Fußball-WM Neymar belohnt sich nach 96 Minuten und 49 Sekunden

In der siebten Minute der Nachspielzeit erzielt Neymar sein erstes Tor bei dieser WM.

(Foto: REUTERS)
  • Ein 2:0-Erfolg gegen Costa Rica verschafft Brasilien mit vier Punkten in Gruppe E eine vernünftige Ausgangslage vor dem abschließenden Duell mit Serbien.
  • Mit seinem 56. Treffer für Brasilien schiebt sich Neymar an Romario vorbei zum drittbesten Torschützen seines Landes.
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Von Sven Haist, Sankt Petersburg

Brasilien war kurz davor zu verzweifeln. Soeben war die Nachspielzeit angezeigt worden, sechs Minuten, und nach wie vor hatte die Seleção gegen den Fußballwinzling aus Costa Rica kein Tor erzielt. Obwohl der Außenseiter bis dahin die Gefahr nach Flanken stets hatte bändigen können, versuchte sich der fünfmalige Weltmeister einmal mehr mit einer Hereingabe. Mittelstürmer Gabriel Jesus konnte sie nicht kontrollieren.

Dann eilte Philippe Coutinho aus seiner Position als Spielmacher herbei und schoss den herrenlosen Ball im Strafraum Torhüter Keylor Navas durch die Beine.

Der Torjubel, bei dem alle Beteiligten durcheinander aufs Spielfeld stürmten, offenbarte den Zugzwang, unter dem sich die brasilianischen Spieler nach dem 1:1 zum Auftakt gegen die Schweiz befanden. Erleichtert durch den Treffer, legte Neymar in der Nachspielzeit noch einen weiteren nach, zum 2:0-Endstand. Mit seinem 56. Treffer für Brasilien, dem ersten bei dieser WM, hat sich Neymar nun an Romario vorbeigeschoben als drittbester Torschütze seines Landes nach Ronaldo (62) und Pelé (77). Der Erfolg verschafft Brasilien mit vier Punkten in Gruppe E eine vernünftige Ausgangslage vor dem abschließenden Duell mit Serbien.

In der Verteidigung passt sich Costa Rica dem Trend des Turniers an

Die Seleção spielte sich mit kurzen Pässen die Füße wund, mal ging es von links nach rechts, mal umgekehrt, und hin und wieder auch durch die Mitte - bis zum ersten Schuss aufs Tor durch Linksverteidiger Marcelo dauerte es fast eine Dreiviertelstunde. Spätestens dann war klar, dass Brasilien mit reiner Belagerung der gegnerischen Spielhälfte den Ball nicht über die Torlinie bringen würde. Den eigenen Angriffen mangelte es an Dynamik und Kreativität. Den Ballkünstlern fiel wenig ein, außer irritiert hinterherzuschauen, als sich Marcos Urena für Costa Rica zu einem Flankenlauf aufmachte und mit seinem Zuspiel die beste Gelegenheit für den Gegner einleitete. Aus sieben Metern schoss Celso Borges den Ball vorbei (13.).

In der Verteidigung passte sich Costa Rica dem Trend des Turniers an. Mit einer Fünferkette und einer Viererreihe davor verbarrikadierten die Zentralamerikaner ihren Strafraum. Das schöngeistige Spiel der Brasilianer bekämpften sie mit Körperlichkeit, Abräumer David Guzman stellte sich gleich mal in den Laufweg von Neymar, ehe er ihm kurz darauf auf den lädierten rechten Knöchel trat. Beim Balljonglieren hatte Neymar in der Aufwärmphase überprüft, ob das Gelenk der Belastung des Spiels standhalten würde. Im Wissen um Neymars kurze Trainingspause arbeiteten sich die Costa-Ricaner sukzessive an ihm ab. Jeder fiel im Zweikampf über ihn her, egal an welcher Stelle er sich über den Platz bewegte. In der ersten Halbzeit verlor Neymar 17 Mal den Ball.

Mit zunehmender Spieldauer schien Brasilien die Bedeutung des Spielausgangs für den weiteren Turnierverlauf immer bewusster zu werden. Die Seleção leistete sich den Luxus, eine Reihe an formidablen Chancen nach dem Seitenwechsel auszulassen. Nach dem Lattenkopfball durch Gabriel Jesus (50.) zielte Coutinho (50./56./72.) bei seinen Distanzschüssen jeweils zu ungenau.

Als Neymar den Ball dann freistehend im Fünfmeterraum übers Tor schoss, setzte bei den überwiegend brasilianischen Fans unter den 64 468 Zuschauern im Stadion so langsam die Panik ein. In der Vorrunde war Brasilien ja bislang einzig bei den Weltmeisterschaften 1930 und 1966 ausgeschieden. Die Gefahr eines erneut frühzeitigen Scheiterns veranlasste Nationaltrainer Tite allerdings nicht zu erhöhtem Risiko: Nach dem ersten Wechsel, Angreifer Roberto Firmino ersetzte Mittelfeldakteur Paulinho, nahm der ehemalige Hoffenheimer nicht die Position an der Seite des einzigen Mittelstürmers Jesus ein.

Hilfe schien es für Brasilien einzig durch Schiedsrichter Björn Kuipers zu geben, der nach einem Einsatz gegen Neymar auf Elfmeter entschied. Nach Ansicht der Videobilder nahm Kuipers seine Entscheidung jedoch richtigerweise zurück (78.). Der Frust beim Mann mit der Nummer 10 artete in der nächsten Szene in eine Verwarnung aus - ehe er sich für seinen Einsatz nach 96:49 Minuten belohnte. Mit dem spätesten Treffer bei einer WM seit 52 Jahren.

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