aber nicht so isoliert sein. Die Reaktion von Podolski (erst heftiger Widerspruch, dann die Hand in Ballacks Gesicht) gefiel niemandem. Deutlich schlug sich Bundestrainer Löw auf die Seite des Chelsea-Spielers: "Wenn der Kapitän taktische Anweisungen gibt, ist darauf auch zu hören", sagte er. Und Bremens Innenverteidiger Per Mertesacker, der mithalf, die Streithähne zu schlichten, ergänzte: "So etwas wollen wir auf dem Platz nicht sehen. Das darf nicht passieren. Lukas hat die Anweisungen von Michael Ballack so hinzunehmen."

Löblich war immerhin Podolskis Haltung nach dem Spiel, alles weitere intern zu klären. Da dünkte ihm offenbar schon, dass er einen Fehler gemacht hatte. Darauf sollte Ballack auch entsprechend reagieren und das in angemessener Weise intern ausräumen - auch das gehört zu einem guten Kapitän dazu. Ein neuer Konfliktherd jedenfalls wäre für die noch ausstehenden Qualifikationsspiele eine ziemliche Belastung.

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(sueddeutsche.de/jüsc/cmat)