SZ: Die Trainingseinheiten finden bei dieser WM weitgehend hinter verschlossenen Türen statt. Wie muss man sich das Training der Argentinier vorstellen?
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Diego Maradona am Spielfeldrand. "Er hat nie aufgehört, Spieler zu sein", sagt der Konditionstrainer. (© dpa)
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Signorini: Wir versuchen, die Spieler nicht wie Grundschüler zu behandeln. Wir laden sie ein, sich selbst einzubringen. Weil sie sich damit auch davor schützen, in die Anspannungsfalle zu tappen, die bei so einem Turnier an jeder Ecke liegt, weil die Spieler enormen Forderungen ausgesetzt sind. Das führt dazu, dass die Spieler große Sprünge tätigen wollen, obwohl möglicherweise nichts notwendiger wäre, als sich auszuruhen. Ich habe gelernt: Ein Gramm Hirnmasse ist wichtiger als 80 Kilo Muskelmasse.
SZ: Sie haben in den achtziger Jahren begonnen, mit Maradona zusammenzuarbeiten, als dieser noch Spieler war. Gibt es, was das Verständnis für die physische Arbeit betrifft, einen Unterschied zwischen dem Spieler Maradona und dem Trainer Maradona?
Signorini: Im Grunde hat er damals das personalisierte Training im Mannschaftssport Fußball erfunden. Und er hat sich dabei sehr wohl gefühlt. Wenn er ein wichtiges Spiel beim FC Barcelona oder später beim SSC Neapel hatte, habe ich die Belastung heruntergefahren, weil die Anspannung, die er verspürte, sonst viel zu groß gewesen wäre. Im Grunde führte das zu einer Faustregel: Je größer die Herausforderung, desto wichtiger die Erholungsphase. Und wenn man so will, ist es das, was wir hier heute tun.
SZ: Alle Welt vergleicht den Spieler Lionel Messi mit dem Spieler Diego Maradona. Aus gutem Grund?
Signorini: Oh ja, sie sind die Ferraris, die Besten ihrer jeweiligen Epochen. Beide bedürfen einer sehr speziellen Vorbereitung: wegen ihrer ähnlichen Anatomie, weil beide viele Tritte einstecken müssen, weil beide den Ball führen, weil die Gegner wissen, das es sich um Spieler handelt, die ein Spiel allein entscheiden können. So wie einst Diego ist sich Lio heute bewusst, dass er Vorsichtsmaßnahmen treffen, sich besonders pflegen muss, um dann zum richtigen Zeitpunkt, wie wir in Argentinien sagen, das ganze Fleisch auf den Grill zu schmeißen.
SZ: Es gab zum Start der WM in Argentinien Aufregung, weil Sie in der Zeitung Olé mit den Worten zitiert wurden, dass Messi ausgelaugt, "der Schaden irreversibel" sei. Ihre Befürchtungen habe sich bislang nicht bewahrheitet, oder?
Signorini: Was ich gesagt habe, bezog sich auf alle Spieler; darauf, dass die Athleten bis zum Schluss in der Champions League oder in nationalen Pokalen beschäftigt waren. Für mich ist das, am Vorabend einer WM, ein Exzess an Spielen, der viel zu risikoreich ist. Ich habe hinterfragen wollen, ob der WM wirklich der Rang eingeräumt wird, den sie verdient.
SZ: Was meinen Sie damit?
Signorini: Wenn die Saison 30 Tage vor einer WM enden würde, würde ich nachvollziehen können, dass man einer WM ein Privileg einräumen will. Hier hat das Geschäft eine wichtigere Bedeutung als der Wettbewerb an sich. Ich glaube, dass die medizinische Kommission der Fifa gefordert ist, aufzuschreien und zu sagen: Hier müssen Änderungen her! Wie überhaupt viele Dinge geändert werden müssen: Es kann doch nicht angehen, dass selbst die begabtesten Torhüter ihre Technik umstellen müssen, weil jemand auf die Idee kommt, einen neuen Ball zu entwerfen, in dem ein Karnickel versteckt ist. Man muss mehr Respekt vor Akteuren haben, die auf der Bühne ein großes Werk aufführen sollen. Diesen Respekt kann nicht der Geschäftssinn stiften, doch der dominiert gerade.
SZ: Sie sagten mal, dass es völlig unerheblich war, wer Diego als Konditionstrainer begleitete, weil sein Talent so groß war, dass er auch so alle anderen auf dem Spielfeld überragt hätte. Kann man das von Messi auch sagen?
