Nach dem Aus ihrer Nationalmannschaft überlegen einige Türken, wegen Mesut Özil bei der WM zu Deutschland zu halten. Keine schlechte Idee.
Alle Völker dieser Erde, deren Nationalmannschaften sich nicht für die Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert haben, verdienen aufrichtiges Mitgefühl. Ein Leben ohne Aussicht auf die WM-Teilnahme der eigenen Mannschaft ist zwar nicht völlig verloren, aber doch weitgehend sinnlos. Das Schlimme ist ja, dass so eine WM nicht nur aus den vier Wochen reinem Spielbetrieb besteht, sondern viele, viele Monate vorher beginnt. Wie die letzten Tage vor den Sommerferien und der Bescherung am Heiligen Abend sind die Monate vor dem Turnier die schönsten.
Bild vergrößern
Türkische Eltern, in Gelsenkirchen geboren: DFB-Hoffnung Mesut Özil. (© Foto: AFP)
Anzeige
Man hat mit seinem Team noch kein Spiel verloren und darf unbeschwert fantasieren und debattieren. Jedes Detail ist auf einmal von Belang: Man freut sich darüber, dass der eigene Verband das schönste Team-Quartier mit dem größten Swimmingpool aufgetrieben hat, während die Engländer wieder zu spät kamen; man verfolgt lächelnd die Hiobsbotschaften aus dem Gastgeberland über Bauarbeiterstreiks und dreiste Tarifforderungen der Fluglotsen; und wieder staunt man über die märchenhaften Prämienversprechen des arabischen Verbandschefs, der im Privatleben Multimilliardär ist.
Dieser Monate währende glückbringende Zeitvertreib, der das triste Leben lebenswert macht, bleibt den Türken versagt. Ein Volk, dessen Zeitungen und Nachrichtensendungen überwiegend aus Fußballberichten bestehen, muss jetzt eine gefühlte Ewigkeit lang den Schmerz ertragen, nicht dabei zu sein, wenn die Welt ihr Gipfeltreffen abhält. Kein Deutscher vermag sich das Ausmaß dieses leeren Gefühls vorzustellen, die Deutschen sind in Bezug auf die WM ein glückliches Volk, wofür sie täglich dankbar sein müssten.
Diesmal sollten die Deutschen aber auch den Türken dankbar sein, denn sie haben ihnen Mesut Özil ins Land geschickt. Genauer betrachtet müssen sie zwar seinem Vater Mustafa danken, der erstens die Freundlichkeit hatte, sich in Gelsenkirchen niederzulassen, und zweitens so großmütig war, seinem in Gelsenkirchen geborenen Sohn die Wahl der Ländermannschaft zu überlassen. Aber ohne Türkei kein Mesut Özil, das ist eine Tatsache. Und ohne Mesut Özils Beitrag zum Sieg in Moskau dürften sich die Deutschen womöglich nicht als glückliches Volk ansehen, das sich auf die WM freut.
Nun ist zu hören, dass einige Türken wegen Özil darüber nachdenken, während des Turniers zu Deutschland zu halten. Das ist keine schlechte Idee, um dem Leben wieder Halt zu geben. Und für die Deutschen gäbe es noch einen Grund, sich auf die Weltmeisterschaft zu freuen.
- Thema
- Fußball-WM RSS
- WM-Qualifikation Das Zeug zum Kahn 11.10.2009
- WM-Qualifikation kompakt Löws Experimente 11.10.2009
- WM-Qualifikation: 1:0 in Russland Mythos vom Sieger-Gen 11.10.2009
- Fußball-WM: Historie (1) Grossos Schuss ins Sommermärchen-Herz 19.05.2010
- Fußball-WM: Nationalelf auf Sizilien Schwitzen im Olivenhain 18.05.2010
- WM 2010: Ballack fällt aus Diagnose: Achsenbruch 18.05.2010
- WM 2010: Michael Ballack Foulspieler Boateng findet eine Entschuldigung 18.05.2010
(SZ vom 13.10.2009)
Freundschaft zwischen den Geschlechtern
...wuerde ich bei fussballspielen im TV empfehlen, @standpunkt.
es waere bedauerlich wenn sich herausstellen wuerde dass die Schalker recht hatten in bezug auf Oezil. den bremern kann man nur empehlen sich nicht zu weit aus dem fenster zu lehnen wegen ihm: reisende soll man nicht aufhalten.
Da Herr Selldorf in seiner köstlichen Satire über Mesut und Mustafa und die siamesischen Verstrickungen der deutsch-türkischen Fußballseelen auch von den Monaten des Glücks gesprochen hat, das die Nation nach dem Moskauer Heldenauftritt nun noch fester zusammenbindet, darf sicher auch einmal ein scheinbar völlig vergessener Baustein erwähnt werden, der das alles erst ermöglicht hat: Die Rede ist vom öffentlich-rechtlichen TV-Werbesender ZDF. Zwölf Millionen Zielgruppen-Zuschauer guer durch alle Alterklassen erlebten in einer tollen Vorstellung im Stile einer taktischen Meisterleistung, wie jeder Millimeter Raum ausgeqetscht wurde, um mit hochprofessionellem Werbedoping zu vermitteln, warum unser geliebter Kommerzfußball für die Nation so gänzlich unverzichtbar ist. Schon das fast einstündige Vorspiel steigerte die Spannung, die sich auf dem Spielfeld fortsetzte. Gemessenen Schrittes betraten die Nationalen den geheiligten Stadionrasen im Automomil-Outfit, begleitet von kindlichen Nachwuchskickern in niedlichen Limonadenhemdchen.Und noch nach dem Anpfiff hielten die Kameraleute die Zuschauer bei Laune und zeigten ihnen immer wieder mit gewagten Zooms atemberaubende Ausschnitte aus der Bandenwerbung. Doch das Sahnehäubchen setzte dem Ganzen der Reporter auf. Der hatte inzwischen das Wort Kunstrasen immer wiederholend derart strapaziert, dass die Fußballfans gar nicht anders konnten, als sich vorzunehmen, ein solches Produkt künftig auch in ihrem Vorgarten auszulegen. Aber jetzt ist es einmal Warten angesagt und Vorfreude auf die neuerliche Familien-Wellness unserer Nationalen in Südafrika. Und da ist auch das ZDF wieder dabei. Halleluja.
Sag ich doch: Sollte die deutsche Mannschaft bei der WM die Gruppenphase überstehen, dann hat sie alles, was sie dann erreichen sollte, AUSSCHLIESSLICH den Türken zu verdanken! AUSSCHLIESSLICH!
Junge, junge...
"... zu hören, dass einige(!) Türken wegen Özil darüber nachdenken(!), .. zu Deutschland zu halten. "
Das keimt doch richtig Hoffnung auf. Deutschland wird Weltmeister !!
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
Paging