Nach Ballacks WM-Aus gilt für die Nationalelf: In jedem Schmerz liegt eine Chance. Löws Team kann ohne den Kapitän zur Blüte reifen - wenn es demokratisch zugeht.
Es gibt vermutlich kein Ungemach, das nicht schon mit dem Zusatz "... kann auch eine Chance sein" beschrieben worden ist. Das Studium von Publikationen aller Art, gedruckt wie online, vertieft den Eindruck, dass der Herzinfarkt ebenso Chance sein kann wie die Insolvenz, der demografische Wandel, Krebs, das Bohrinselunglück, die Finanzkrise oder der Verlust des Arbeitsplatzes. Dann sollte auch die Knöchelverletzung von Michael Ballack sich irgendwie zu einer Chance umdeuten lassen, nicht wahr?
Bundestrainer Joachim Löw im Trainingslager der Nationalmannschaft auf Sizilien: Manche Gefüge reifen ohne einen Chef erst zur Blüte. (© Foto: dpa)
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Das mag zynisch klingen, insbesondere, weil es für Ballack selbst keine Umdeutung gibt, sondern nur Schmerzen und Frust. Es ist aber nicht zynisch gemeint, denn die Mannschaft muss einen Umgang mit dem Fehlen des Kapitäns finden, und der einzig konstruktive ist die Umdeutung in diesem Sinne: Ja, es ist eine sportliche Schwächung, dass Ballack fehlt, aber es bedeutet auch die Möglichkeit, als Mannschaft - von der dominierenden Figur befreit - eine flache Hierarchie zu bilden, ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl.
Manche Gefüge fallen ohne dominanten Chef auseinander, andere reifen ohne dominanten Chef erst zur Blüte. Per Auto-Suggestion muss die deutsche Nationalmannschaft sich nun immer wieder vergegenwärtigen, dass sie ein Gefüge der zweiten Art ist.
Man könnte aus diesem Gedanken sogar eine Utopie entwickeln: Anfang der achtziger Jahre hat der brasilianische Profifußballer und Arzt Sócrates mit einigen Mitspielern bei seinem Klub Corinthians São Paulo durchgesetzt, dass sämtliche Entscheidungen demokratisch getroffen wurden, die Spieler bestimmten alles.
So weit wird es Bundestrainer Joachim Löw nicht kommen lassen, die ein oder andere Entscheidung wird er sich vorbehalten, aber er muss dennoch darauf vertrauen, dass sich sein Kader fortan demokratischer organisiert, als das bisher der Fall war. Obwohl sie von vielen Spielern des derzeit so erfolgreichen FC Bayern geprägt wird, besteht die Chance der Nationalelf nun paradoxerweise darin, ein Gegenentwurf zum Münchner Großklub zu sein: ein Team, das sich ohne autoritären Trainer (denn das ist Löw nicht) und ohne bestimmenden Kapitän organisiert.
Ballack wird 34 Jahre alt, bald hätte das Team ohnehin lernen müssen, ohne ihn zu arbeiten und zu spielen. Die Zukunft der Nationalelf beginnt also lediglich etwas plötzlicher als geplant. Dem bedauernswerten Michael Ballack ist das kein Trost.
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(SZ vom 18.05.2010/mikö)
Freundschaft zwischen den Geschlechtern
Ich finde es immer wieder schön, wenn Fußball-Feuilletonisten ein politisches System in ihren Lieblingssport hinlesen. Da wird dann den "Generälen", "Quälixen" und "Feierbiestern" gehuldigt, während die "Motivatoren" mit spitzer Feder aus dem Land verbannt werden und die "Kumpels" scheitern. Und es darf gejubelt werden, wenn der anarchische Dribbler sich nun dem System unterordnet - so, als wäre er ein Wildpferd, dessen Freiheitsdrang gebrochen werden muss.
Genau ein solcher Trainer, der eine gehörige Machtfülle auf sich vereint, soll nun als also in Zukunft mit "demokratischen" Mitteln handeln? Er, der Volkes Stimme gerade nicht erhört hat und einen bestimmten Kandidaten zu Hause gelassen hat (wofür er auch hier gelobt wurde)?
Dass nun im Gegenzug der Spieler, der sich vorzeiten einmal gegen Löw aufgelehnt hat, um dann mit schneidender Stimme 'beruhigt' zu werden, hier als der einzig Hierarchie-Besessene porträtiert wird, ist schon einigermaßen absurd.
Ich wünsche Jogi Löw, welche Methoden auch immer er anwendet, ein erfolgreiches Abschneiden bei der WM. Er hatte Recht, Kuranyi und Lehmann nicht mitzunehmen, weil die zu leicht für Unruhe hätten sorgen können. Ich gebe auch zu, dass die Bayern-Oberen aus fußballerischer Sicht doch Recht behalten haben. Und Magath zeigt mit seinen Stationen in Schalke, Wolfsburg und Bayern, wie Erfolg funktioniert. Die Führungskompetenz sei ihnen für ihren Bereich zugestanden, denn es wird auch von ihnen erwartet, dass sie sie mit bestem Resultat umsetzen - "egal wie".
Ich amüsiere mich nun, wenn hier gewissermaßen politische Systeme und Utopien aus einem "Männersport" geschmiedet werden.
Fußball, mit seinen Bestandteilen eines legitimierten Menschenhandels, absolutistischer Unterordnung des einzelnen Spielers und immer öfter sich einschleichenden Machtverteilung auf Einzelne (Trainer, Aufsichtsratsvorsitzender, Manager), sollte uns lieber nicht (mehr?) als politisches Leitbild dienen.
Sonst ist es mit der Demokratie schnell vorbei - wie man auch am Handeln jener Politiker sieht, die in Umkehrung zu den politisierten Sportlern ihre Profession so gerne mit dem Fußball vergleichen. Siehe den Altkanzler, der dem Wort "basta" so anhängt.
Sorry, mein Beitrag hat wenig mit Fußball zu tun. Aber Fußball hat mit Demokratie auch nichts zu tun, auch nicht in diesen Stunden...
ist das Fehlen von Ballck eine sportliche Schwächung? Das sehe ich ganz anders. Im Gegenteil - durch das Fehlen von Ballack kann sich ein Spielstil entwickeln der von Löw favorisiert wird. Ballack ist und bleibt ein Fremdkörper in dem von Löw propagierten Stil. In etwa so wie Schweinsteiger vor der Umbesetzung in die zentrale Rolle bei Bayern. Ich sehe in Khedira den besten Mann neben Schweinsteiger, der auch noch torgefährlich ist. In der Kombination mit Özil und Marin ist das ein klasse Mittelfeld. Jetzt kann sich endlich was entwickeln weil der Hemmschuh weg ist.
Genau. Für die Spieler bedeutet Ballacks Ausscheiden den Beginn einer neuen Ära. Das ist erstmal gut und bei dem Potential, das sie fußballerisch mitbringen, kann das eine grandiose WM werden.