Signorini: Oh ja. Im Fußball werden in der Vorbereitung viele Fehler begangen, aber Spieler von solch einem Rang überwinden mit ihrem Talent jeden denkbaren Irrtum, den wir begehen können. Sie sind so groß, dass man letztlich sogar sehr gut von uns spricht!
SZ: Messi scheint auch psychisch in guter Verfassung zu sein - nach all der Kritik aus seiner Heimat, besonders der Behauptung er leiste mehr für den FC Barcelona als für Argentinien.
Signorini: Er ist doch erst 22 Jahre. Die meisten, die über ihn reden, schreiben und richten, müssten 800 Jahre alt werden, um auch nur annähernd das zu erleben, was Lio schon hinter sich hat. Sie wollen, dass er alle Spiele entscheidet, dass er brillante Äußerungen tätigt... Es gibt viele Elendige, die die Atmosphäre prägen. Zu viele Leute wollen ihren eigenen Ruhm begründen, indem sie von den Messis und Maradonas zehren... Kurzum: Lio ist ein phantastischer, wunderbarer Spieler aus einer anderen Galaxie. Wenn man so egoistisch und unsensibel ist, dass man nicht bereit ist, die Wunder zu genießen, die der Mann vollbringen kann, der die Nummer 10 der argentinischen Nationalelf trägt, fällt mir auch nichts mehr ein.
SZ: Sie haben mit César Luis Menotti und mit Carlos Bilardo zusammengearbeitet, den argentinischen Weltmeistertrainern von 1978 und 1986. Beide haben Maradona betreut. Erkennen Sie jetzt beim Trainer Maradona Dinge wieder, die ihnen von Menotti und Bilardo bekannt waren?
Signorini: Diego ist sehr intelligent. Sehr intuitiv. Er hat Trainer gehabt, die beeindruckende Karrieren hatten, und er hat von allen gelernt. Jetzt tut er seine ersten Schritte als Trainer, und er macht das hervorragend. Er hat eine enorme Überzeugungskraft, denn er ist als Figur sehr respektiert. Er ist eine Ikone. Und er leitet die Gruppe mit enormem Enthusiasmus. Er ist auf einem guten Weg.
SZ: Viele der Argentinier spielen heute bei europäischen Klubs. Profitiert Argentiniens Nationalelf davon?
Signorini: Die meisten Europäer gehen heute glücklicherweise so vor, wie wir es in Argentinien vor 30 oder 40 Jahren taten: Sie haben den Ball in die Mitte gerückt. Die großen Trainer Europas, Guardiola, Mourinho, Wenger, entwickeln Übungseinheiten, die aus dem Fußball heraus geboren werden. Sie verlieren nie aus den Augen, dass die beste Art, die Effizienz eines Fußballs zu steigern, darin besteht, ihn systematisch dafür zu wappnen, die höchste Zahl an Situationen zu lösen, die sich auf einem Fußballplatz ereignen können. Das schafft man nicht, indem man Berge hochrennt oder sich die Knochen beim Gewichtheben bricht. Das sind Übertreibungen, die das spätere Leben des Fußballers nicht respektieren. Ich habe es satt, Spieler zu sehen, die mit 40 Jahren über irreversible Hüft- und Knöchelschäden klagen.
SZ: Ist Ihnen aufgefallen, dass die aktuelle deutsche Nationalmannschaft weniger Muskelmasse hat als die brasilianische?
Signorini: Oh ja! Das ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass Talente nicht danach ausgewählt wurden, ob sie groß und kräftig sind, sondern aufgrund fußballerischer Fähigkeiten. Ein Fußballer setzt sich nicht auf der Waage, am Chronometer oder der Messlatte durch. Ein Fußballer setzt sich mit Talent durch. Leider fürchte ich, dass Argentinien bei diesem Wandel wieder einmal nur den letzten Waggon erwischt hat.
SZ: Diego Maradona hat sich auf die WM besonders vorbereitet: Es heißt, er habe 15 Kilo abgenommen?
Signorini: Auch er wollte auf der Höhe der Anforderungen sein. Am Spielfeldrand zu stehen, Anordnungen zu geben, diese ganze geballte Energie auf sich einwirken zu lassen, bedingt physischen Verschleiß. Zumal er dazu neigt, seine enormen Leidenschaften zu übertreiben.
SZ: Man sieht ihn lachen, gestikulieren, umarmen, küssen... Und man erkennt, dass es etwas gibt, wozu Maradona völlig außerstande ist: die Haut des Spielers abzustreifen.
Signorini: Als er seinen offiziellen Abschied als Spieler feierte, war dieser Abschied nur symbolisch: Er war immer Fußballer, und er wird es immer bleiben.
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(SZ vom 01.07.2010/jüsc)
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