Fußball-WM in Russland Pille für den starken Mann

Zu Gast bei Putin: Der russischen Präsident hat die WM tatsächlich nach Russland geholt.

(Foto: Olga Maltseva/AFP)
  • Wladimir Putin hat früh erkannt, was sich mit Sport bewirken lässt, und er hat viel dafür getan, die WM in sein Reich zu holen.
  • Das Fußballfest ist das größte Großereignis seit den Olympischen Spielen von Sotschi.
  • Dieser Höhepunkt in der Außenwirkung Russland könnte für lange Zeit der letzte sein.
Von Julian Hans, Moskau

Zu seiner besten Zeit war Walerij Gassajew ein gefürchteter Stürmer. 70 Tore hat er Anfang der 1980er-Jahre für Dynamo Moskau geschossen und immerhin vier für die Nationalmannschaft der Sowjetunion. Dass seine Angriffslust mit dem Alter stark nachließ, war am vergangenen Donnerstag im russischen Fernsehen zu beobachten. Der 63-Jährige war auserkoren, in der jährlichen Call-in-Sendung des Präsidenten im russischen Fernsehen eine Frage an Wladimir Putin zu richten. Da stand Gassajew mit traurigen Augen, hamsterbäckig und walrossbärtig vor dem Luschniki-Stadion in Moskau, in dem an diesem Donnerstag das Auftaktspiel der WM angepfiffen wird, und schwärmte davon, dass Russland nun "eine Sport-Infrastruktur hat, die in der Welt ihresgleichen sucht".

Gassajew hat wie viele prominente ehemalige Sportler ein Mandat als Parlamentsabgeordneter angenommen; ihm wollte keine richtige Frage an den Präsidenten einfallen. Aber immerhin eine Bitte, die sich an noch höhere Instanzen richtete: Er wünsche dem Präsidenten kräftige Gesundheit. So hatte dann auch die Fußball-WM ihren Platz in Putins großer Sprechstunde gefunden, ohne dass dazu kritische Fragen aufkamen. Etwa: Warum sich Russland die teuerste WM der Historie leistet, während die Armut im Land wächst. Oder was aus den riesigen neuen Stadien in Saransk oder Kaliningrad einmal werden soll, wo sich bisher im besten Fall ein paar Tausend Zuschauer die Spiele der heimischen Vereine ansahen. Oder die Frage, wer an diesem gigantischen Spektakel eigentlich verdient.

Russland ohne Ambitionen - zumindest sportlich

Die Stimmung im Gastgeberland ist zum Start ein bisschen wie bei einem Hochzeitsfest: Ja, das ist alles Irrsinn, viel teurer, als wir uns das eigentlich leisten könnten. Aber hey: Das Geld ist jetzt eh futsch, dann lasst uns wenigstens feiern und Spaß haben, die Gäste sollen noch nach Jahren davon sprechen! Auf diese Haltung können sich letztlich alle einigen: die Gastgeber, die Fans, die Fifa und natürlich der Kreml.

Anders als bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi vor vier Jahren startet Russland ohne besondere Ambitionen in das Turnier. Ein Triumph ist praktisch ausgeschlossen, da helfen auch keine Mittel und Tricks. Leider habe die russische Mannschaft in letzter Zeit keine guten Ergebnisse gezeigt, räumte Putin vergangene Woche in einem Interview mit dem chinesischen Fernsehen ein. Dennoch hoffe er mit allen russischen Fans, dass die Sbornaja einen würdigen Auftritt hinlege und bis zum Schluss kämpfe.

Der Sieg ist diesmal schon, dass Russland das Mega-Event überhaupt zugesprochen bekam und dieses tatsächlich ausrichten kann; an den elf Spielorten werden mehr als eine halbe Million Besucher aus dem Ausland erwartet. "Das wichtigste Ziel ist es, dass wir als Organisatoren und Gastgeber dieser Veranstaltung eine würdige WM durchführen, damit sie zu einem Fest wird für Millionen Fußballfreunde auf der ganzen Welt", sagte Putin. Nach allem, was in den vergangenen Jahren passiert ist - Krim-Annexion, Ukrainekrieg, Syrienkrieg, Wirtschaftskrise, Hacker-Attacken, Nervengift - soll Russland sich und der Welt beweisen: Wir haben die Kraft, solch ein Ereignis zu stemmen. Und wir sind auch nicht isoliert, sondern das Zentrum der Welt. Zumindest sportlich. Zumindest für vier Wochen.