Fußball-Wettskandal Wüste Berichte aus der Unterwelt

Der Verdacht im Wettskandal speist sich wohl allein aus abgehörten Telefonaten - ohne Geständnisse wird die Beweislage dünn.

Von Hans Leyendecker

Jedes Ermittlungsverfahren in Deutschland, so viel Ordnung muss sein, bekommt ein Aktenzeichen. Zu dem Verfahren 35 Js 40/09 der Bochumer Staatsanwaltschaft aber passen Begriffe wie geregelt oder geordnet überhaupt nicht: Es ist ein wüster Stoff voller ungeheuerlicher Geschichten. 200 Fußballspiele in neun Ländern sollen von Wettbetrügern manipuliert worden sein. Eine international vernetzte Bande soll von Deutschland aus angeblich den größten Betrug im europäischen Fußball organisiert haben.

Die Strafverfolger aus dem Revier rollen, gemeinsam mit einer Sonderkommission der Bochumer Kriminalpolizei, seit Anfang des Jahres den monströsen Fall auf. 100 Beschuldigte und 17 Festnahmen sind Rekord in diesem Wett-Milieu, und jetzt dringen neue Geschichten nach draußen, die wie eine Fieberhalluzination über die dunkle Seite des Fußballs wirken: Präsidenten erstklassiger türkischer Vereine und sogar Ärzte sollen angeblich in die Affäre verwickelt sein.

Was diese Geschichte noch verrückter macht: Sie wird ausgerechnet von dem Marler Anwalt Burkhard Benecken, 34, erzählt. Er ist der Verteidiger von Deniz C., 30, den Ermittler für den Paten dieses Wettskandals halten. Seine Berichte aus der Unterwelt sind aber kein Mandantenverrat, sondern Verteidigungsstrategie.

Ungeheuerliche Pläne

Die Strafverfolger, das hat eine Bochumer Amtsrichterin in Haftbefehlen und Durchsuchungsbeschlüssen festgehalten, gehen davon aus, dass sich in Deutschland Deniz C., sowie dessen Kumpel Marijo C., ein Nürettin G. aus Lohne, ein Tuna A., ein jüngst verhafteter Slowenier namens D. und der "Navigator" des Wettskandals von 2005 um den Schiedsrichter Robert Hoyzer, der Kroate Ante Sapina, auf einer "Führungsebene" zu einer Gemeinschaft zusammengetan hätten, um Sportler "aus hochrangigen europäischen Fußballligen" zu schmieren.

In der Regel seien dann bei Wettanbietern in Europa oder Fernost fünfstellige Eurobeträge auf Spielergebnisse oder auf die Anzahl der geschossenen oder kassierten Tore gesetzt worden. Über Deniz C. und die anderen finden sich in den Akten ungeheuerliche Sachen, die der Verteidiger des 30-Jährigen gern erzählt. So soll einer aus der Führungsriege die kranke Idee gehabt haben, einen Teamarzt dazu zu bringen, die besten Spieler einer Mannschaft spielunfähig zu spritzen, damit die andere Elf gewinnt. Auf den Sieg dieser Mannschaft sollte dann gewettet werden.

Deniz C., der in Herten, im nördlichen Ruhrgebiet, wohnt, ein großer Zocker mit gefüllter Börse, dessen Berufstätigkeit sich etwas grob mit der Bezeichnung Kaufmann umschreiben lässt, soll vorgeschlagen haben, einen Koch dafür zu gewinnen, einen Schlappmacher ins Essen zu tun, damit Spieler nicht auf den Platz können. 2000 Euro sollen dem Koch versprochen worden sein.

Das Betrüger-Herz soll in der Türkei liegen

In normalen Verfahren bekommen Anwälte von Inhaftierten eine ordentliche Akteneinsicht. Ihnen werden dann zumindest jene Aktenbestandteile und Beweismittel zur Verfügung gestellt, die zur Verhängung des Haftbefehls geführt haben. Nur mit Hilfe der Akten und entsprechenden Gesprächen mit ihren Mandanten können sie eine begründete Haftbeschwerde einlegen.

Im Wettbetrugs-Fall aber dürfen Verteidiger die Akten aus "ermittlungstaktischen Gründen" (Staatsanwaltschaft Bochum) nur nach Terminabsprache und nur in den Diensträumen der Strafverfolger einsehen. Kopien sind nur sehr begrenzt erlaubt; ansonsten sind nur Notizen oder Diktate möglich. Also schreiben die Anwälte, bis ihnen die Finger wehtun, oder sie diktieren, was das Zeug hält.

