Fußball-Weltverband Ehrenamt macht reich - zumindest bei der Fifa

Fifa-Chef Gianni Infantino.

(Foto: Ennio Leanza/dpa)
  • Die Fifa hat 2017 an ihre ehrenamtlichen Council-Mitglieder je 250 000 Dollar ausgeschüttet - für nur drei Sitzungen. Das berichtet die New York Times. Auch DFB-Präsident Reinhard Grindel sitzt in dem Rat.
  • Bisher erschöpfte sich die teure Tätigkeit der Fifa-Ratsherren im Durchwinken von Anliegen des Präsidenten Gianni Infantino.
Von Thomas Kistner

Es gibt nicht mehr viel, was Gianni Infantino, 47, von seinem Amtsvorgänger unterscheidet. Das Alter, gewiss, im Übrigen am ehesten ein Detail, das bei seiner Fifa-Inthronisierung noch als bizarre Parallele zu Sepp Blatter, 81, herausgestellt wurde: Infantino entstammt demselben Walliser Alpensprengel. Allerdings aus einem zehn Kilometer entfernten Nachbardorf - darin liegt heute die Differenz. Ansonsten wirkt Infantino nach zwei Jahren an der Spitze des Fußball-Weltverbandes wie Blatters Wiedergänger. Den jüngsten Beleg liefern die rund zehn Millionen Dollar, die seine Fifa im Jahr 2017 allein an ihre Council-Mitglieder ausgeschüttet hat.

Den Betrag will die New York Times vor der Fifa-Bilanzlegung aus sicheren Quellen erfahren haben: zehn Millionen. Ein Grundsalär von 250 000 Dollar plus Spesen für jeden der 37 ehrenamtlichen Funktionäre, die dafür dreimal im Jahr in luxuriösem Ambiente die Wünsche ihres Bosses abnicken. Im richtigen Wirtschaftsleben werden vergleichbare Posten nach Expertenmeinung mit einem Fünftel der Fifa-Apanage vergolten. Auch Reinhard Grindel sitzt in dem üppig besoldeten Weltfußball-Rat; weitere rund 100 000 Dollar pro Jahr werden dem Chef des Deutschen Fußball- Bundes (DFB) als Vorstandsmitglied in der Europa-Union Uefa zugerechnet.

Die Strategie lautet: Mehr Geld für alle!

Bisher erschöpfte sich die teure Tätigkeit der Fifa-Ratsherren im Durchwinken von Infantinos Anliegen; belegbar ist das seit Infantinos erstem Kongress im Mai 2016. Da berief er gezielt eine völlig sportfremde UN-Mitarbeiterin namens Fatma Samoura aus Senegal als oberste Hauptamtliche ins Generalsekretariat. Teil zwei der brachialen Macht-Absicherung folgte im Mai 2017, als der neue Fifa-Autokrat seine allzu kritischen Aufpasser in den Ethikkammern und dem Governance-Komitee absetzte: Brav nickten es die Ratsherren ab. Teil drei dürfte spätestens im WM-Sommer in Russland folgen, erwartet wird, dass Infantino die überforderte Samoura durch Marco Villiger ersetzt. Der langjährige Chefjustiziar ist der letzte Überlebende der Blatter-Ära; er besitzt Königswissen.

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Wie Blatter, der seine zumeist korrupten Vorstände einst Sinnsprüche wie "Fairplay ist mein Spiel" aufs Fifa-Banner schreiben ließ, predigt Infantino Wasser, während er Wein trinkt. Statt im Fifa-Wahlkampf 2016 ein Programm vorzulegen, erzählte er der Welt Krudes über Reformen; intern betrieb er die alte Strategie erfolgreicher Sportpotentaten: Mehr Geld für alle! Fortan stehen jedem Landesverband statt einer Million Dollar im Vierjahres-Turnus vier Millionen zu, was Funktionäre vieler Länder von Vanuatu über Gibraltar bis zu den Cook-Inseln erfreut, wo es kaum mehr Einwohner gibt als eine deutsche Kreisliga Fußballer hat. Damit auch die Kleinen von der WM träumen dürfen, pumpte Infantino das Event zum Jedermann-Turnier auf: Ab 2026 sind statt 32 Teams 48 am Start.

All das kostet Geld, und wenn nicht mal bei den Salären für quasi untätige Funktionäre gespart wird, muss halt noch mehr aus dem Spiel gepresst werden. Aber dabei stellen Infantino und seine Claqueure nun fest, dass sich ein paar große Unbekannte in die Rechnung geschlichen haben. Die größten: Die Fifa redet nur von Reformen, doch unter Infantino wurde sie kein bisschen seriöser, sondern geriet noch tiefer in die Kritik - das verschreckt Sponsoren. Als Trugschluss erwies sich zudem das Kalkül, die Fifa könne dank eines um 16 Teams vergrößerten WM-Teilnehmerfeldes eine halbe Milliarde Dollar mehr bei den TV-Sendern abzocken.

Denn im Herbst brachten staatsanwaltschaftliche Ermittlungen Erstaunliches ans Licht: Der frühere Generalsekretär Jerome Valcke hatte schon 2013 unter der Hand allerlei Senderechte bis ins WM-Jahr 2030 ausgereicht, und dabei offenbar sein eigenes Auskommen nicht vergessen. Frankreichs Sonderstaatsanwaltschaft PNF, die Schweizer Bundesanwaltschaft und andere gehen dem Verdacht nach, dass Valcke für seine diskreten Rechtedeals in Südosteuropa und am Golf korrumpiert worden sei. Derweil bekam in den USA der Sender Fox die WM-Rechte 2026 nachträglich zum Schleuderpreis auf seinen WM-Vertrag für 2018/2022 draufgepackt, weil die Verlegung der Katar-WM in die Wintermonate 2022 zur Kollision mit anderen großen US-Sportarten führt.

Eingedenk solcher Machenschaften sollte es den verbliebenen Großkalibern auf dem TV-Markt, speziell in Europa, schwerfallen, sich ankündigende Defizite der Fifa mit überhöhten Zahlungen für die WM-Rechte 2026/30 zu beheben; jedenfalls den öffentlich-rechtlichen Sendern.