Nach einem großartigen Turnier scheitert die deutsche Klinsmannschaft 2006 durch ein Tor in der 119. Minute im Halbfinale an Italien. Ein Drama für Ballack. Aus der SZ-WM-Bibliothek

Am Ende hat Michael Ballack geweint. Sein Trikot mit der Nummer 13 war verschwitzt, er suchte Trost bei den anderen, die zu seinem Team gehörten. Er kannte sie nicht, aber die Farbe ihrer Hemden wies sie als Mitspieler aus. Die Schminke auf Ballacks Wangen war verlaufen. Er schmiss seinen Bierbecher weg, rollte die schwarz-rotgoldene Fahne ein. Tausende andere Ballacks weinten auch an diesem Abend in Klinsmannland, manche vor Großbildleinwänden, manche in ihren Wohnzimmern. Sie hatten eine lange, rauschhafte Party gefeiert.

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Michael Ballack, nach dem Schlusspfiff in Dortmund. (© Foto: AFP)

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Und je größer die Party ausfällt, desto schlimmer gerät der Kater. Der echte Michael Ballack weinte auch, auf dem Rasen in Dortmund. Er trauerte mit 29 Jahren um seine womöglich letzte Chance, Weltmeister zu werden. Die wunderbare Reise zu den Sternen war vorbei, beendet von einem trockenen, irdischen Schuss von Fabio Grosso in der 119. Minute, der exakt zwischen dem heranfliegenden Torwart Jens Lehmann und dem linken Pfosten einschlug. Es fehlten nur ein paar Augenblicke zum Elfmeterschießen, und ein paar Zentimeter nach links oder nach rechts.

Eine Stunde später hatte Michael Ballack Mühe, sich zu entsinnen, "nicht mehr vollständig" habe er diese Geschichte präsent, sagte er und versuchte es trotzdem: "Ich glaube, es gab einen Eckball. Der wird abgewehrt. Und Pirlo macht es dann sehr, sehr gut. Normalerweise schießt man, aber er läuft quer zum Strafraum. Wir stehen davor mit drei Mann, aber können den Pass in die Tiefe nicht verhindern. Grosso trifft optimal den Ball, das macht er natürlich super."

Genauso hatte es sich zugetragen. Ballack musste es auch wissen, er war der bestinformierte Augenzeuge, denn er hatte die wichtigste Szene des Spiels vor sich gehabt wie kein anderer unter den 65 000 Menschen im Stadion inklusive der übrigen Akteure. Bei Pirlos Geniestreich stand er tief im Strafraum, zwei Schritte von Grosso entfernt. Auch er rechnete mit einem Schuss des brillanten Spielmachers aus Mailand, und auch er war überrascht, als auf einmal Fabio Grosso an den Ball gelangte, mitten im Strafraum allein gelassen.

Am Ende der Kräfte

Ballack war dem italienischen Verteidiger in diesem Moment näher als jeder andere Spieler auf dem Platz, und doch war er genau die zwei, drei Meter entfernt, die ihm ein Eingreifen unmöglich machten. Jedenfalls jetzt, in der 119. Minute, am Ende eines Spiels, das für Ballack wie für seine Mitspieler einen weiteren Gewaltakt bedeutet hatte nach dem Kampf gegen Argentinien.

Das ganze Team war zu diesem Zeitpunkt längst am Ende seiner Kräfte. In den ersten beiden Minuten der Verlängerung, in die das torlose Spiel gegangen war, traf erst Gilardino den Pfosten, nachdem Innenverteidiger Christoph Metzelder - mit Abstand bester Deutscher - einen endlos langen Zweikampf verloren hatte. Kurz darauf: Zambrotta, Latte. Es war ein nervenaufreibendes Spiel, in dem man als Zuschauer fortwährend diesen Krampf spürte, als würde man an einem 100 Meter tiefen Abgrund ohne Brüstung stehen.

Den Deutschen hätte zu diesem Zeitpunkt auch der amerikanischste aller Fitnesstrainer kein Leben mehr einhauchen können. Selbst als die Chance da war, in der 105. Minute David Odonkors Flanke Lukas Podolskis Kopf fand, da war in diesem Kopf nur noch Leere. Podolski köpfte weit daneben.

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