Fußball-WM 2022 in Katar Blatters kleinlauter Rückzug

Erwartbarer Reflex statt offener Worte: Sepp Blatter verweigert wichtige Antworten zur Fußball-WM 2022 und den Arbeitsbedingungen im Gastgeberland Katar. Stattdessen spielt er auf Zeit: Der einzige Termin, der Blatter wirklich interessiert, ist die Wahl des Fifa-Präsidenten 2015.

Ein Kommentar von Thomas Kistner

Die Fifa hat es natürlich nicht getan. Über Monate erzählte Sepp Blatter, Präsident des Fußball-Weltverbandes, sein Vorstand werde bei der Sitzung am Freitag in Zürich den Weg für eine Winter-WM in Katar 2022 öffnen. Nun folgt ein kleinlauter, der Vernunft geschuldeter Rückzug. Die Proteste aus allen Bereichen der globalen Fußballgemeinde, verstärkt zuletzt durch Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften, sind so heftig geworden, dass die Fifa den erwarteten Reflex zeigt: Eine Task Force soll den besten Zeitpunkt für das umstrittene Turnier am Golf ermitteln. Oder: den am wenigsten schlechten WM-Termin.

Das lässt alle Fragen offen. Nicht einmal mehr darauf, dass eine Sommer-WM in Katar vom Tisch sei, will sich Blatter festlegen. Das Ganze werde Ende 2014 entschieden, von einer Kommission unter dem Generalsekretär Jérôme Valcke. Die soll auch klären, ob die Fifa im Fall einer Winter-WM regresspflichtig gegenüber ihren Stakeholdern ist: Ligen, Verbände, Fernsehen, Sponsoren.

Was die als menschenunwürdig gerügten Arbeitsbedingungen an Katars WM-Baustellen angeht, reagierte Blatter frostig. Todesfälle am Bau könne es überall auf der Welt geben, und "insbesondere auf WM-Baustellen". In der Verantwortung sieht er die Firmen, "und es gibt dort viele europäische Firmen" fügte er listig an. Blatter glaubt, er könne in Katar nur um etwas Klärung bitten.

So defensiv gab er sich auch in Bezug auf die politischen Einflussnahmen für die Wahl Katars Ende 2010. Dabei hatte er selbst jüngst solche Eingriffe durch "europäische Regierungschefs" beklagt, und damit Länder und Funktionäre unter Druck gebracht. Denn politische Einflussnahme ist nach den Bewerbungsvorschriften strikt verboten; legt man die neugefassten Ethikregeln der Fifa zugrunde, müssten solche Erkenntnisse in Ermittlungen münden. Damit hat Blatter eine Lunte gelegt - sein Vorwurf ist in der Welt. Offiziell ruderte er am Freitag auch hier zurück: Es gäbe keine globale Sportwahl ohne politische Einflussnahme: "Das lässt sich nicht verhindern."

Aufgesetzt wirkt auch dies. Außer Frage steht ja, dass er Frankreichs Politik attackiert hatte. Der damalige Staatschef Nicolas Sarkozy war bekennender Katar-Fan, und Landsmann Michel Platini, den er in Paris kurz vor der Wahl mit dem Emir zusammenführte, ist bekennender Katar-Wähler. Platinis Sohn erhielt nach der WM-Vergabe einen Managementjob in Katars Sportfonds. Und Platini ist Blatters einzig echter Rivale auf den Fifa-Thron, der 2015 vakant wird. Das ist der Termin, der Blatter wirklich interessiert.

So war die 15-minütige Pressekonferenz nach zweitägigem Meeting erkennbar nur dem Ziel geschuldet, die Katar-Frage abzukühlen. Das heißeste Eisen der Kickerzunft soll aus dem Blickpunkt der Öffentlichkeit verschwinden, wenn es in den nächsten Monaten wirklich geschmiedet wird. Legt man die übliche Blattersche Dialektik zugrunde, lässt sich auf zwei Vorgänge hinter den Kulissen schließen: Blatters Fifa-Chefermittler Michael Garcia, der Besuche in allen damaligen Bewerberländer auf der Suche nach Korruptionsbelegen angekündigt hat, wird sich des Vorwurfs der politischen Beeinflussung gewiss annehmen. Und mit einer Ermittlung könnte Blatter seinen Rivalen Platini ausbremsen.

Zweitens: Bis die Task Force Ende 2014 zu Potte kommt, geht es vielleicht gar nicht mehr um Winter oder Sommer in Katar. Sondern darum, ob die WM überhaupt dort stattfindet. So hat Blatter nun das Wichtigste gewonnen: Zeit.