So soll das angebliche Netzwerk der Wettbetrüger, das von Kroatien bis in die Schweiz gereicht haben soll, zwar in Österreich erst im Aufbau gewesen sein, aber in der Türkei eine Art Heimat gehabt haben. Torleute, Feldspieler seien in den Skandal verstrickt. Manchmal sei ein erstklassiges Spiel in der Türkei gleich an zwei Betrügergruppen verkauft worden. Das soll in den Akten stehen. Sogar Präsidenten bekannter türkischer Fußballvereine seien angeblich irgendwie verstrickt. Präsidenten?

Völlig aufgeblasen?

Vor dem WM-Qualifikationsspiel zwischen Bosnien-Herzegowina und der Türkei am 9. September dieses Jahres habe Ante S., der Navigator, angeblich erfahren, dass in Kreisen türkischer Fußballfunktionäre merkwürdige Geschichten erzählt würden. Und dann? Das Spiel endete 1:1. Genaues weiß man nicht. Warum steht so etwas in amtlichen Akten? Das Wort von der Latrinenparole ist da noch eine Untertreibung.

Der normale Wettbetrug basiere nur auf List und Täuschung, meinen die Ermittler. Ihr Fall 35 Js 40/09 sei aber ganz anders. Es handele sich um gewalttätige Organisierte Kriminalität in nie dagewesener Form - jedenfalls, was Wettgeschichten betrifft.

Fragt sich: Warum gibt ein Anwalt solche Geschichten aus Polizeiberichten wieder, wenn sie seinen Mandanten schlecht aussehen lassen? "Weil die Vorwürfe der Ermittler überhaupt nicht stimmen", sagt Benecken: "Mein Mandant hat damit nichts zu tun." Er hält die Thesen der Ermittler für "völlig aufgeblasen", und bläst selbst kräftig, bis der Ballon platzt - oder auch nicht. "Am Ende bleibt da nichts mehr", sagt und hofft der Anwalt, "mein Mandant ist unschuldig."

Dürftige Beweislage erschwert das Verfahren

Aus Ermittlerkreisen und von Anwälten ist zu erfahren, dass sich der Verdacht der Strafverfolger ausschließlich aus abgehörten Telefonaten speist, die in entsprechenden Berichten ausgewertet wurden. Solche Telefon-Überwachungsmaßnahmen (es gibt Tausende Seiten TÜ-Protokolle) können in der Regel nur Hinweise liefern und sind meist sehr interpretationsfähig. Hunderte Telefonate hörten die Polizisten an, ehe sie die Köpfe der Bande dorthin sperren durften, wo der Knastmünzsprecher steht.

Wenn es nun aber keine Geständnisse der angeblichen Wettbetrüger regnet, wird die Beweislage für den großen internationalen Betrug nicht üppig sein. Die Ermittler haben ohnehin den Verdacht, dass Deniz C. in anderem Zusammenhang die Rechtsanwalts-Honorare anderer Beschuldigter bezahlt habe, damit die keine Aussagen gegen ihn machten.

Deniz C., der seit Jahren immer wieder mal in unterschiedlichen Angelegenheiten von der Staatsmacht heimgesucht wurde, hat in der Szene den Spitznamen "Teflon Deniz", weil meist die Anschuldigungen an ihm abschmieren wie an einer beschichteten Bratpfanne.

Was bei diesem Verfahren am Ende herauskommen wird, ist sehr ungewiss. Im Moment fällt nur auf, dass die Schilderungen über deutsche Fälle vergleichsweise provinziell wirken: Viermal soll die zweite Bundesliga betroffen sein. Ansonsten geht es hierzulande nur um Spiele in unterklassigen Ligen. Immer ist der Anfangsverdacht dünn.

Der in Wuppertal einsitzende "Teflon Deniz" bekam in diesen Tagen einen dinglichen Arrest der Behörden über 990275Euro zugestellt. So hoch soll angeblich der Gewinn sein, den er 2009 bis zur Festnahme in diesem Monat erzielt habe. Stimmt die Zahl wirklich? Und die Verluste, die es natürlich auch gab, wurden nicht einberechnet. Insgesamt habe C. bei Wetten mehr verloren als gewonnen, sagt Benecken. Und er wirkt sehr gelassen.

Im Klub der Teuersten

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