Fußball-WM in Katar Stunde der Wahrheit für Deutschland und Frankreich

Sepp Blatter: Vorwürfe an Deutschland bei Papst-Audienz

Fifa-Chef Sepp Blatter wirft Europa Einflussnahme bei der Vergabe der Katar-WM vor. Indizien dafür gibt es einige: Frankreichs Liaison mit Katar nahm unter Staatschef Sarkozy bis Ende 2012 symbiotische Züge an, Christian Wulff empfing den Emir kurz vor der Wahl im Schloss Bellevue.

Von Thomas Kistner

Sepp Blatter geht zum Angriff über, und die Zielobjekte seiner Attacke sehen dabei schlecht aus. Deutschland und Frankreich hätten aus Wirtschaftsinteressen kräftig Einfluss für eine Vergabe der Fußball-WM 2022 nach Katar ausgeübt, verriet der Boss des Fußball-Weltverbandes Fifa am Rande einer Papst-Audienz am Freitag.

Es war nicht das erste Mal, dass er den Vorwurf äußerte, diesmal aber tat er es deutlicher als je zuvor. "Es gab politischen Druck aus europäischen Ländern, die WM nach Katar zu bringen", sagte Blatter und präzisierte: "Zwei der Länder, die Druck auf die Wahlmänner in der Fifa machten, waren Frankreich und Deutschland."

Typisch Blatter. In die weltweit als verschoben beargwöhnte WM-Vergabe 2022, die sein Fifa-Vorstand Ende 2010 bewerkstelligt hatte, spinnt er diejenigen ein, die er für die größten Heuchler hält: Die Regenten westlicher Industrienationen. Die begegnen ihm und seinem Funktionärs-Clan öffentlich gern mit gewisser Abscheu und diskutierten gar schon den Entzug von Orden, hinter den Kulissen aber spielten sie offenbar seit Dekaden die schmutzigen Spiele mit, die in den Geschäftskreisen des Sports gängig sind. Statt diese Welt unter Druck zu setzen und ihre - für eine reine Industriesparte ja ohnehin bizarre - Autonomie zu beschneiden.

Zu beobachten ist seit langem, wie Politiker im Westen an den Sport andere Maßstäbe anlegen und dabei gern Prinzipien über Bord kippen, die in demokratischen Gebilden als Grundsätze gelten. Das bringt Berlin und Paris in eine delikate Situation. Ausgerechnet Blatter klagt sie dubioser Praktiken an: Sie hätten Druck für Katar ausgeübt, also trügen sie die Mitverantwortung für die dortigen Missstände; zumal viele europäische Firmen nicht schlecht verdienen im Emirat. Tatsächlich lässt sich Blatters Vorwurf der Einflussnahme mit einer Fülle von Indizien untermauern.

Frankreichs Liaison mit Katar nahm unter Staatschef Nicolas Sarkozy bis Ende 2012 symbiotische Züge an. Die nationale Energieversorgung hängt stark von Doha ab, das in Frankreich steuerliche Vorteile genießt. In Doha hatte Sarkozy nach seiner Abwahl den ersten Auftritt; er betonte, die Fußball-WM gehöre nach Katar. Kurz darauf wurde publik, dass ihm ein Job-Angebot in Millionenhöhe als Chef eines Private-Equity-Fonds vorliege, hinter dem Katars Staatsfonds steht. Das Projekt ruht; spekuliert wird, Sarkozy plane die Rückeroberung des Elysées 2017. Als Finanzmanager von Katars Gnaden ginge das kaum.

Fakt ist auch, dass Sarkozy Frankreichs größten Kicker mit Katar zusammenbrachte. Kurz vor der Fifa-Wahl lud er Michel Platini zum Dinner mit dem Emir. Platini, Chef des Europa-Verbandes Uefa und Fifa-Vize, stimmte gleich darauf für Katar, was aber erst ein Jahr später publik wurde: Da hatte sein Sohn Laurent einen hohen Managerjob über die Qatar Sport Investment erhalten. Es sei nicht so, wie es aussieht, versichert Platini seither ständig. Nein, er habe Katar freiwillig und aus persönlichen Gründen erwählt: Die Region - in der bis heute Falkenjagd und Kamelrennen dominieren - sei einfach dran gewesen.