Fußball: Wettbetrug Neuer Wettskandal mit alten Bekannten

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchter Manipulation in europäischen Ligen. Im Fokus steht auch ein Spiel aus Deutschland.

Von T. Kistner und H. Leyendecker

Die verschwiegenen Ermittlungen führten rund um den Globus. Es geht, wieder mal, um Wettmanipulation im internationalen Fußball - um gekaufte Spiele, Spieler, Trainer, Schiedsrichter. Die Liste der Verdächtigen, die von der Bochumer Staatsanwaltschaft angelegt wurde, soll rund hundert Namen umfassen.

Am Donnerstag wurden in mehr als einem halben Dutzend Länder Verdächtige festgenommen. Darunter die Berliner Brüder Milan und Ante S., die schon im Wettskandal um Schiedsrichter Robert Hoyzer eine Rolle gespielt hatten. Der Kroate Ante S. war damals wegen Wettbetrugs zu zwei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt worden, sein Bruder war mit einer Bewährungsstrafe davon gekommen. Ante S. wurde am Donnerstag nach Bochum gebracht, sein Bruder kam in Berlin in Untersuchungshaft.

Im Rahmen des Hoyzer-Verfahrens wurde bekannt, dass Ante S. und sein Bruder angeblich im Jahr 2004 versucht haben sollen, ein Spiel der "Süper Lig" zu manipulieren. Dabei soll es um die Partie MKE Ankaragücü - Galatsaray Istanbul gegangenen sein. Ein MKE-Spieler sollte angeblich mit 15.000 Euro bestochen werden, um eine Niederlage in der Partie herbeizuführen.

Die Manipulation scheiterte den Ermittlern zufolge, weil der Profi nicht aufgestellt wurde und der Ersatzmann nicht manipulieren wollte. Ankara gewann 1:0. Ante S. sei, weil es nicht zum Betrug kam, laut Rechnung der Ermittler allein bei dem Spiel ein Gewinn von 636.510 Euro entgangen.

Auffällig hohe Summen

Das Bild des neuen Wettskandals ist nur in Umrissen erkennbar. Der Fall der Bochumer Strafverfolger trägt ein Aktenzeichen aus dem Jahr 2009. Das heißt, dass die Ermittler erst in diesem Jahr mit den Ermittlungen begannen. Vor allem Spiele in der Türkei und in Serbien, Kroatien, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina sollen verschoben worden sein.

Im Brennpunkt steht aber offenbar die erste Liga der Türkei. Auf Spiele der Süper-Lig sollen von Deutschland aus bei Wettanbietern auffällig hohe Summen gesetzt worden sein. Das Zentrum für illegale Wettgeschäfte liege in "Ostasien" sagt ein Kriminalbeamter. Ein weites Gebiet, vor allem soll das Geschäft über Wettanbieter in China abgewickelt worden sein.

Uefa hilft bei den Ermittlungen

Die Wettszene in Fernost kennt, anders als in Deutschland, kaum Beschränkungen. Zwar gibt es in China wie in Europa Höchsteinsätze. Doch liegen die Limits oft bei 20000 bis 30000 Euro, um ein Vielfaches höher als in Europa. Und: Man kann den Betrag beliebig oft setzen.

Die Bochumer Behörde, die sich am Freitag bei einer Pressekonferenz äußern will, wird bei ihren Ermittlungen durch Verantwortliche der Europäischen Fußball-Union (Uefa) unterstützt, die kommen am Freitag auch an die Ruhr. Die Uefa hat die Szene schon lange scharf im Blick. Vor zwei Jahren hatte sie ein 96 Seiten dickes Dossier über das kriminelle Milieu der Wettbetrüger vorgelegt. Detailliert wurde beschrieben, dass 26 Europacupspiele unter Betrugsverdacht standen. Allein durch eine Niederlage eines estnischen Klubs gegen einen finnischen Verein im UI-Cup hatten angeblich Betrüger 3,4 Millionen Euro verdient.

Die Unterlagen wurden damals an die europäische Polizeibehörde Europol weitergereicht. In dem Uefa-Report hieß es: "Leute, die ein Spiel verschoben haben, können leicht ein bis zwei Millionen Euro pro Spiel setzen und einen Gewinn in etwa gleicher Höhe damit erzielen. Bei bedeutenderen Turnieren kann die Summe ungleich höher sein. Wir haben den starken Verdacht, dass Agenten, die das Geld für die Wettmafia in Asien einsammeln, häufig eine Hauptrolle bei der Manipulation im Fußball spielen".

Ulmer Fußballfest

Die meisten Nachforschungen - es ging im Wesentlichen um Spiele zwischen Juli 2005 und Juli 2007 - verliefen im Sande. Doch Zug um Zug hat die Uefa ein Netz aus Szene-Informanten in immer mehr europäischen Ländern geknüpft. Darunter vor allem Polizeiermittler. Beobachtet werden inzwischen, etwa in Griechenland, auch die Personen an den Vereinsspitzen. In einer Datenbank werden Spiel- und Wettdaten verknüpft.

Das Bochumer Verfahren soll sich mit Spielen in den Jahren 2008 und 2009 beschäftigen. Dass der Fall in Bochum landete, wird intern damit begründet, dass deren Abteilung zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität große Erfahrung mit aufwendigen Verfahren habe.

Der deutsche Fußball ist, wenn überhaupt, nur am Rande betroffen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erklärte, die Frühwarnsysteme für die Wettmarktüberwachung hätten keine Erkenntnisse über Manipulationen in Deutschland geliefert. Dem DFB sei aber der Sachstand in Bochum bislang nicht bekannt.

Die Ermittler dort haben den Verdacht, dass auch ein Spiel in Deutschland manipuliert worden sein könnte. Dabei soll es sich um das Freundschaftstreffen SSV Ulm gegen Fenerbahce Istanbul am 14. Juli 2009 handeln. Der türkische Erstligist, trainiert von Christoph Daum, hatte 5:0 (1:0) gewonnen. Aus den Akten ergibt sich der Verdacht, "bislang unbekannte Spieler des SSV Ulm sollen für ihre Bereitschaft zu verlieren" einen niedrigen fünfstelligen Betrag insgesamt erhalten haben. Es handelt sich dabei nur um einen Anfangsverdacht.

Der SSV Ulm, Neunter der Regionalliga Süd, hatte im Juli ein Fußballfest vor rund 10000 Besuchern gefeiert. Bilder des Regionalfernsehens zeigen, wie Roberto Carlos und Kollegen vor den begeisterten Fans in die Kabine fliehen mussten. Im Donau-Stadion vergaben die Ulmer in der Anfangsphase zwei große Chancen. Fenerbahce traf einmal vor der Pause, dann lief es besser: Gleich dreimal überwanden die Türken den Torwart mit Lüpfern aus der Distanz, einmal nutzten sie einen Abpraller nach einem Freistoß.